Rose Byrne im Porträt:Emanzipatorische Hüpfer

Rose Byrne arriving at the premiere of The Wife in West Hollywood California July 23 2018 West

"Das Fernsehen hat traditionell gute Frauenrollen", sagt Rose Byrne.

(Foto: imago/Runway Manhattan)

Rose Byrne spielt mal in Komödien und mal in Projekten, bei denen es um feministische Kämpfe geht. Die Serie "Physical" vereint beides.

Von Susan Vahabzadeh

Wahrscheinlich schlagen zwei Herzen in der Brust von Rose Byrne - eines für den Feminismus und für Kunst von politischer Tragweite und ein zweites, das für jeden Blödsinn zu haben ist. Sie ist in einer ganz ernsthaften Rolle berühmt geworden, als Nachwuchsanwältin an der Seite von Glenn Close in der Serie Damages. Ihren Durchbruch auf der Leinwand aber hatte sie in einem anderen Fach - als zickige Helen, die in Judd Apatows Bridesmaids herumintrigiert und als einzige die legendäre Brautkleidladen-Szene einigermaßen in Würde übersteht, während sie um ihre aufs Übelste von einer Lebensmittelvergiftung erfassten Freundinnen herumstolziert. Bridesmaids galt als Meilenstein - Fäkalhumor war im Kino bis dahin Männern vorbehalten. "Ich war", sagt Rose Byrne heute beim Videocall aus Australien, "in der Hinsicht naiv". So ungewöhnlich seien ihr diese Frauenrollen gar nicht vorgekommen, als sie den Film drehte.

Seither ist Rose Byrne, 1979 in Australien geboren, als Komikerin eingeführt. In der neuen Apple-Plus-Serie Physical dreht sich alles um sie, und ihre Figur Sheila kann jedes bisschen Humor gebrauchen. Physical spielt in einer Ära, an die sich Byrne selbst nicht einmal erinnern kann. 1980 ist Sheila mit ihrem Mann nach San Diego gezogen, er arbeitet an einem College und fliegt bald dort heraus, und Sheila muss nun außer ihren eigenen Problemen auch noch seine lösen. "Physical ist - wie soll ich sagen: düster, aber dennoch eine Komödie. Es ist nicht wie Bridesmaids, das was Judd Apatow Hard Comedy nennt. Ich liebe diesen Ausdruck", sagt sie. Wie es zu dem Fachwechsel kam? "Wenn man als Schauspielerin ehrlich ist, will man doch einfach verschiedene Sachen ausprobieren. Erst habe ich lange darauf gewartet, ernste Rollen zu bekommen, und dann wollte ich unbedingt komische spielen."

Bald soll sie Jacinda Ardern spielen - das Projekt um das Christchurch-Attentat finden viele jedoch taktlos

Vor ein paar Jahren hat Rose Byrne im Guardian darüber geschrieben, wie ihr ernsthaftes Schauspielerinnenherz erwachte, als sie mit 16 im Theater aus einem Arthur-Miller-Stück lernte, dass es mehr gibt für Schauspieler als nur Unterhaltung. Sie hat inzwischen ihren eigenen inhaltlichen Mehrwert gefunden - mal spielt sie auf der Bühne Medea, dann wieder in einer Komödie, aber oft entscheidet sie sich für Projekte, in denen es irgendwie um feministische Kämpfe geht. Im vergangenen Jahr startete in den USA die Serie Mrs. America, die handelte davon, wie eine rechte, antifeministische Aktivistin namens Phyllis Schlafly in den Siebzigern einen Zusatz zur amerikanischen Verfassung bekämpfte, der die Gleichstellung sichern sollte. Rose Byrne spielte Schlaflys Gegenspielerin - Gloria Steinem, eines ihrer Idole. Demnächst soll sie in They Are Us von Andrew Niccol die neuseeländische Regierungschefin Jacinda Ardern spielen - das Projekt trifft allerdings in Neuseeland auf erheblichen Widerstand, es geht um das Christchurch-Attentat, und viele Menschen finden eine solche Verfilmung taktlos.

Da ist Physical mit seinen Seitenhieben auf die Reagan-Ära deutlich harmloser: Sheilas Mann Danny beschließt, als das College ihn nicht mehr will, dass die Politik auf ihn gewartet hat. "Er ist so unfassbar arrogant - ich liebe Danny als Figur", sagt Rose Byrne. Sheila ist eine schwarze Charakterstudie, und Byrne kann in ihr alles geben, was sie als Schauspielerin kann, den schwarzen Humor so sehr wie eine traurige Zerrissenheit, die Sheila erfasst, wenn sie anfängt, über ihr Leben nachzudenken. An manche Dinge hat sich Sheila gewöhnt, obwohl sie ihr immer noch nicht gefallen. Sie nimmt es mit äußerlicher Gelassenheit, wenn ihr Mann auf Partys ihre Ideen als seine frisch entdeckten Erkenntnisse präsentiert. Aber wir hören ja, was in ihrem Kopf vorgeht. Und sind bei ihr, auch wenn er es nicht ist. Wenn man sie das erste Mal in einem abgewrackten Motel-Zimmer sieht, ahnt man noch nicht, wie tief hier in ihre Abgründe geschaut wird. "Sheilas Ehe sieht von außen betrachtet ganz fortschrittlich aus", sagt Rose Byrne über die Rolle, "aber in Wirklichkeit ist diese Ehe durch und durch traditionell. Sie hat die Nebenrolle. Sie ist die unterstützende Strategin im Hintergrund. Sie ist krank - und kann es nicht einmal ausdrücken. Sie braucht ein Ventil." Das findet sie dann, als sie in Kontakt mit einer Sportart gerät, die einzig und allein nur für Frauen da ist: Aerobic.

Byrne sieht Aerobic-Videos als Vorläufer von Social Media: "Keine Kim Kardashian ohne Jenny Craig."

Für Rose Byrne ist das alles vor ihrer Zeit, aber sie kann sich aus ihrer Kindheit in Australien gut daran erinnern, worum es dabei eigentlich geht - die Fitness, der Schlankheitswahn, der auch damit zu tun hat, sind nur ein Teil dessen, was die Hausfrauen suchten, als sie anfingen, zu Jane Fondas Video-Anweisungen vor dem Fernseher herumzuhüpfen: "Wellness und Sport waren für meine Mutter Luxus. Es war nicht selbstverständlich, solch eigenen Freiraum zu haben." So gesehen waren Aerobic tatsächlich ein kleiner Hüpfer der Emanzipation. Rose Byrne sieht darin noch etwas anderes, das klingt schon furchterregender: Die Aerobic-Videos sieht sie als Vorläufer der sozialen Medien von heute: "Keine Kim Kardashian ohne Jenny Craig." Craig war in den Achtzigern eine der ersten, die ein Diät- und Lifestyle-Imperium aus dem Nichts aufbaute.

Ist es leichter, eine Serie um Frauenfiguren herum zu konzipieren und tatsächlich durchzubringen, als es bei Kinofilmen der Fall ist? Da hat es ja den Durchbruch zu vielen Filmen, in deren Mittelpunkt eine weibliche Figur gibt, nicht gegeben. "Das Fernsehen hat traditionell gute Frauenrollen", sagt Rose Byrne. "Helen Mirren in Prime Suspect beispielsweise, das ist inzwischen ein Klassiker. Oder Nurse Jackie mit Edie Falco. Aber es gibt ja auch Kinofilme wie Nomadland - und das haut einen um. Im Kino gibt es ja dauernd Superhelden und Roboter - und der Rest wird eben gestreamt. Ich bin gespannt, ob sich nach der Pandemie etwas grundlegend verändert."

© SZ/cag
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"Physical" bei Apple+
:Die Stimme in ihrem Kopf

In der Serie "Physical" dürfen die Zuschauer am elenden Innenleben einer Aerobic-Fanatikerin teilhaben. Ein großes Vergnügen.

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