Riccardo Simonetti:Im Garten Eden

Legendär! Unsere Helden der 80er - Eine Zeitreise mit Riccardo Simonetti

"Alles, was ich fordere, ist ein Platz am Tisch": Riccardo Simonetti.

(Foto: Annika Fußwinkel/WDR)

Als Schüler trug Riccardo Simonetti Paillettenblazer, nun fällt als Moderator im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf. Passt er dorthin?

Von Dennis Müller

Ein guter Fernsehmoderator, findet Riccardo Simonetti, müsse wortgewandt sein. Das würden viele vergessen. Es verwundert nicht, dass er bei den Grundlagen anfängt. Damit hat er auch begonnen, als er als Kind die Sitcom Friends schaute, um dabei Jennifer Anistons Schauspiel nachzuahmen. Der 28-Jährige hat Unterhaltung immer als etwas verstanden, das man erlernen kann. Denn reines Talent, da war er sich sicher, würde für einen schwulen Mann nicht ausreichen. Jedenfalls nicht für einen, der seine langen braunen Haare und die Schminke in seinem Gesicht nicht verstecken wollte.

Simonetti trägt ein selbstdesigntes, ärmelloses Shirt, im Hintergrund hängt eine Regenbogenfahne. Dieser Tage erreicht man ihn nur digital in seiner Berliner Wohnung, wo er sich gerade sonst nur selten aufhält. Meistens ist er unterwegs, moderiert den ZDF-Fernsehgarten an der Seite von Andrea Kiewel - jene Mainzer Institution, die dem ZDF-Stammpublikum seit 1986 gute Laune macht. Er bereitet mit Jan Böhmermann in dessen neuer Kochshow Lasagne zu, am Tag darauf startet seine Samstagabendsendung im WDR. Ein Umfeld, in dem man eine schillernde Figur wie ihn kaum vermutet, wo er aber unbedingt hingehört.

Lamentieren hilft nicht, findet Simonetti

Auf die Bühne zog es Simonetti schon früh: Mit vier Jahren begann er mit Schauspielunterricht, in seiner Schulzeit spielte er Theater, bereits mit 14 kamen auch Fernsehen und Radio dazu. Richtig bekannt wurde er aber durch seinen Internet-Blog The Fabulous Life of Ricci, in dem er über sein Leben und seine Idole, Popstars wie Britney Spears oder Paris Hilton, schrieb. Über die, erklärt er, habe die Klatschpresse ähnlich viel Unsinn erzählt wie seine Mitschüler, die Simonettis Art in seiner bayerischen Heimat Bad Reichenhall nicht akzeptierten. Statt sich zu verstecken, ergriff Simonetti die Flucht nach vorn: "Wenn Lady Gaga mit zwei Muschelschalen und einem Tanga-Bikini am Flughafen sein kann", habe er sich gesagt, "dann kann ich auch in der Schule ein Haarband und einen Paillettenblazer tragen."

Sieht man ihn an, würde man nicht glauben, dass Simonetti gerade zur Allzweckwaffe des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mutiert. Nicht weil man es ihm nicht zutraut, sondern weil Leute wie er dort nie sichtbar waren. Der ehemalige ARD-Programmdirektor Volker Herres konnte in einem Interview aus dem vergangenen Jahr keine Frau nennen, die Shows am Samstagabend moderieren könne. Nach schwulen Männern, die optisch nicht dem Bild des grau melierten Kurzhaarträgers entsprechen, hat man ihn gar nicht erst gefragt. Aber lamentieren hilft nicht, findet Simonetti: "Wenn man möchte, dass es in Zukunft besser wird, muss man bereit dazu sein, das Ruder herumzureißen und zu zeigen: Ich leiste jetzt meinen Beitrag."

Auch im Fernsehgarten steht er in Paillettenshorts und bekommt Applaus. Das Durchschnittsalter im ZDF und WDR liegt bei über 60. Die Auftritte des 28-Jährigen aber als Provokation eines hippen, queeren Wahl-Berliners zu deuten, wäre falsch. Simonetti wollte schon immer Sendungen für die ganze Familie machen - genau wie Thomas Gottschalk, einst der erste Interviewgast in einer Radiosendung, die er als Teenager moderierte. Einmal habe ihm eine 89-Jährige geschrieben, sein Auftritt habe ihr spät die Augen über ihre eigene Sexualität geöffnet. "Das hat mich motiviert, weiterhin zu einem Publikum zu sprechen, das nicht unbedingt meine Fanbase ist."

Wenn man Simonetti so reden hört, klingt das oft mehr nach Aktivismus als nach Unterhaltung. Dem ist er sich bewusst: "Ich hoffe, dass ich irgendwann kein Aktivist mehr sein muss und einfach nur Entertainer sein kann." Im Februar ernannte ihn das Europäische Parlament zu seinem LGBTQI*-Sonderbotschafter. Als solcher führt er zwar nicht durch den ZDF-Fernsehgarten, dennoch deuten viele seine Auftritte als politische Statements. So ist in den Tagen nach einer Sendung nicht über seine Moderationsleistung zu lesen, sondern über die Morddrohungen, die in seinem Postfach landen. Für die "wenigen schwarzen Schafe", wie Simonetti die Schwulenhasser nennt, scheint es unvorstellbar, dass er sie mit seiner extravaganten Kleidung und dem Make-up nicht bekehren will. "Alles, was ich fordere, ist ein Platz am Tisch", sagt er. "Ich finde, dafür ist es höchste Zeit."

Aus seiner Selbstliebe mache er keinen Hehl, sagt Bettina Böttinger über ihn

Als sich Simonetti mit dem Traum einer generationsübergreifenden Show, beflügelt vom Erfolg seines Blogs, mit Anfang 20 bei einigen Senderchefs vorstellte, hätten sie ihn belächelt, erzählt er. Schwule Moderatoren kämen laut deren Marktforschung nicht gut an. "Das war für mich ein Moment, in dem mein Traum geplatzt ist, weil ich gemerkt habe: Ich habe mein Leben lang auf so viele Dinge verzichtet, ich habe mich so auf diesen Job vorbereitet." Und doch blieb er sich treu und machte weiter, wenn auch zunächst in einer Nische.

Dass Simonetti mittlerweile angekommen ist im Fernsehen, liegt einerseits natürlich an ihm. Seine erste eigene Sendung wurde für den Spartensender E! Entertainment zum Erfolg, in Talkrunden wie dem Kölner Treff bekam er immer wieder eine Bühne. Bettina Böttinger, die Moderatorin der Sendung, erinnert sich noch gut an seine Auftritte im Kölner Treff. An Simonetti bewundere sie vor allem, dass er "aus seiner Selbstliebe keinen Hehl macht", sagt sie der SZ. Damals erzählte er Böttinger, dass er sich selbst Liebesbriefe schreibt. Sich dieses Selbstbewusstsein zunutze zu machen, um mutig für die queere Community einzustehen, das mache ihn aus. "Er macht das auf eine Art und Weise", sagt sie, "die im wahrsten Sinne etwas sehr Zauberhaftes hat."

Andererseits weiß Simonetti sehr genau, was die TV-Anstalten an ihm haben. Schließlich passt kaum jemand so gut zum Zeitgeist der regenbogenfarbenen Senderlogos und Diversity-Kampagnen wie er. Der Gefahr, dass man sich mit seinem Gesicht schmücken könnte, während hinter den Kulissen alles beim Alten bleibt, ist sich Simonetti bewusst. Bei Legendär, seiner neuen WDR-Show, in der er mit Prominenten zurück in vergangene Jahrzehnte reist, habe er aber von Anfang an ein gutes Gefühl gehabt. "Sie setzen auf mich in einem Format, in dem es gar nicht hauptsächlich um Queerness geht", sagt er. "Das ist eben der Unterschied." Das bedeutet allerdings nicht, dass Simonetti der Show nicht auch seine eigene, queere Note verleiht: Während andere Zeitreise-Sendungen die Vergangenheit oft nostalgisch verklären, spricht Simonetti mit Moderator Ingolf Lück über die Aids-Krise und reflektiert mit Thomas Anders seine Anfangszeit als Musiker mit vermeintlich femininem Aussehen. Simonetti, der mit Haarband und Paillettenblazer in die Schule ging, kann da natürlich mitreden.

© SZ/cag
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