Reporter-Porträt Der Welterklärer

Wenn der Reporter Gerd Ruge - hier 1992 in Moskau - die Menschen irgendwo auf der Welt zum Reden bringen wollte, dann genügte ihm manchmal schon die recht offene Frage: "Und?"

(Foto: imago/teutopress)

Gerd Ruge nuschelte für die ARD die vertrauenswürdigsten Berichte und Analysen aus Russland, China und den USA. Jetzt wird er 90 Jahre alt. Und sorgt sich um die Werte des deutschen Fernsehens.

Von Hans Hoff

Als Gerd Ruge zum Rundfunk kam, gab es noch fremde Länder. So wie Jugoslawien, wo der 22-jährige Ruge 1950, also vor 68 Jahren, seine ersten Schritte als Auslandsreporter unternahm, ein Jahr, nachdem er als Journalist zum relativ jungen Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) gestoßen war. Jugoslawien lag zwar praktisch vor der Haustür, war damals aber noch genauso eine andere Welt, eine, für die man ein Visum brauchte. Dieses Fremde hat Ruge immer interessiert. Wo es fremd wirkte, da war er zu Hause.

Heute, da man fast jeden Ort der Welt in einer absehbaren Zahl von Flugstunden erreichen und von dort senden kann, wirkt vieles aus Ruges frühem Reporterleben wie aus einer sehr fernen Vergangenheit. Nichts an der Fremde ist mehr so wie in der Zeit, als er angefangen hat.

Nur Gerd Ruge, der ist immer noch da, als ein inzwischen nicht mehr ganz so beredter Zeuge der deutschen Rundfunkgeschichte. Ein Interview zu seinem 90. Geburtstag, den er an diesem Donnerstag feiert, kommt nicht zustande. Stattdessen gibt es ein dürres Statement, in dem er die Rolle einer unabhängigen journalistischen Berichterstattung betont. "In den Jahren des Kalten Krieges, des Zusammenbruchs der Sowjetunion, der vom Vietnamkrieg und der Bürgerrechtsbewegung geprägten Sechzigerjahre in den USA und schon zuvor in Titos Jugoslawien und angesichts der Spannungen des Koreakrieges - an all diesen Schauplätzen habe ich die Arbeit für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Möglichkeit gesehen, komplex und in die Tiefe gehend zu berichten", schreibt er und verbindet das mit dem Appell, den Weltspiegel zu pflegen.

Der Weltspiegel ist jenes Format, das er 1963 mitangeschoben hat, das ihm oft Plattform für seine Geschichten war und das es wundersamerweise heute noch gibt. "Neben der schnellen Nachricht muss auch heute vernünftiger Hintergrundjournalismus gewährleistet sein", schreibt Ruge dann noch, und irgendwie tut es ein bisschen weh, dass er so etwas überhaupt anmahnen muss.

Ruge war immer ein Mann für den Hintergrund. Das lag vor allem daran, dass es sehr lange sehr viel Hintergrund gab. Weil nicht jeder umfallende Reissack in Longsheng gleich als Pushnachricht auf den Smartphones in aller Welt auftauchte, musste jemand raus und die Dinge in die deutsche Welt holen. Es gab noch Unbekanntes zu entdecken und den Fernsehzuschauern daheim zu vermitteln, und einer der besten Vermittler jener Jahre hieß nun mal Gerd Ruge.

Man kann endlos aufzählen, was er alles gemacht und geschafft hat, dass er Korrespondent in Moskau und in den USA war, dass er ein paar Jahre Monitor moderierte, dass er zu den Gründern der deutschen Sektion von Amnesty International gehört, dass er beim WDR kurz als Fernsehchefredakteur fungierte und zwischendrin dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch mal untreu wurde und eine Zeit lang für die Welt aus Peking berichtete. All das beschreibt aber trotz der Fülle nicht das wahre Wirken dieses Journalisten, der für eine gehörige Zeit zur Grundausstattung des deutschen Fernsehmöbels zählte.

Lange galt: Wenn Ruge in der Glotze auftaucht, ist es wichtig. Er war Mittler zwischen der großen Welt da draußen und dem vergleichsweise kleinen Deutschland. Ruge war nah dran, als Martin Luther King und Robert Kennedy ermordet wurden, er war 1991 in Moskau, als man dort putschte. Wenn etwas Wichtiges passierte, konnte man ihm stets vertrauen. Das, was er reportierte, entsprach der Wahrheit.

Ruge hat sich nie gescheut, den unbequemen Weg zu gehen. Wenn es steinig wurde, kam er auf Betriebstemperatur. Erst nachdem er sich 1993 in den Ruhestand verabschiedet hatte, ließ er es ein wenig ruhiger angehen und verlegte sich auf Reportagen aus Ländern, die ihm einfach nur am Herzen lagen. Nach Sibirien ging es, nach China, aber auch nach Südafrika oder nach Afghanistan. Diese Filme hatten alle etwas gemeinsam: den Mann, der irgendwo in der Pampa aus einem Kleinbus ausstieg und dem nächststehenden Bewohner sein blaues Mikrofon unter die Nase hielt. Er fragte dann, wie das Leben so ist, und gelegentlich wurde man den Eindruck nicht los, dass seine Frage nur aus einem Wort bestand: "Und?"

Das ist ihm oft als journalistische Naivität vorgeworfen worden, und in der Tat hätte man solch eine Herangehensweise jedem Volontär um die Ohren gehauen. Aber bei einem wie Ruge verfingen solche Vorwürfe nicht, weil er zeit seines Tuns ein großer Menschenöffner geblieben ist. In seiner Gegenwart war gut reden. Sein Gegenüber spürte immer, dass da jemand wirklich an der Sache, am Menschen interessiert war und nicht bloß O-Töne abgriff. "In seinen Filmen redete er mit den Menschen stets auf Augenhöhe, mit viel Respekt und ohne Eitelkeit", betonte dieser Tage der WDR-Intendant Tom Buhrow in einer Würdigung Ruges.

Während Bundeskanzler Brandt im Juni 1972 in seiner Villa in Bonn mit dem sowjetischen Außenminister Gromyko ein stundenlanges Gespräch führt und die Presse auf Neuigkeiten wartet, improvisiert Ruge - damals ARD-Fernsehstudioleiter - vor der Haustür ein "Interview" mit Kanzlerhund Bastian.

(Foto: Fritz Fischer/picture alliance/dpa)

Dabei fiel kaum auf, dass Ruge selbst kein großer Redner ist. Unterhält man sich mit ihm, muss man stets sehr genau hinhören, weil seine klugen Bemerkungen sich nicht selten in einem heftigen Nuscheln verlaufen. Dabei ist sein Nuscheln weniger der Nachlässigkeit oder gar der Arroganz geschuldet als vielmehr seiner Bescheidenheit. Ruge war nie einer, der viel Aufhebens um sich gemacht hat.

Stellt sich die Frage, wie man heute im Fernsehen noch kritische Urteile unterbringt

Das letzte größere Werk kam Ende 2006 auf den Schirm. Da hatten sich Fritz Pleitgen, Klaus Bednarz und Gerd Ruge die Rocky Mountains als Objekt ihrer Fernsehforschung auserkoren. Die Big Three des WDR-Journalismus streiften ambitioniert durch die amerikanischen Berge, aber sie fanden nicht wirklich etwas, das zum Staunen einlud. Dementsprechend wirkte diese Trilogie auch ein wenig wie ein Abgesang auf die großen Reportagen aus unbekannten Welten.

Auch das Fernsehen ist anders geworden. Gerd Ruge hat das früh erkannt und öfter gemahnt, dass man sich bei all dem Fortschritt doch bitte auch um die inneren Werte des Mediums kümmern möge. Als er 2014 viel zu spät den deutschen Fernsehpreis für sein Lebenswerk erhielt, sprach er von der Auseinandersetzung darüber, wie man in dieser Zeit Fernsehen machen sollte und wie weit man noch kritische Urteile unterbringen könne - und in seiner Stimme klang echte Besorgnis mit.

Nun, vier Jahre später, zeigt sich in vielen Ausprägungen, dass das Fernsehen, so wie Gerd Ruge es kannte, auf die Liste der bedrohten Arten gehört. Das wird ihn bekümmern. Aber er wird nicht aufhören zu mahnen. Am 28. August erwartet man ihn in Düsseldorf, wo die Filmstiftung NRW im Rahmen des Gerd-Ruge-Stipendiums Geld gibt an junge Dokumentarfilmer, die im Sinne des Namensgebers wirken wollen. Gerd Ruge wird auch sie mahnen, nicht nachzulassen in ihrem Streben für bessere Filme, für besseres Fernsehen. Dafür steht er, dafür steht sein Name.

Die lange Gerd-Ruge-Nacht, WDR, ab 23.25 Uhr.