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Rostocker "Polizeiruf 110":Moore verfilmt Geschichten und keine Thesen

Als Head-Autor des Rostocker Polizeiruf 110 hat Moore Erfahrung mit solchen Missionen: Immer, wenn Kollegen einen Fall geschrieben haben, verhält er sich dazu und greift ein, sollte es in der Drehbucharbeit haken. Sein besonderes Augenmerk gelte der "Mikromechanik zwischen den Figuren" und deren Entwicklung, sagt Charly Hübner, der seit 2009 den Rostocker Ermittler Bukow spielt und Moore eine "Art von Menschenkenntnis" bescheinigt, "die manchmal auf den ersten Blick banal erscheint, sich aber eigentlich immer als zutreffend herausstellt".

Die "totale Offenheit", die Hübner an seinem Regisseur schätzt, konnte Moore bei "Wendemanöver" besonders gut gebrauchen, bestand die Herausforderung doch in einer dreifachen Annäherung: sowohl an den Stoff, den er sich erst zu eigen machen musste, als auch an die beiden Figuren der Magdeburger Kommissare, für die er noch keinen Fall geschrieben hatte, und damit auch an die Polizeiruf-Redaktion beim MDR.

Polizeiruf 110: Wendemanöver (2); Wendemanöver Polizeiruf Magdeburg Rostock

Das Magdeburger Ermittlerteam von Polizeiruf 110: Jochen Drexler (Sylvester Groth) und Doreen Brasch (Claudia Michelsen).

(Foto: NDR/Christine Schroeder)

Bis dahin war es überwiegend er gewesen, der beim NDR Themen vorgeschlagen hatte, Themen, die ihn auch privat umtreiben, etwa die Machenschaften der Pharmaindustrie. Er brauche in der Regel eine Motivation, um eine Geschichte zu erzählen, die über den reinen Kriminalfall hinausgehe, sagt er. Eoin Moore ist politisch, verfilmt aber keine Thesen, sondern Geschichten. Oder wie es Charly Hübner ausdrückt: "Am Ende muss ein Erzählwert da sein."

So sehr er sich bemüht hat: "Wendemanöver" ist ein Kompromiss aus Kirchners Vorarbeit und Moores Versuchen, daraus eine nicht nur intellektuell, sondern vor allem auch emotional anschlussfähige Geschichte zu machen. Man sieht dem Film diesen Kraftakt an.

Berührungsängste mit deutscher Geschichte

Dieser Polizeiruf 110 ist trotzdem eine wichtige Arbeit für Eoin Moore, hat sie doch seine Berührungsängste gegenüber deutscher Geschichte als Filmstoff noch weiter abgebaut als sein Tatort über den Barschel-Tod. Nach mehr als 25 Jahren in Deutschland, in denen er die Tagespolitik aufmerksam verfolgt habe, sei dieser "Respekt unbegründet", hat Moore entschieden. Jeder Film sei eine Reise ins Unbekannte. "Und wenn ich mal etwas nicht weiß, dann recherchiere ich es eben."

Als er das erste Mal gelesen habe, er sei ein "deutscher Regisseur irischer Herkunft", sagt Moore, fand er das "gewöhnungsbedürftig": So fühle er sich nicht. Am ehesten noch begreife er sich als Europäer. Und als Berliner? Schwierige Frage.

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Eoin Moore ist gerade dabei, sein Leben in Prenzlauer Berg abzuwickeln. Die Ausstrahlung von "Wendemanöver" fällt zusammen mit seinem Abschied aus Berlin. Nach 27 Jahren wird er, wie nicht wenige Veteranen des Aufbruchs in der Stadt, ins Brandenburgische ziehen, 70 Autominuten entfernt. Weit weg von Interior-Design-Boutiquen, Beauty Boards und Bioläden. Weswegen der Plan ist, sich dort, auf dem 1,5 Hektar großen Grundstück, nahezu selbstzuversorgen. Und vielleicht geht es dort auch mal mit seinem ersten Kinofilm seit Im Schwitzkasten von 2005 voran, an dem er seit fünf Jahren schreibt.

"Die Gegend ist mir sehr fremd geworden", sagt Eoin Moore im Café am Wasserturm. "Ich fühle mich hier nicht mehr sonderlich wohl." Die Orte, die er mag, sind stetig weniger geworden, wie Inseln, die vom ansteigenden Meeresspiegel überflutet und schließlich ganz verschluckt werden. Für Eoin Moore ist klar, dass diese Entwicklung unumkehrbar ist. Er hat Prenzlauer Berg aufgegeben.

Die Freiräume, die früher die Stadt bot, dieses von Investoren aufgekaufte Versprechen namens Berlin, hofft er nun auf dem Land zu finden. Eoin Moore tauscht die alte Utopie gegen eine neue und nimmt die Stunden im Baumarkt dafür billigend in Kauf. Die kleine Wohnung seiner Frau in Kreuzberg behalten sie trotzdem erst mal. Man weiß ja nie.