Fall Relotius USA werfen "Spiegel" Antiamerikanismus vor

Das Nachrichtenmagazin Spiegel hat angekündigt, den Fall Relotius aufzuarbeiten.

(Foto: Morris MacMatzen/Getty Images)
  • Richard Grenell, Botschafter der USA in Deutschland, wirft dem Spiegel Antiamerikanismus vor.
  • Er fordert eine "unabhängige und transparent Untersuchung" im Fall Relotius.
  • Die Vorgänge bereiteten den USA "große Sorgen, insbesondere, weil es in einigen dieser gefälschten Berichte um US-Politik und bestimmte Teile der amerikanischen Bevölkerung ging".

Die Affäre um den Spiegel-Reporter Claas Relotius schlägt seit den ersten Enthüllungen am Mittwoch hohe Wellen - nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA. Nun hat sich der US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, an die Chefredaktion des Nachrichtenmagazins gewandt.

Die Vorgänge bereiteten den USA "große Sorgen", heißt es in einer Mitteilung, "insbesondere, weil es in einigen dieser gefälschten Berichte um US-Politik und bestimmte Teile der amerikanischen Bevölkerung ging". Grenell habe die Chefredaktion um eine "unabhängige und transparente Untersuchung der Angelegenheit" gebeten.

Noch schärfer äußerte sich Grenell im eigentlichen Brief an die Chefredaktion in Hamburg, den diese bei Spiegel Online veröffentlichte. "Es ist eindeutig, dass wir Opfer einer Kampagne institutioneller Voreingenommenheit wurden", schrieb er demnach. "Die anti-amerikanische Berichterstattung des Spiegel hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen; seitdem Präsident Trump im Amt ist, stieg diese Tendenz ins Uferlose." Reporter würden "offenkundig das liefern, was die Unternehmensleitung verlangt", schrieb Grenell weiter.

Der Spiegel wies diese Behauptung in einem Antwortschreiben zurück, das ebenfalls ins Netz gestellt wurde. "Wenn wir den amerikanischen Präsidenten kritisieren, ist das nicht Anti-Amerikanismus, sondern Kritik an der Politik des Mannes im Weißen Haus", schrieb der stellvertretende Chefredakteur Dirk Kurbjuweit. Deutschland habe den USA sehr viel zu verdanken. "Es gibt beim Spiegel keine institutionelle Voreingenommenheit gegenüber den USA." Kurbjuweit entschuldigte sich bei den US-Bürgern, die durch Relotius' Reportagen beleidigt und verunglimpft worden seien.

In zahlreichen Artikeln hatte der Spiegel zuvor Details zu Relotius' Fälschungen öffentlich gemacht und mitgeteilt, derzeit liefen dazu umfangreiche Untersuchungen. Nachdem er zahlreiche Preise für seine Arbeit bekommen hatte, war der 33-Jährige durch einen Artikel aufgeflogen, der im Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko spielt. Dem Co-Autoren Juan Moreno waren Ungereimtheiten in den Textpassagen des Kollegen aufgefallen.

Ein weiterer Text, an dem die US-Regierung nun offenbar Anstoß nimmt, trägt den Titel "In einer kleinen Stadt". Der 2017 erschienene Artikel geht am Beispiel des Ortes Fergus Falls der Frage nach, warum die ländliche US-Bevölkerung zu einem großen Teil Donald Trump zum Präsidenten gewählt hat. Er enthält zahlreiche Lügen und erfundene Personen.

Relotius hat seine Arbeit beim Spiegel gekündigt und zahlreiche Preise zurückgegeben. Auch im Magazin der Süddeutschen Zeitung hat der Journalist publiziert. Es handelt sich um zwei Interviews, die beide 2015 erschienen. Die Interviews weisen Fehler auf und verstoßen gegen journalistische Standards. Sie wurden daher von der Website genommen. Weitere Untersuchungen dazu laufen.

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