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Reporterpreis 2020:Der Journalist, die Aufsicht und das Kartenhaus

Enthüllungsjournalist Dan McCrum von der "Financial Times"

Er recherchierte jahrelang kritisch über Wirecard: Dan McCrum von der "Financial Times".

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Dan McCrum hat sechs Jahre lang daran gearbeitet, die Machenschaften von Wirecard aufzudecken. Am Montagabend erhält der Journalist dafür den Reporterpreis - ausgerechnet Olaf Scholz, Dienstherr der deutschen Finanzaufsicht, die nichts bemerkte, hält die Laudatio.

Von Meike Schreiber

Ob sich Finanzminister Olaf Scholz für die Lobesrede überwinden musste, wird man wohl nicht erfahren. Es wäre aber denkbar, schließlich ehrt Scholz am Montagabend mit Dan McCrum von der Financial Times einen Mann, der nicht nur von London aus den Wirecard-Skandal, den wohl größten Wirtschaftsskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte, aufgedeckt hat. Er ehrt auch denjenigen, dessen Enthüllungen die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), die Scholz unterstellt ist, in die tiefste Krise ihres 20-jährigen Bestehens gestürzt hat. Nach allem, was im Wirecard-Fall passiert ist, wirkt es schließlich nach wie vor wie ein Wunder, dass Felix Hufeld, der Präsident der Bafin, noch immer im Amt ist. Der, der ihn absetzen könnte, ist sein Dienstherr Olaf Scholz. Der Veranstaltung am Montagabend verleiht das eine etwas skurrile Note - zumindest für all jene, die die Hintergründe kennen.

Den mutmaßlichen Bilanzbetrug bei Wirecard aufgedeckt haben nämlich nicht die Aufsichtsbehörden, sondern die Medien, allen voran die Financial Times. Für seine Arbeit erhält Dan McCrum dieses Jahr den Reporterpreis.

Noch vor Jahresfrist war dies alles nicht absehbar: Der frühere Wirecard-Konzernchef Markus Braun und sein Vorstandskollege Jan Marsalek hatten der Financial Times vorgeworfen, sie berichte wahrheitswidrig und mache mit kriminellen Spekulanten gemeinsame Sache gegen das aufstrebende deutsche Unternehmen. Seither ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Ex-Chef Markus Braun, der die Vorwürfe bestreitet, den flüchtigen Vorstand Jan Marsalek und andere Konzernmanager wegen Betrugsverdacht in Milliardenhöhe.

"Große Verdienste um den Rechtsstaat, unser Gemeinwesen und auch um den Finanzstandort Deutschland"

Gehör fanden Braun und Marsalek aber ausgerechnet bei der deutschen Finanzaufsicht Bafin, die nicht nur Börsenspekulationen gegen die Wirecard-Aktie verbot, sondern im Frühjahr 2019 auch noch Anzeige gegen Dan McCrum und seine Kollegin Stefania Palma wegen des Vorwurfs der Marktmanipulation erstattete - statt sich darum zu bemühen, Wirecard nach all den Warnungen genauer in den Blick zu nehmen. Erst mit der Pleite des Konzerns stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen die beiden Journalisten ein.

Für die falschen Vorwürfe gegen die Financial-Times-Reporter hat sich bislang niemand entschuldigt, weder Olaf Scholz noch Bafin-Chef Hufeld. Letzterer vertritt den Standpunkt, die Bafin habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt und sei pflichtgemäß Verdachtsmomenten nachgegangen, sagte er kürzlich auf einer Konferenz. Hatte Hufeld in den Tagen der Pleite noch einen Hauch von Selbstkritik erkennen lassen, hält er den Wunsch nach einer Entschuldigung inzwischen für "obszön". Sie sei der Versuch, "eine Aufsicht mürbe zu machen". Mehr gebe es dazu nicht zu sagen.

Scholz lobt nun Dan McCrum in seiner Reporterpreis-Laudatio, die der SZ vorab vorlag. Er habe mit seinen Berichten und Reportagen nicht nur einen Meilenstein des investigativen Journalismus gelegt. "Er hat sich damit auch große Verdienste um den Rechtsstaat, unser Gemeinwesen und auch um den Finanzstandort Deutschland erworben."

Dan McRum dankt in seiner Rede vor allem den Whistleblowern

In detektivischer Kleinstarbeit habe McCrum mehr als sechs Jahre lang komplexe Verhältnisse durchdrungen, in denen nichts gewesen sei, wie es schien, sagt Scholz in der Laudatio. Schicht für Schicht habe er aufgedeckt, dass die Bilanzen nicht stimmten. "Er hat das gemacht, was gute Journalistinnen und Journalisten tun: Er hat sich durch die Zahlen gewühlt und dann Fragen gestellt", sagt Scholz in der vorab aufgezeichneten Rede. Und er habe Informationen von Insidern, von Whistleblowern, ausgewertet und eingeordnet. Er habe dies gegen viele Widerstände und trotz mancher Unterstellungen getan. "Unzählige Analysten haben an Wirecard geglaubt und eine Erfolgsgeschichte erzählt", so Scholz. Auch die Wirtschaftsprüfer hätten über Jahre nichts beanstandet. Es sei gut, dass dies nun in einem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss untersucht und aufgeklärt werde.

Zur Geschichte gehöre aber auch, dass es Ermittlungen gegen Dan McCrum gab, erklärt nun Bafin-Dienstherr Scholz, was aufhorchen lässt. Unerwähnt bleibt in seiner vorab aufgezeichnete Rede, die der SZ vorlag, dass eben ausgerechnet die Bafin die Ermittlungen losgetreten hatte - und damit Wirecard unfreiwillig half, die Lügengeschichten aufrechtzuerhalten. Scholz sagt weiter, er sei froh, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt habe und sich jetzt auf die Täter konzentriert. Er sei Dan McCrum, dessen Kollegin Stefania Palma sowie der Financial Times daher dankbar.

2014 hatte der 42-jährige Journalist und frühere Bankenanalyst Dan McCrum damit begonnen, sich mit Wirecard zu beschäftigen, ein Jahr später schrieb er eine erste Serie von kritischen Artikeln über das Unternehmen, die er "House of Wirecard" nannte. Erst sechs Jahre später fiel der Konzern in sich zusammen wie ein Kartenhaus - ohne McCrums Recherchen hätte es wohl noch länger gestanden. Die Recherchen der Financial Times wiederum wären schwierig bis unmöglich gewesen, hätten sich nicht anonyme Hinweisgeber aus dem Unternehmen gemeldet. Entsprechend bedankt sich McCrum ausweislich seiner Dankesrede, die der SZ ebenfalls vorab vorlag, allen voran bei den Whistleblowern. Sie seien persönlich hohe Risiken eingegangen. Ohne ihren Mut hätte es keine Wirecard-Artikel gegeben, und Wirecard würde womöglich noch bestehen, sagte McCrum: "Meine Hoffnung ist, dass das zu einem Umdenken führt und sich Whistleblower in Deutschland künftig sicherer fühlen, über das zu sprechen, was passiert." Außerdem sei er dankbar, dass die Financial Times die Anwaltsrechnung bezahlt habe, sagte McCrum, ohne freilich die Anzeige der Bafin zu erwähnen. Vielleicht britische Höflichkeit eben.

Zur Wahrheit gehört auch, dass die Arbeit der Financial Times auch durch einige Medienberichte in Deutschland noch zusätzlich erschwert wurde, die den Verdacht nährten, dass die FT-Reporter unsauber arbeiten könnten. Daraufhin sah sich die Zeitung gezwungen, eine interne Untersuchung gegen ihre eigenen Mitarbeiter einzuleiten. Drei Monate lang erschien kein Text mehr zu Wirecard. Das Unternehmen sammelte währenddessen 1,4 Milliarden Euro von Investoren ein - Geld, das für immer verloren ist.

© SZ/tmh/tyc
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