Parteien auf Youtube Youtube sprechen lernen

Gruppenbild: Angela Merkel im Gespräch mit Youtubern.

(Foto: Wolfgang Kumm/dpa)
  • Die Youtube-Kanäle der deutschen Parteien dienen bisher eher als verlängerter Partei-Sender und Mediathek.
  • Formate, die Sprache und Form von Youtube gerecht werden, sucht man dort meist vergeblich.
  • Um in Fällen wie dem des Videos von Youtuber Rezo in Zukunft nicht hilflos zu wirken, müssen sich die Parteien dem dortigen Publikum stärker zuwenden.
Von Quentin Lichtblau

Wer herausfinden will, wie sich die CDU selbst dieser Tage auf Youtube präsentiert, sieht erst einmal blau: Die Suchergebnisse unter dem Begriff "CDU" listen zuallererst das Video des Youtubers Rezo auf, darunter Reaktionen und Einordnungen anderer Youtuber, stets bebildert mit Rezos blauem Haarschopf. Wer sehr geduldig scrollt, landet irgendwann beim Kanal der CDU, und schon bei der Namensgebung wird deutlich, dass sich die Partei nur bedingt den Möglichkeiten zeitgemäßer Kommunikation auf der Plattform widmet: Er heißt cdutv. TV wie Fernsehen, TV wie total veraltet. Der Youtube-Kanal als Partei-Sender mit Interview-Schnipseln, Wahlwerbespots, als Mediathek für Parteitags-Berichte und urheberrechtlich fragwürdige ARD- und ZDF-Mitschnitte, die am Donnerstag nach einem Tweet-Hinweis des Satirikers Nico Semsrott entfernt wurden.

SPD, Grüne und FDP führen auf der Plattform ein ebenso mittelmotiviertes Schattendasein: Zum Großteil nutzen sie Youtube als Archiv und Inszenierung ihrer Aktivitäten außerhalb der Plattform - zunehmend auch in Form einer pseudo-objektiven Berichterstattung, die sich an den Formen des klassischen Journalismus anlehnt.

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Der Youtuber Rezo rechnet in 55 Minuten mit der CDU ab. Die Partei kündigt erst ein eigenes Video mit Philipp Amthor an - und zieht dann zurück. Ein eigenartiges Krisenmanagement.

Youtuber aber tun andere Dinge, sie youtuben, auch wenn niemand dieses Verb benutzt: Eine radikal personalisierte Form der Massenkommunikation nach völlig anderen Kriterien, als im gemeinhin als "echtem" Mediengeschehen wahrgenommenen Fernsehen: Subjektiv, vielleicht nicht immer präzise, auf den ersten Blick auch anmaßend. Aber auch: zugewandt, privat, kumpelig. Und auch wenn die Youtuber dabei manchmal überinszeniert wirken - für solche Eigenschaften sind Politiker eben eher nicht bekannt. Der Umkehrschluss, dass Youtuber in ihrer Non-Chalance nicht imstande wären, politisch zu argumentieren, hat sich mit dem Video von Rezo als falsch erwiesen, auch die gängige These, dass sich langatmige Beiträge im schnellebigen Netz eher versenden.

Die Parteien haben hier bisher eher zufällige Viral-Hits gelandet, mit Reden von Christian Lindner, Cem Özdemir oder eben auch: Philipp Amthor, der 2017 einen Antrag der AfD rhetorisch sezierte. Die gleiche Verve ließe sich auch in noch Youtube-freundlichere Formen verpacken, oft fehlt wohl noch der Wille sowie das Bewusstsein, dass hier künftig die größten Reichweiten für die eigene Botschaft zu finden sein werden. An einem Entgegenkommen hatten sich zuletzt Angela Merkel und Martin Schulz im Wahlkampf 2017 versucht, sie luden mehrere Youtuber zu einer Art Gruppen-Interview, wobei sich beide Seiten in diesem Format alles andere als wohl zu fühlen schienen.

Der richtige Weg: Dem Youtuber im eigenen Terrain begegnen

Versuche, sich tatsächlich selbst der Sprache und Formen der Youtuber zu bedienen, muss man auf den Kanälen der Parteien noch mit der Lupe suchen. Aktuell stellen sich bei SPD und FDP die Europa-Kandidaten in kurzen Videos vor, 30 Sekunden, drei Fragen, ein Versuch, sich der vermeintlich geringen Aufmerksamkeitsspanne junger Netz-Zuschauer anzunähern. Eine FDP-Kandidatin recycelte vor wenigen Tagen einen alten Gag der Satirikerin Sophie Paßmann, indem sie auf Youtube als Influencer-Persiflage die Unterlagen zur Europawahl bearbeitete. Der SPD-Europaabgeordente Tiemo Wölken versuchte sich an einem "Reaction-Video", also einer direkten Antwort auf die Vorwürfe von Rezo, der in seinem Video auch nicht mit Kritik an der SPD sparte. Vor einem sorgsam drappierten Bücherregal mit Europaflagge, SPD-Tassen und Staatstheorie-Bänden geht er darin auf die einzelnen Argumente ein. Und auch wenn das nur halb so unterhaltsam und pointiert wie bei Rezo abläuft, ist der Versuch, den Youtubern auf ihrem eigenen Terrain und in ihrer Sprache zu begegnen, eben doch der richtige.

Dem Video wie die CDU zunächst mit Verachtung, dann mit dem angedeuteten Amthor-Video und nun mit einem verspäteten Dialog-Angebot durch Generalsekretär Ziemiak zu begegnen, wirkt dagegen eher ungelenk. Dass der von Annegret Kramp-Karrenbauer höchstpersönlich ins Spiel gebrachte Amthor mit seinem zwar jungen Alter, aber eben doch eher ältlich wirkendem Auftreten hier vielleicht nicht ganz die richtige Besetzung gewesen wäre, liegt auf der Hand. Möglicherweise wäre eine Diana Kinnert, die sich bewusst einer Art zukunftsgewandtem Konservatismus verschrieben hat, die bessere Wahl gewesen. Um tatsächlich Youtube sprechen zu lernen, braucht es vielleicht aber auch ein völlig neues Berufsbild, kumpelig, subjektiv, zugewandt: den parteieigenen Youtuber.

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