RauswurfBarr jeder Vernunft

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Hochbezahlte Ikone der Unterschicht: Roseanne Barr in der Neuauflage der nach ihr benannten Sitcom mit Serienehemann Dan (John Goodman).
Hochbezahlte Ikone der Unterschicht: Roseanne Barr in der Neuauflage der nach ihr benannten Sitcom mit Serienehemann Dan (John Goodman). Adam Rose/AP

Der US-Sender ABC setzt die Sitcom "Roseanne" nach einem rassistischen Tweet von Hauptdarstellerin und Trump-Fan Roseanne Barr ab.

Von Jürgen Schmieder

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Es darf nun wirklich niemand behaupten, er habe das nicht kommen sehen. Die amerikanische Schauspielerin Roseanne Barr ist eine Provokateurin, sie überschreitet regelmäßig - wie sich das für eine Komikerin gehört - die Grenzen von Geschmack und Anstand. Sie hat zum Beispiel im Jahr 1990 die US-Nationalhymne vor einem Baseballspiel stimmlich malträtiert oder sich vor neun Jahren für ein jüdisches Satiremagazin als Hitler verkleidet. Auf die Gefühle anderer nimmt sie dabei so viel Rücksicht wie Präsident Donald Trump - den sie bewundert und von dem sie bewundert wird.

Barr hat nun die einstige Obama-Beraterin Valerie Jarrett bei Twitter als Kreuzung aus der radikalen sunnitisch-islamistischen Vereinigung Muslim Brotherhood und dem Film Planet der Affen bezeichnet. Das ist nicht provokativ, sondern rassistisch, und der TV-Sender ABC hat daraufhin die nach Barr benannte und erst kürzlich wiederbelebte Sitcom Roseanne trotz formidabler Einschaltquoten (durchschnittlich 17,9 Millionen Zuschauer pro Folge) und grandioser Bewertungen (unter anderem von Hobbykritiker Trump) abgesetzt. Es wird immer wieder darüber debattiert, wie weit Satire gehen darf - in diesem Fall ist trotz einer Entschuldigung Barrs klar: Das ging zu weit.

Barr wurde vor 65 Jahren als ältestes von vier Kindern in eine jüdische Arbeiterfamilie geboren. Um in Utah nicht aufzufallen, änderte Vater Jerome den Nachnamen von Borisofsky in Barr und tat so, als wäre er Mormone. Barr sagte einmal: "Wir waren von Freitag bis Sonntagfrüh Juden, ansonsten waren wir Mormonen." Im Alter von 18 Jahren verließ Barr die Familie, sie schlug sich in Colorado und Kalifornien als Komikerin durch und schaffte es Mitte der 1980er Jahre in die großen Late-Night-Shows des Landes. Die Rolle der Peggy Bundy in Eine schrecklich nette Familie lehnte sie ab, stattdessen bekam sie 1988 ihre eigene Serie.

Roseanne war eine popkulturelle Revolution, weil darin nicht die harmlosen Probleme der amerikanischen Mittelklasse thematisiert wurden, sondern gezeigt wurde, dass das Leben in den USA auch ziemlich beschissen sein kann. Es war eine witzige, aber auch todtraurige Serie, weil der amerikanische Traum für diese Unterschichtenfamilie einfach nicht wahr wurde. Roseanne war so, wie viele Amerikaner ihr eigenes Leben empfanden, und am Ende der neun Staffeln war Barr mit einem Jahreseinkommen von mehr als 40 Millionen Dollar die nach Oprah Winfrey zweitbestbezahlte Frau der Unterhaltungsbranche.

Nach Roseanne wurde Barr professionelle Provokateurin, sie machte sich in ihren Stand-Up-Programmen über Politiker lustig, mischte sich mit teil verwirrenden Aussagen in gesellschaftliche Debatten ein und wollte im Jahr 2012 Präsidentin werden - als Kandidatin der Peace and Freedom Party erhielt sie 67 326 Stimmen. Das künstlerische Comeback gelang ihr in diesem Jahr mit der Fortsetzung von Roseanne. Die neun Folgen, in denen erneut der Finger in die Wunden der amerikanischen Gesellschaft gelegte wurde, werden in Deutschland nicht zu sehen sein. Der Disney Channel hat sich nach Barrs Ausfall gegen eine Ausstrahlung entschieden.

Barr hat sich entschuldigt, sich aber auch als Opfer eines gespaltenen Landes bezeichnet, in dem immer die Hälfte der Einwohner gegen einen seien. Der Präsident dieses gespaltenen Landes hat sich wie viele Promis zu Barrs Rauswurf geäußert, doch natürlich geht es ihm eigentlich um sich selbst. Trump beschwerte sich darüber, dass sich Disney-Chef Bob Iger, zu dessen Konzern ABC gehört, bei Valerie Jarrett entschuldigt habe: "Ähem, er hat sich noch nicht bei Präsident Trump für die schrecklichen Dinge entschuldigt, die bei ABC über mich gesagt werden." Auch da darf niemand behaupten, er habe das nicht kommen sehen.

© SZ vom 01.06.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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