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Regisseurinnen beim ARD-Krimi:"Wir Frauen sind keine Kreativen zweiter Klasse"

Meret Becker im Berliner Tatort "Das Muli"

Meret Becker kehrt als Nina Rubin reumütig zu ihrer Familie zurück. "Wenn männliche Bilder eins zu eins auf weibliche Figuren übertragen werden, wird es langweilig", sagt Claudia Garde.

(Foto: rbb/Frédéric Batier)

In vier Wochen fünf neue "Tatort"-Kommissarinnen, aber kaum eine Frau hinter der Kamera. Woran liegt das? Nicht nur an den Männern, meint Regisseurin Claudia Garde.

Mit Heike Makatsch ist im Tatort die fünfte neue Kommissarin innerhalb von vier Wochen eingestiegen. Aber hinter der Kamera sind Frauen noch rar. Im vergangenen Jahr, also von Ostern 2015 bis einschließlich Ostern 2016, haben in 40 Fällen gerade mal drei Frauen Regie geführt. Claudia Garde ist die einzige, die das sogar zwei Mal tat.

Süddeutsche.de: Frau Garde, ist der Tatort eine Männerdomäne?

Claudia Garde: Vor der Kamera nicht, zumindest suggerieren das die Zahlen der amtierenden Kommissare. Aber hinter den Kulissen bestimmen nach wie vor die Männer.

Woran liegt das?

Ich kann da nur Vermutungen anstellen. Zum einen geht es im Tatort um Gewalt. In der Realität begehen deutlich mehr Männer als Frauen Gewalttaten mit Todesfolge (fast 90 Prozent aller Morde werden von Männern begangen). Das könnte der Grund sein, dass man männlichen Regisseuren den Umgang mit solchen Themen eher zutraut. Vielleicht auch aus der Annahme heraus, dass eine Frau sich der Täterpsyche, aber auch dem ganzen Umfeld und dem daraus entstandenen filmischen Genre nicht ausreichend nähern kann. Abgesehen davon gab es vor mehr als 40 Jahren, als der Tatort und später auch der Polizeiruf anliefen, kaum Frauen in der Branche.

Aber das hat sich doch inzwischen geändert.

Zum Glück. Aber im Bereich Regie ist das Missverhältnis zwischen Frauen und Männern immer noch beachtlich. Das hat mit Seilschaften zu tun, die zum Teil in der Studienzeit entstanden sind, mit Traditionen und sicher auch mit einem Frauenbild, das überholungsbedürftig ist. Wie in der Wirtschaft auch, tut sich die Filmbranche schwer, ein scheinbar gut funktionierendes und recht homogenes Feld für Frauen zu öffnen. Bis zu einem gewissen Grad kann ich das verstehen. Ich arbeite auch gern mit denselben Leuten, weil man sich kennt und vertraut. Aber es finden Generationenwechsel statt und innerhalb derer wird es Zeit, uns Frauen ans Ruder zu holen. Das findet aber noch in viel zu geringem Maße statt. In der Diskussion der letzten Monate um das Thema "Frauen auf dem Regiestuhl" habe ich des Öfteren gehört, dass man sich bei der Vergabe eines Auftrags gar keine Gedanken gemacht hat, ob ein Mann oder eine Frau Regie führt.

Sondern?

Viele sagen dann, sie hätten nach Qualität entschieden. Was fatal ist, denn das suggeriert ja, dass Frauen die schlechteren Regisseure sind. Ich glaube eher, dass wir viel früher aus dem System fallen. Weil sich Produzenten und Redakteure thematisch mehr für Abschlussfilme von Männern interessieren. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Auf Sie trifft das nicht zu. "Die Rückkehr des stillen Gastes" mit Lars Eidinger ist bereits Ihr elfter Tatort. Was haben Sie anders gemacht als die anderen?

Wie Sie sagen, ich habe bereits mehrere Tatorte gemacht. Wenn das einmal funktioniert, kommen die Redaktionen erneut auf einen zu.

Das ist alles?

Nein, ich bin hartnäckig, habe eine Vision von meinen Filmen und rede so lange auf die Leute ein, bis sie mir vertrauen. Vielleicht gehöre ich deshalb zu den Frauen, denen man auch Action zutraut und nicht nur die "typischen" Frauenstoffe, die ich auch mache.

Was ist denn ein typischer Frauenstoff?

Frauen interessieren sich für innerfamiliäre Konflikte, intimere Probleme. Das hat sich über die Jahrhunderte hinweg so entwickelt. Wir haben Familien verwaltet und uns mit Problemen auseinandergesetzt, die "innerhalb des Gartenzauns" stattfanden, wenn ich das so nennen darf. Sich mit der Psyche einer Person auseinandersetzen, Eheprobleme, zwischenmenschliche Konflikte - all das sind "typische" Frauenstoffe. Christian Petzold macht solche Filme ( wie zuletzt den Polizeiruf "Und vergib uns unsere Schuld", Anm. d. Red.), aber er gilt als sensibler Filmemacher statt als ein Mann, der Frauenfilme macht. Wenn wir das machen, heißt es eher: "Es ist ein schöner, sensibler Frauenfilm". Wir werden da in eine Ecke geschoben. Dass viele von uns das Gartentor längst aufgestoßen haben, findet nicht ausreichend Beachtung.

Ist das ein Problem, das nur der Tatort und der Polizeiruf haben?

Nein, das merkt man auch bei anderen Sendungen. Die Degeto-Filme etwa, die am Freitagabend, einem vorwiegend für Frauen konzipierten Sendeplatz liefen, haben zu mehr als 80 Prozent Männer gemacht. Zumindest belegen das die Zahlen ( siehe Diversitätsbericht des Bundesverbands Regie, Anm. d. Red.). Dadurch entsteht ein ziemlich verblödetes Frauenbild. Aber die Degeto gelobt Besserung und will künftig 20 Prozent aller Filme von Frauen inszenieren lassen.

Apropos Frauenbild. Ist das im Tatort nicht auch manchmal sehr klischeebehaftet?

Problematisch wird es dann, wenn die Klischees von Männern eins zu eins auf Frauen übertragen werden - und die Kommissarin in Lederboots und auf dem Motorrad ankommt.

Oder, wie Meret Becker in Berlin, ihren Einstand mit einem Quickie auf der Mülltonne feiert.

Genau. Das wirkt nicht mehr authentisch, sondern eher wie eine Karikatur. Ein Quickie auf der Mülltonne kann ja schön sein, aber nicht, wenn es als Charakterisierung einer Figur dient. Das entspricht einem Männer-Klischee aus den Neunzigern und ist fast schon frauenverachtend. Da gibt es doch viel mehr zu erzählen. In dem Moment, in dem wir das männliche Heldenbild durch ein weibliches ersetzen, ist es langweilig. Weibliche Figuren müssen wir anders zeichnen. Die Frage ist nur, was ist das Heldenhafte an diesen Figuren, das, was wir lieben und bewundern?

Um auf die Hochschulabsolventen zurückzukommen: Wo gehen denn all die Frauen hin? In den Dokumentarfilm-Bereich?

Das halte ich für eine Verzweiflungstat. Ohne das Genre abkanzeln zu wollen, aber oft läuft das so: Wer keinen der wenigen begehrten Plätze für das Diplomstudium Spielfilm/Regie ergattert, geht zum Dokumentarfilm. Aber der ist viel schlechter budgetiert, dementsprechend sind die künstlerischen Möglichkeiten begrenzt und der Weg zurück in die szenische Regie doppelt schwer.

Ob Absolvent oder bereits im Job: Trommeln männliche Regisseure besser für sich?

Auf jeden Fall. Wenn Frauen, die mit ihren Themen eh öfter auf Widerstand stoßen, endlich jemanden für ihr Projekt gewonnen haben, sind sie oft schon zufrieden. Der Weg bis dahin war schon schwer genug, wenn man dann noch "überhöhte Forderungen" stellt, bekommt man schnell zu hören, dass das Projekt gar nicht stattfinden kann. Viele von uns knicken an diesem Punkt ein, was man auch daran erkennen kann, dass fast alle hoch budgetierten Filme von Männern gemacht werden. Sind wir also zu schwach, oder traut man uns zu wenig zu? Hinzu kommt, dass es nicht sein kann, dass die Initiative immer nur von den Frauen ausgeht. Der anderen Seite müsste endlich auch klar werden, dass die Arbeit von Frauen bereichernd sein kann und wir etwas zu sagen haben.

Der Regieverband Pro Quote, in dem Sie auch Mitglied sind, fordert seit langem eine gerechtere Geschlechteraufteilung. Die ARD hat auf diese Kritik reagiert und will künftig bei jedem fünften Tatort, Polizeiruf oder ARD-Mittwochsfilm eine Frau Regie führen lassen. Ist diese Quote notwendig?

Anders geht es nicht, denn von allein wird sich wenig ändern. Auch das macht uns die Wirtschaft vor. Mit der Quote geht es erst mal nur darum, dass Frauen die Möglichkeit bekommen, in einen Auswahlprozess einbezogen zu werden. Diese Chancengleichheit brauchen wir. Für manche Stoffe, Kriegsthemen etwa wie Unsere Mütter, unsere Väter, werden Frauen als Regisseurinnen kaum oder gar nicht angefragt. Eine amerikanische Produzentin erzählte mir neulich, dass Regisseurinnen in Amerika für viele der großen Filme von den Studios kommentarlos abgelehnt würden, eben weil sie Frauen sind. Sie war ganz stolz darauf, dass es ihr gelungen war, Agnieszka Holland ( polnische Regisseurin, Anm. d. Red.) nach langem Ringen für ein Projekt durchzusetzen. Das ist lächerlich und in der heutigen Zeit nicht vertretbar. Wir sind keine Kreativen zweiter Klasse, unter uns gibt es gute und schlechte Regisseurinnen und in diesem Punkt ähneln wir doch sehr unseren männlichen Kollegen.

Claudia Garde, 1966 in Bremen geboren, ist Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin. Zuletzt drehte sie die Tatorte "Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes" sowie "Niedere Instinkte". Garde lebt und arbeitet in Berlin.