Renate Schmidt:"Auf uns kommt's nicht mehr an"

Renate Schmidt: "Zu viele Fotos": Renate Schmidt über Brigitte Wir.

"Zu viele Fotos": Renate Schmidt über Brigitte Wir.

(Foto: Michael Wigglesworth/imago)

Die frühere Bundesministerin im Gespräch über das neue Magazin "Brigitte Wir", das Frauen ab 60 Jahren ansprechen soll.

Von David Denk

Mit Renate Schmidt ein Treffen zu vereinbaren ist gar nicht so einfach. Bremen, Hamburg, Leipzig, Erfurt, Würzburg, Berlin, "dann mal wieder zu Hause" in Nürnberg - ihr Terminkalender ist voller als der vieler Berufstätiger. Dabei ist die SPD-Politikerin seit 2009 offiziell im Ruhestand. Dass sich dann doch noch ein Termin in ihrer Heimatstadt findet, hat wohl mit der Schmidt angedienten Aufgabe zu tun, die der 71-Jährigen reizvoll erscheint: Die frühere Bundesfrauenministerin soll das erstmals erschienene Gruner+Jahr-Magazin Brigitte Wir für Frauen ab 60 rezensieren. Die Druckauflage liegt bei 150 000 Stück, der Copypreis bei 4,50 Euro. Renate Schmidt hat sich Notizen gemacht, es kann gleich losgehen.

SZ: Frau Schmidt, in der ersten Ausgabe von Brigitte Wir schreibt die Journalistin Karin Weber-Duve, auf deren Idee das "Magazin für die dritte Lebenshälfte" basiert: "Wir, die wir immer beides wollten, Kinder und Beruf, sollten ohne Minderwertigkeitskomplexe stolze Rentner sein." Wie gefällt Ihnen diese Aussage?

Renate Schmidt: Sehr gut. Es gibt keinen Grund zu verstecken, dass man Rentnerin oder Pensionärin ist. Nur die Pflanzen auf meinem Balkon zu gießen oder meinen Mann zu bekochen wäre mir aber zu wenig. Und mein Mann fände es zum Glück auch schrecklich. Ich spüre eine gewisse Verpflichtung, das eine oder andere an die Gesellschaft zurückzugeben. Schließlich konnte meine Altersgruppe ein vergleichsweise sorgloses Leben führen . . .

Brigitte Wir spricht von der "Generation Glückskind".

Da ist was dran. Vor allem in den Anfangsjahren meiner Berufstätigkeit war das Leben zwar deutlich bescheidener - wir lebten zu fünft in zweieinhalb Zimmern -, aber auch sorgloser. Es gab diese innere Zuversicht: Es geht immer weiter aufwärts. Heute ist es eher umgekehrt: Man hofft, dass es nicht noch schlechter wird. Deswegen engagiere ich mich, etwa gegen dieses furchtbare Freihandelsabkommen TTIP. Das würde ich aber auch machen, wenn ich nie Politikerin gewesen wäre.

Parteipolitisch halten Sie sich raus.

Aus einem einfachen Grund. Wenn ich mich politisch äußere, ist das so relevant, wie wenn in China ein Reiskorn auf den Boden fällt. Ich habe keine Funktion mehr und dadurch auch keinen Einfluss. Mein Wort findet kein Gehör mehr. Deswegen gehe ich auch nicht mehr in Talkshows - obwohl ich immer noch eingeladen werde.

Frauen ab 60 seien eine wachsende Gruppe, die jedoch "gesellschaftlich an den Rand gedrängt wird", heißt es im Heft.

Klar, auf uns kommt's nicht mehr an. Wir sind vom Subjekt der Gesellschaft zum Objekt geworden. Auf einer persönlichen Ebene mag es so sein, dass Frauen meines Alters sich unsichtbar fühlen. Mir hat auch schon seit zehn, 15 Jahren kein Mann mehr hinterhergepfiffen - nicht dass ich es schätzen würde, wenn mir dauernd Männer hinterherpfiffen, aber hin und wieder ist das doch ganz schön. Nicht mehr attraktiv zu sein ist schon sehr gewöhnungsbedürftig. Denn man selber fühlt sich ja gar nicht unbedingt alt, wenn man in den Spiegel schaut. Allerdings - und das erscheint mir entscheidend - tut die Politik alles, um diese Generation dauerhaft zu umschmeicheln: Mütterrente, Rente mit 63. Fälschlicherweise, möchte ich sagen, da gar nicht bedacht wird, wie die Jungen das finanzieren sollen. In dieser Hinsicht kann also von Marginalisierung keine Rede sein.

Können Sie sich denn insgesamt mit Brigitte Wir identifizieren?

Als das Heft in der Post war, habe ich meinen Mann gefragt, ob er sich ein Magazin für alte Männer kaufen würde. Da hat er mich vollkommen verständnislos angeschaut und gesagt: "Niemals! Ich muss doch meine Depressionen nicht noch vervielfachen." Wahrscheinlich ist für Männer die Zeitschrift Beef das altersgemäße Medium, weil Männer sich weniger mit ihrem Inneren auseinandersetzen.

Liest Ihr Mann Beef?

Um Himmels willen, nein, aber ich kenne Männer, die das tun.

Warum lesen Frauen Frauenmagazine?

Es geht um Selbstvergewisserung. Die ist Frauen in jeder Lebensphase wichtig, wie die vielen verschiedenen Titel zeigen. Insoweit finde ich es gut, dass es nun ein Heft für meine Altersgruppe gibt - auch wenn ich im Detail einiges zu bemängeln habe.

Was stört Sie?

Es gibt viel zu viele Fotos. Ich muss mir keine mit rotem Lidstrich geschminkte Frauen meines Alters anschauen oder Modestrecken - absolut überflüssig. Wir brauchen doch keine Tipps mehr, was wir anziehen sollen, wir haben unseren Stil gefunden. Absolut daneben fand ich auch die Reportage über Guantanamo als Ort, an dem fröhliche Frauen tanzen. Und wenige Kilometer weiter werden Häftlinge gefoltert! Brigitte Wir könnte noch ein bisschen nachdenklicher werden und härter. Das Heft ist für meinen Geschmack ein bisschen zu weich gezeichnet.

Demnach dürfte Ihnen besonders das Ressort "Ran" über die "schmerzlichen Seiten des Älterwerdens" gefallen haben.

Das stimmt. Zwei Fragen erscheinen mir dabei zentral: Wie bereite ich mich auf den Ruhestand vor - und wie auf das in nicht allzu ferner Zukunft bevorstehende Ende? Aus diesem Themenkomplex würde ich mir noch ein bisschen mehr wünschen. "Magazin für die dritte Lebenshälfte", das klingt witzig, impliziert aber eben auch, dass es eine vierte gibt, und das ist der Tod. Woody Allen mag "total dagegen" sein, wie es im Heft heißt, das hilft aber nicht. Der Tod ist Realität.

Leidet das Heft nicht auch darunter, dass es verkrampft versucht, dem Verfall Schönheit abzugewinnen?

Nein, das finde ich nicht, es wird schon vieles infrage gestellt - aber vielleicht nicht entschlossen genug.

Würden Sie sich Brigitte Wir von sich aus kaufen?

Regelmäßig eher nicht, was aber - wie ich ausdrücklich betonen möchte - nicht an der Qualität des Heftes liegt, sondern daran, dass mir die Zeit, die mir noch bleibt, so kostbar ist, dass ich mir mittlerweile ganz genau überlege, was ich lese. Wann erscheint eigentlich die zweite Ausgabe?

Am 25. November.

Also nicht monatlich? Das ist aber ein blöder Rhythmus. Das können Sie ruhig reinschreiben. Dass die nur, ich glaube, viermal im Jahr erschienen ist, hat mich schon an Brigitte Woman immer gestört. Da prägt sich doch überhaupt nicht ein, wann die nächste Ausgabe erscheint. Aber das zweite Heft kaufe ich mir auf jeden Fall, um zu sehen, wie es sich weiterentwickelt.

Ob Ihr Wort doch noch Gehör findet?

Genau.

© SZ vom 19.09.2015
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