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Rostocker "Polizeiruf 110":Der Junge aus Irland

Polizeiruf 110: Wendemanöver (1)

Die Polizeiruf-Ermittler Katrin König (Anneke Kim Sarnau, links) und Alexander Bukow (Charly Hübner, rechts) ermitteln in der Doppelfolge "Wendemanöver" mit dem Magdeburger Ermittlungsteam.

(Foto: Manju Sawhney/NDR)

Eoin Moore hat das Rostocker "Polizeiruf"-Team erfunden. Kein Regisseur passt besser für einen Zweiteiler zum Jubiläum der Deutschen Einheit.

Auf der Herrentoilette des Cafés am Wasserturm, das Eoin Moore als Treffpunkt vorgeschlagen hat, stehen auf einem Regalbrett allerlei Pflegeprodukte zur Benutzung bereit - Schaumfestiger, Feuchtigkeitscreme, Deo, Wattepads. So ein "Beauty Board" - wie jemand auf das Schild darüber geschrieben hat - ist einerseits natürlich ein freundlicher Service am Gast, andererseits jedoch ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich der Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg sehr verändert hat, seit Moore im Jahr 1994 hergezogen ist.

"Damals war hier noch alles total runtergerockt", sagt er. Die meisten Wohnungen hatten nicht mal Zentralheizung. Moore studierte Regie im Westteil der Stadt und wohnte in einer kleinen Bude an der Grenze zum Bezirk Mitte. Es waren seine wilden Zeiten, und es waren die wilden Zeiten von Prenzlauer Berg.

Eoin Moore, 1968 geboren und aufgewachsen in Dublin und von einer Austauschschülerin namens Carola an die Spree gelockt, wurde Zeitzeuge der Neuerfindung Berlins nach der Wende, weshalb es passt, dass er nun als Regisseur und Drehbuchautor eines besonderen Polizeiruf 110-Krimis in diese Zeit der gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Umbrüche zurückführt.

"Wendemanöver": die Doppelfolge des Rostocker Polizeiruf

Im Zweiteiler "Wendemanöver", diesen und nächsten Sonntag zu sehen, ermitteln die Kommissare aus Rostock gemeinsam mit ihren Kollegen aus Magdeburg. Die Kommissare Bukow und König aus Rostock hat Moore mit erfunden und dem deutschen Krimifernsehen damit einen großen Gefallen getan. Die Geschichten aus Rostock bauen so konsequent aufeinander auf, wie man das aus kaum einem anderen Tatort oder Polizeiruf kennt. In seinen besten Momenten ist der Rostocker Polizeiruf großes Erzählfernsehen.

In "Wendemanöver", dem Tandem-Film mit Magdeburg, bringen ein Brandanschlag in einer Firma und die in einem Warnemünder Hotel gefundene Leiche eines Wirtschaftsprüfers die Ermittler auf die Spur eines eng an historischen Fakten orientierten Falles von Transferrubelbetrug, Wirtschaftskriminalität im Windschatten des Systemwechsels, der 25 Jahre danach wieder aufbricht und mehr als eine Familie zerstört.

Polizeiruf 110; Polizeiruf Jenseits Eoin Moore

Eoin Moore ist in in Irland aufgewachsen und 1994 nach Berlin gezogen.

(Foto: d.i.e.film.gmbh/Olaf R. Benold)

Während er das Drehbuch schrieb, hat Moore sich häufig an seine Zeit als Tontechniker beim Sender Freies Berlin erinnert gefühlt, an Begegnungen mit Ostdeutschen, die den Sozialismus reformieren wollten, und mit Westdeutschen, die das Geschäft ihres Lebens witterten. Moore verhehlt nicht, dass für ihn die Falschen gewonnen haben. Banker und Industrielle hätten den Osten "plattgemacht", sagt er, "ihre Krallen in den strauchelnden Staat reingefahren". Das sieht er heute so, damals habe ihm das "Big Picture" gefehlt: "Ich war nicht reif genug zu erkennen, was da ablief."

"Die Mauer war für mich etwas völlig Selbstverständliches"

Moore war ein Junge aus Irland, der unverhofft zum Zaungast welthistorischer Ereignisse wurde, deutsche Geschichte war ihm fremd. Manchmal beobachtete er vom Bahnsteig der S-Bahn-Station Wollankstraße im Wedding, wo er vor der Wende wohnte, die DDR-Grenzer auf ihrem Wachturm, so lange, bis die mit dem Fernglas zurückguckten, eine Art Spiel.

"Die Mauer war für mich etwas völlig Selbstverständliches, wie ein Feature dieser Stadt." Als er viele Jahre später im Fernsehen eine Aufzeichnung der Silvesterfeier am Brandenburger Tor aus dem Jahr 1989 sah, längst ohne Carola, die sich für eine Banklehre und gegen ihn entschieden hatte, entdeckte er sich selbst in der Menge.

Das war nicht allzu schwer, er war ja mit einem Kamerateam vor Ort gewesen. "Meine Frau und meine Schwiegermutter, die neben mir saßen, haben sich nicht mehr eingekriegt." Und er? "Ich fand's witzig, mich als 20-Jährigen zu sehen." Witzig? Moore ist immer noch irischer Staatsbürger. Es ist nicht seine Geschichte, die 1989/90 geschrieben wurde.

Es war demzufolge auch nicht Eoin Moores Idee, den offiziellen ARD-Krimi-Beitrag zu 25 Jahre Wiedervereinigung zu schreiben. Es war die dringende Bitte der Produzentin. Das Projekt habe festgesteckt, der bisherige Autor Thomas Kirchner sollte abgelöst werden. Weil die Zeit drängte, holte Moore seine Frau Anika Wangard als Co-Autorin ins Boot. Ihre erste Zusammenarbeit, weitere sollen folgen.