Süddeutsche Zeitung

Rostocker "Polizeiruf 110":Der Junge aus Irland

Eoin Moore hat das Rostocker "Polizeiruf"-Team erfunden. Kein Regisseur passt besser für einen Zweiteiler zum Jubiläum der Deutschen Einheit.

Auf der Herrentoilette des Cafés am Wasserturm, das Eoin Moore als Treffpunkt vorgeschlagen hat, stehen auf einem Regalbrett allerlei Pflegeprodukte zur Benutzung bereit - Schaumfestiger, Feuchtigkeitscreme, Deo, Wattepads. So ein "Beauty Board" - wie jemand auf das Schild darüber geschrieben hat - ist einerseits natürlich ein freundlicher Service am Gast, andererseits jedoch ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich der Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg sehr verändert hat, seit Moore im Jahr 1994 hergezogen ist.

"Damals war hier noch alles total runtergerockt", sagt er. Die meisten Wohnungen hatten nicht mal Zentralheizung. Moore studierte Regie im Westteil der Stadt und wohnte in einer kleinen Bude an der Grenze zum Bezirk Mitte. Es waren seine wilden Zeiten, und es waren die wilden Zeiten von Prenzlauer Berg.

Eoin Moore, 1968 geboren und aufgewachsen in Dublin und von einer Austauschschülerin namens Carola an die Spree gelockt, wurde Zeitzeuge der Neuerfindung Berlins nach der Wende, weshalb es passt, dass er nun als Regisseur und Drehbuchautor eines besonderen Polizeiruf 110-Krimis in diese Zeit der gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Umbrüche zurückführt.

"Wendemanöver": die Doppelfolge des Rostocker Polizeiruf

Im Zweiteiler "Wendemanöver", diesen und nächsten Sonntag zu sehen, ermitteln die Kommissare aus Rostock gemeinsam mit ihren Kollegen aus Magdeburg. Die Kommissare Bukow und König aus Rostock hat Moore mit erfunden und dem deutschen Krimifernsehen damit einen großen Gefallen getan. Die Geschichten aus Rostock bauen so konsequent aufeinander auf, wie man das aus kaum einem anderen Tatort oder Polizeiruf kennt. In seinen besten Momenten ist der Rostocker Polizeiruf großes Erzählfernsehen.

In "Wendemanöver", dem Tandem-Film mit Magdeburg, bringen ein Brandanschlag in einer Firma und die in einem Warnemünder Hotel gefundene Leiche eines Wirtschaftsprüfers die Ermittler auf die Spur eines eng an historischen Fakten orientierten Falles von Transferrubelbetrug, Wirtschaftskriminalität im Windschatten des Systemwechsels, der 25 Jahre danach wieder aufbricht und mehr als eine Familie zerstört.

Während er das Drehbuch schrieb, hat Moore sich häufig an seine Zeit als Tontechniker beim Sender Freies Berlin erinnert gefühlt, an Begegnungen mit Ostdeutschen, die den Sozialismus reformieren wollten, und mit Westdeutschen, die das Geschäft ihres Lebens witterten. Moore verhehlt nicht, dass für ihn die Falschen gewonnen haben. Banker und Industrielle hätten den Osten "plattgemacht", sagt er, "ihre Krallen in den strauchelnden Staat reingefahren". Das sieht er heute so, damals habe ihm das "Big Picture" gefehlt: "Ich war nicht reif genug zu erkennen, was da ablief."

"Die Mauer war für mich etwas völlig Selbstverständliches"

Moore war ein Junge aus Irland, der unverhofft zum Zaungast welthistorischer Ereignisse wurde, deutsche Geschichte war ihm fremd. Manchmal beobachtete er vom Bahnsteig der S-Bahn-Station Wollankstraße im Wedding, wo er vor der Wende wohnte, die DDR-Grenzer auf ihrem Wachturm, so lange, bis die mit dem Fernglas zurückguckten, eine Art Spiel.

"Die Mauer war für mich etwas völlig Selbstverständliches, wie ein Feature dieser Stadt." Als er viele Jahre später im Fernsehen eine Aufzeichnung der Silvesterfeier am Brandenburger Tor aus dem Jahr 1989 sah, längst ohne Carola, die sich für eine Banklehre und gegen ihn entschieden hatte, entdeckte er sich selbst in der Menge.

Das war nicht allzu schwer, er war ja mit einem Kamerateam vor Ort gewesen. "Meine Frau und meine Schwiegermutter, die neben mir saßen, haben sich nicht mehr eingekriegt." Und er? "Ich fand's witzig, mich als 20-Jährigen zu sehen." Witzig? Moore ist immer noch irischer Staatsbürger. Es ist nicht seine Geschichte, die 1989/90 geschrieben wurde.

Es war demzufolge auch nicht Eoin Moores Idee, den offiziellen ARD-Krimi-Beitrag zu 25 Jahre Wiedervereinigung zu schreiben. Es war die dringende Bitte der Produzentin. Das Projekt habe festgesteckt, der bisherige Autor Thomas Kirchner sollte abgelöst werden. Weil die Zeit drängte, holte Moore seine Frau Anika Wangard als Co-Autorin ins Boot. Ihre erste Zusammenarbeit, weitere sollen folgen.

Moore verfilmt Geschichten und keine Thesen

Als Head-Autor des Rostocker Polizeiruf 110 hat Moore Erfahrung mit solchen Missionen: Immer, wenn Kollegen einen Fall geschrieben haben, verhält er sich dazu und greift ein, sollte es in der Drehbucharbeit haken. Sein besonderes Augenmerk gelte der "Mikromechanik zwischen den Figuren" und deren Entwicklung, sagt Charly Hübner, der seit 2009 den Rostocker Ermittler Bukow spielt und Moore eine "Art von Menschenkenntnis" bescheinigt, "die manchmal auf den ersten Blick banal erscheint, sich aber eigentlich immer als zutreffend herausstellt".

Die "totale Offenheit", die Hübner an seinem Regisseur schätzt, konnte Moore bei "Wendemanöver" besonders gut gebrauchen, bestand die Herausforderung doch in einer dreifachen Annäherung: sowohl an den Stoff, den er sich erst zu eigen machen musste, als auch an die beiden Figuren der Magdeburger Kommissare, für die er noch keinen Fall geschrieben hatte, und damit auch an die Polizeiruf-Redaktion beim MDR.

Bis dahin war es überwiegend er gewesen, der beim NDR Themen vorgeschlagen hatte, Themen, die ihn auch privat umtreiben, etwa die Machenschaften der Pharmaindustrie. Er brauche in der Regel eine Motivation, um eine Geschichte zu erzählen, die über den reinen Kriminalfall hinausgehe, sagt er. Eoin Moore ist politisch, verfilmt aber keine Thesen, sondern Geschichten. Oder wie es Charly Hübner ausdrückt: "Am Ende muss ein Erzählwert da sein."

So sehr er sich bemüht hat: "Wendemanöver" ist ein Kompromiss aus Kirchners Vorarbeit und Moores Versuchen, daraus eine nicht nur intellektuell, sondern vor allem auch emotional anschlussfähige Geschichte zu machen. Man sieht dem Film diesen Kraftakt an.

Berührungsängste mit deutscher Geschichte

Dieser Polizeiruf 110 ist trotzdem eine wichtige Arbeit für Eoin Moore, hat sie doch seine Berührungsängste gegenüber deutscher Geschichte als Filmstoff noch weiter abgebaut als sein Tatort über den Barschel-Tod. Nach mehr als 25 Jahren in Deutschland, in denen er die Tagespolitik aufmerksam verfolgt habe, sei dieser "Respekt unbegründet", hat Moore entschieden. Jeder Film sei eine Reise ins Unbekannte. "Und wenn ich mal etwas nicht weiß, dann recherchiere ich es eben."

Als er das erste Mal gelesen habe, er sei ein "deutscher Regisseur irischer Herkunft", sagt Moore, fand er das "gewöhnungsbedürftig": So fühle er sich nicht. Am ehesten noch begreife er sich als Europäer. Und als Berliner? Schwierige Frage.

Eoin Moore ist gerade dabei, sein Leben in Prenzlauer Berg abzuwickeln. Die Ausstrahlung von "Wendemanöver" fällt zusammen mit seinem Abschied aus Berlin. Nach 27 Jahren wird er, wie nicht wenige Veteranen des Aufbruchs in der Stadt, ins Brandenburgische ziehen, 70 Autominuten entfernt. Weit weg von Interior-Design-Boutiquen, Beauty Boards und Bioläden. Weswegen der Plan ist, sich dort, auf dem 1,5 Hektar großen Grundstück, nahezu selbstzuversorgen. Und vielleicht geht es dort auch mal mit seinem ersten Kinofilm seit Im Schwitzkasten von 2005 voran, an dem er seit fünf Jahren schreibt.

"Die Gegend ist mir sehr fremd geworden", sagt Eoin Moore im Café am Wasserturm. "Ich fühle mich hier nicht mehr sonderlich wohl." Die Orte, die er mag, sind stetig weniger geworden, wie Inseln, die vom ansteigenden Meeresspiegel überflutet und schließlich ganz verschluckt werden. Für Eoin Moore ist klar, dass diese Entwicklung unumkehrbar ist. Er hat Prenzlauer Berg aufgegeben.

Die Freiräume, die früher die Stadt bot, dieses von Investoren aufgekaufte Versprechen namens Berlin, hofft er nun auf dem Land zu finden. Eoin Moore tauscht die alte Utopie gegen eine neue und nimmt die Stunden im Baumarkt dafür billigend in Kauf. Die kleine Wohnung seiner Frau in Kreuzberg behalten sie trotzdem erst mal. Man weiß ja nie.

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