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Reportage über Krebs:Wenn der Draufgänger zum Mitfühler wird

Jenke macht Mut! Leben mit Brustkrebs

Die 32-jährige Krebspatientin Tania W. mit ihrem Lebensgefährten und RTL-Mann Jenke von Wilmsdorff (l.).

(Foto: RTL)

RTL zeigt eine sehr ausführliche, sehr einfühlsame Sendung zum Thema Brustkrebs. Reporter Jenke von Wilmsdorf offenbart dabei ganz neue Qualitäten.

Normalerweise ist Jenke von Wilmsdorff der Spezialist für das gezielte öffentliche Zugrunderichten seiner selbst. Im Dienst von RTL hat der 52-Jährige schon so vieles gemacht, was dem Körper abträglich ist. Er hat tagelang gekifft, sich in vier Wochen Thrombosen an den Hintern gesoffen, sich Pfunde draufgefressen und radikal wieder runtergehungert. Ein Rummsbumms in allen Gassen, den nicht selten so ein Hauch von Junggesellenabschiedsatmosphäre umweht.

Dass auch solch ein Typ damit an seine Grenzen kommen würde, konnte man ahnen. Es dann aber zu sehen, überrascht schon ein wenig. Auf einmal ist dieser Hüne nicht mehr der Draufgänger vom Dienst, auf einmal ist er ein sehr mitfühlender Mensch, einer, dem man sich gerne anvertrauen möchte. Auf einmal ist er auch nicht mehr der Mittelpunkt, weil es im Leben Wichtigeres gibt als die Jenke-Soloshow. Entsprechend heißt seine neue Sendung auch nicht Jenke-Experiment. Stattdessen steht Jenke macht Mut über dem Format, das nichts anderes ist als eine sehr ausführliche, sehr liebevoll gestaltete Reportage zum Thema Brustkrebs.

Sie läuft an einem Montag um 20.15 Uhr, also testweise just auf dem Sendeplatz, auf dem sonst Quizonkel Günther Jauch nach Millionären suchte. Das ist für RTL-Verhältnisse etwas sehr Besonderes, zumal der Film durchweg seriös bleibt und nicht mehr auf die Tränendrüse drückt als es das Thema erfordert und erlaubt. Er könnte ohne weiteres in jedem öffentlich-rechtlichen Sender laufen, wenn man dort häufiger Raum ließe für Dokumentationen, die netto 98 Minuten dauern. Bei Erfolg soll Jenke macht Mut weitergehen.

Natürlich steht sein Name im Titel, auf die Zugkraft dieser Marke will man nicht verzichten. Aber es ist beeindruckend zu sehen, wie er sich freiwillig an den Rand stellt, einem Schüler gleich, der wirklich etwas lernen möchte. Zu tun hat das mit persönlicher Betroffenheit. Vor rund einem Jahr bekam die Schwester seiner Frau die Diagnose Brustkrebs und wurde als unheilbar eingestuft. Das weckte seinen Forscherdrang. Er hörte sich um, recherchierte und kam zu der Erkenntnis, dass Brustkrebs oft immer noch ein Tabuthema ist. "Viele Frauen, die mit mir gesprochen haben, wollten nicht, dass ihre Erkrankung öffentlich wird", berichtet er am Telefon. Es gebe die Angst, danach nicht mehr als vollwertig anerkannt zu werden.

Trotzdem fand er Frauen, die er begleiten durfte. Mit denen redet er in einer Art, die ihn ohne weiteres als guten Sozialarbeiter qualifiziert. Er hört zu, wenn sie den Krebs "ein Arschloch" nennen, er erträgt ihre Tränen, und er hält sich zurück, wenn es nichts zu sagen gibt. "Muss man keine Frage stellen", sagt er einmal nach der erfreulichen Diagnose, dass der Krebs sich nicht ausgebreitet hat. Da will er nicht mit Gerede ins Glück grätschen. Da ist er einfach nur da.

"Für die einen ist der Krebs ein Arschloch, für die anderen ein Signal, das Leben zu ändern."

Dieses einfach nur da sein ist eine neue Qualität im Wirken des Jenke von Wilmsdorff. Er hat einen Mittelweg gefunden zwischen seiner Rolle als journalistischer Grenzgänger und dem Mitgefühl für Menschen in schweren Momenten. Fragt man ihn, was diesen Film im Kern ausmacht, antwortet er schnell und sicher. "Ich glaube, es ist die Hoffnung und der Gedanke, dass man bei solch einer Erkrankung mehr bewegen kann als man gemeinhin glaubt." Entsprechend sind die Frauen in seinem Film auf ihre Art alle Kämpferinnen, die dem Krebs die Stirn bieten oder nach einer Diagnose schlichtweg länger leben als es die Ärzte einst prognostizierten. "Ich habe gelernt, wie unterschiedlich Menschen mit so einer erschreckenden Diagnose umgehen", sagt Jenke von Wilmsdorff: "Für die einen ist der Krebs ein Arschloch, für die anderen ein Signal, das Leben zu ändern."

Dass ihn das alles so sehr beeindruckt, hat er vorher nicht gedacht. Weil er doch der mit allen Wassern Gewaschene ist. Er, der heute in Leipzig lebt und früher mal Schauspieler war mit klassischer Ausbildung, der über Provinzbühnen tingelte, der aber auch kleine Rollen bekam im Tatort und in der Lindenstraße. Einige Zeit hat er auch als Radiomoderator gearbeitet und in der Werbung behauptet, dass dies und das doch ein ordentliches Produkt sei. Das Wundersame an diesem Jenke ist, dass sich in seiner Anwesenheit sehr leicht eine sehr lockere Stimmung entwickelt. Man merkt das schon kurz nachdem man ihn an die Strippe bekommen hat. Er verbreitet sofort diese Lässigkeit, die er mit Ernst wohl zu mischen weiß. Im Film wird wohl auch deshalb viel gelacht. Jenke von Wilmsdorff ist stets empfangsbereit und ein dankbares Publikum, wenn die Frauen einen Witz versuchen. Rasch macht sich dann eine gewisse Gelöstheit breit, so als wolle man den Krebs gemeinsam weglachen.

Jenke fühlt mit. "Das ist die Konsequenz meiner Art Geschichten zu erzählen, dass sich da oft auch eine Beziehung aufbaut", berichtet er und erzählt von einer alten Dame, die er bei seinem Jenke-Experiment übers Altern kennengelernt hat. Mit der hat er später den 100. Geburtstag gefeiert, ein halbes Jahr danach ist sie gestorben. Damit müsse man umgehen können, wenn man Nähe zulasse, sagt er. Dass in dem ganzen langen Film nun niemand stirbt, sei übrigens nicht irgendeiner Heile-Welt-Erzählung geschuldet. "Der Tod ist kein Thema im Film, weil er bei den Menschen, die wir begleitet haben, glücklicherweise nicht eingetreten ist." Es bleibe ja immer die Frage, wie es in den nächsten Jahren weitergehe, sagt von Wilmsdorff, der viel Wert darauf legt, dass es ihm ja ohnehin vor allem darum ging, die Chancen zu dokumentieren und nicht das Sterben.

Jenke macht Mut - Leben mit Brustkrebs, RTL, 20.15 Uhr.

© SZ vom 07.05.2018/khil

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