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Rechts oder links?:Blasentausch

Eine Woche im Profil des anderen: Tübingens OB Boris Palmer (li.) und Journalist Hasnain Kazim.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa, Michael Gottschalk/imago/photothek)

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer und Journalist Hasnain Kazim haben eine Woche lang ihre Facebook-Accounts getauscht, um in die Meinungswelt des anderen einzutauchen. Kazim zieht ein ernüchtertes Fazit.

Nach einer Woche Facebookprofiltausch haben der Spiegel-Korrespondent Hasnain Kazim und Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer Bilanz gezogen: Während Palmer sich auf Facebook zunächst zufrieden mit dem Austausch mit Kazims Followern zeigte, lautete das Fazit des Journalisten in einem Artikel bei Spiegel Online eher vernichtend "ogottogott". Unter Palmers Followern seien viele "Rechtsextreme bis Neonazis", mit denen man nicht reden könne. Palmer wiederum nannte Kazims Reaktion bei Facebook "sehr enttäuschend".

So wie Kazim hat der nach eigener Darstellung "stets streitlustige" Grünenpolitiker Palmer Zehntausende Facebook-Follower und nutzt sein Profil aktiv und gerne mal als Raum für kontroverse Meinungen. Nach einer Podiumsdiskussion zum Thema Streit hatten die beiden beschlossen, für eine Woche ihre Profile zu tauschen, um in die Filterblase des anderen einzutauchen, "Blasentausch" nannte Palmer das auf Facebook.

Der Blasentausch ist seit Montag vorüber. Trotz seiner ernüchterten Reaktion bei Spiegel Online, ist das Experiment für Hasnain Kazim nicht gescheitert, wie er im Gespräch mit der SZ klarstellt: "Ich habe schon was gelernt. Man wirft mir ja vor, ich würde in meiner Haltung verharren, mit bestimmten Leute nicht zu reden." Dabei ist Kazim, wie er sagt, sehr daran interessiert gewesen, zu sehen, wie die Facebook-Follower von Boris Palmer auf jemanden wie ihn reagieren würden, den sie "anders als ich selbst als links und als linke Presse und als sonst was verorten".

Kazim: "Auf der Seite von Palmer ist ein wirklich konstruktiver, fruchtbarer Dialog nicht möglich."

Obwohl sich einige von Palmers Followern auf den konstruktiven Dialog mit Kazim eingelassen hätten, habe es eben auch einen nicht allzu kleinen Teil gegeben, der nicht am Austausch von Argumenten interessiert war. Leute, die "pöbeln und beleidigen, auch durchaus rassistisch". Deshalb ist ein Ergebnis für Kazim: "Auf der Seite von Palmer ist ein wirklich konstruktiver, fruchtbarer Dialog nicht möglich."

Das liegt für ihn zum einen daran, dass Palmer mit seiner Art der Kommunikation diese Leute anziehe, auch wenn er das vielleicht gar nicht beabsichtige. "Er sagt ja immer, er werde missverstanden, aber er drückt sich eben auch wahnsinnig missverständlich aus", sagt Kazim.

Palmer legte Kazim auf Facebook derweil nahe, dass die Beleidigungen auch von dessen provokanten Posts herrühren könnten. Kazim kann zwar keine Provokation erkennen, hält aber fest, dass es für ihn ganz andere Voraussetzungen gebe als für Palmer: "Was die Leute von mir erwarten, ist ja im Grunde genommen, dass ich meinen Namen Hasnain Kazim ablege und Hans Müller heiße, meine Haare blond färbe und weiß werde. Das ist indiskutabel."

Außerdem versteht Kazim nicht, wieso Palmer immer wieder pöbelnde Nutzer nicht einfach blockiert. Palmer findet, dass man sich als Politiker nicht in seine Meinungsblase zurückziehen dürfe.

Dabei ist der Streit für Kazim weniger einer um politische Positionen, da seien der Journalist und der grüne Oberbürgermeister nicht weit voneinander entfernt. Mit einem AfD-Politiker hätte er nie getauscht. "Es geht vor allem um die Art und Weise des Streitens und der Kommunikation. Da sind wir schon sehr weit auseinander."