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Rap und Feminismus:Volle Verstärkung

Davoudvandi

Sehr weit weg von Bürgerlichkeit sei sie aufgewachsen, sagt Miriam Davoudvandi. Bildungsfern, wie man so sagt. Dafür Hip-Hop-nah.

(Foto: Meklit Fekadu Tsige)

Miriam Davoudvandi ist eine der wenigen Frauen im Kosmos der Hip Hop-Medien. Die 27-Jährige lebt in zwei Welten: der "Rap-Bubble" und der akademischen "Feminismus-Bubble". Über flammende Zeilen und die Botschaft der Verschwesterung.

Von Philipp Bovermann

Sexistische Kommentare abzubekommen, findet sie gar nicht so schlimm. Dumm, ärgerlich, das schon, aber nicht so schlimm, dass sie den Job als Hip-Hop-Journalistin deshalb nicht mehr machen wollen würde. Auch als der Rapper Fler nachts auf Instagram an seine Zigtausenden Fans schrieb, sie solle mal runterkommen von ihrem hohen Ross, blieb sie cool. "Das Strukturelle geht mir viel mehr auf den Sack", sagt sie. Das raube ihr die ganze Energie, lasse nichts übrig. Deshalb will sie mit Leuten, die von Hip-Hop keine Ahnung haben, auch nicht mehr über Sexismus in Rapsongs diskutieren. "Die ganze Scheißgesellschaft ist sexistisch", sagt sie.

Miriam Davoudvandi, 27 Jahre alt, war bis vor Kurzem die einzige Chefredakteurin im männlich dominierten Kosmos der Hip-Hop-Medien. Nun sitzt sie in einem Münchner Wirtshaus und studiert die Speisekarte, düster und ein bisschen abwesend, als verberge sich darin ein Rätsel. Dann sucht sie das merkwürdigste Gericht aus: Knödel aus Roter Bete, die aussehen wie Klumpen aus rohem Fleisch. Ein bayerisches Wirtshaus, das ist einfach nicht ihr Ambiente.

"Sehr weit weg von einer Bürgerlichkeit" sei sie aufgewachsen, im badischen Bad Säckingen, als Tochter einer rumänischen Putzkraft und eines aus Iran stammenden Malers und Anstreichers - bildungsfern, wie man so sagt, dafür Hip-Hop-nah. In der Grundschule war sie Klassenbeste, die Lehrerin schlug sie trotzdem für die Hauptschule vor, damit sie "unter Gleichgesinnten" sein könne. Die Eltern konnten kaum Deutsch und vertrauten der Lehrerin. Eine Bekannte musste intervenieren.

Nach der Schule wechselte sie die "Bubble", wie sie es nennt: von der Hip-Hop- in die Akademiker-Bubble, als sie zum Studium nach Leipzig zog. Dort sog sie ein bisschen feministische Theorie auf, und weil sie gern schrieb, bewarb sie sich beim Hip-Hop-Onlinemagazin Splash Mag - gleich mal als Chefredakteurin. Auf einem Fragebogen trug sie statt ausformulierter Antworten Songtitel ein.

Frage: Wie würden Sie sich selbst beschreiben? Antwort: "boss ass bitch". Sie bekam den Job.

Ihr kleines Team bestand häufig nur aus ihr selbst. Aber immerhin hatte sie keinen Kerl über sich, der ihr sagte, was sie zu tun hatte. Und sie hatte eine enorme Reichweite. Das Splash Mag kannte im Hip-Hop jeder. Ihr erstes Videointerview fand mit dem Hip-Hop-Künstler Trettmann statt - große Nummer. Wichtig. Musste sie selber machen, obwohl sie eigentlich gar nicht wollte. Sie ist keine Person für vor der Kamera, sagt sie. Zu wenig expressiv. Zu düster, vielleicht. Zu ruhig und schwer greifbar. Aber dann stand sie plötzlich da, neben Trettmann, er in Regenjacke und mit Sonnenbrille, sie in Jeansjacke und Rock, die Kamera lief, sie ließ sich von ihm die Gegend in Chemnitz zeigen, in der er aufgewachsen ist. Dabei machte sie zwei Dinge gleichzeitig, die manche Fans offenbar verwirrten: Erstens eine Frau sein; und zweitens einfach nur Fragen stellen, ruhig zuhören, nicken, dann die nächste Frage.

In Hip-Hop-Szenemedien stellten bis vor einigen Jahren Männer die Fragen. Meist laute Männer, die sich als Entertainer verstanden. Männer, die Baseball-Käppis trugen und mit den Rappern beim Interview brüderlich abhingen, ihnen die Ghettofaust gaben und das Mikrofon ins Gesicht drückten. Kritisch war das eher nicht, sondern fan service. Aber die Fanszene hat sich seither weiterentwickelt. Eine kritische, feministische Öffentlichkeit hat sich aus ihr selbst heraus entwickelt. Miriam Davoudvandi wurde eine ihrer wichtigsten Stimmen.

Sie tat etwas seltsamerweise Radikales: Sie sprach mit Rappern über ihre Gefühle. MC Bogy, ein Berliner Untergrund-Rapper der ersten Stunde, der sich gern als knallharter, crazy "Atze" inszeniert, sprach im Videointerview mit ihr über seine Depressionen, seine Drogenprobleme, über begangene Fehler und "ein Meer, das man so gut wie nie zurückschwimmen kann". Man sah einen älter werdenden Mann, tätowiert, geschädigt, gezeichnet von der Straße. Mit MC Bomber ging sie auf einen Bauernhof, Tiere streicheln. Dann sprach sie ihn auf Zeilen an, in denen er erzählt, wie er im Absturz-Vollrausch eine "Uschi" mit Versace-Tasche niederschlägt. Sie frage sich, ob das vielleicht "einfach nur unnötig" sei. Bomber blies Luft aus den Backen, schwer genervt, einen Moment lang sagte er nichts. Dann versuchte er, sich darüber lustig zu machen, in die Rolle des schelmischen Underdogs von der Straße zu schlüpfen und sich damit gegen akademische Kritik von oben herab zu immunisieren. "Du tust ja so, als würde ich Rap nicht peilen", sagte Davoudvandi betrübt. "Tu ich aber sehr wohl."

Rap peilen. Vielleicht geht das nur, wenn man die Geschichten, um die es im Rap häufig geht, am eigenen Leib erlebt hat. Geschichten von sozialer Ausgrenzung und der sprachlichen Überschreitung dieser Klassengrenzen. Geschichten, wie sie häufig Migranten erzählen. Der Gangsterrapper Haftbefehl, zum Beispiel, bürgerlich Aykut Anhan. Als junges migrantisches Mädchen in Bad Säckingen brauchte sie seine Musik "zum Überleben", sagt sie. "Wenn irgend so ein Akademikertyp meint, ey, Haftbefehl ist voll problematisch, dann verstehe ich das bis zu einem gewissen Punkt." Aber wegnehmen und schlechtreden lasse sie sich seine Musik trotzdem nicht. "Empowerment muss nicht politisch korrekt sein. Man muss Widersprüche aushalten können. Ja, ich höre diese problematische Person. Aber warum?"

"Die meisten Menschen fühlen sich halt nicht wohl, wenn man homophobe und sexistische Scheiße spielt"

Sie lebe heute zwischen diesen zwei Welten, sagt sie: der "Rap-Bubble" und der akademischen "Feminismus-Bubble". Zwei Welten, zwischen denen die Gräben seit Beginn der "Me Too"-Debatte tiefer geworden sind. Feministinnen wie Antonia Baum haben öffentlich erklärt, sie hätten keine Lust mehr, sich sexistischen Blödsinn anzuhören, also hätten sie keine Lust mehr, Rap zu hören. Davoudvandi hat keine Lust, den Sexisten das Feld zu überlassen. Ebenso wenig will sie aber pauschale Kritik an der Rapszene gelten lassen. Sie ist als Botschafterin der Verschwesterung unterwegs. Im Sommer wurde das Splash Mag nach zehn Jahren eingestellt, seitdem arbeitet sie frei als Journalistin und hält Vorträge an Universitäten und in Clubs, die Titel wie "I've got 99 problems, but being a feminist listening to rap ain't one" tragen, häufig unterstützt durch ihre Kollegin Lena Grehl. Dort erklären sie Feministinnen, die sich unsicher sind, ob sie überhaupt noch Rap hören können, dass Rap explodiert ist, dass das sich immer weiter ausdehnende Genrespektrum weibliche Traurigkeit, Stärke und Kameradschaft in flammende Zeilen verwandelt hat - man kennt bloß eventuell die entsprechenden Künstlerinnen nicht, wenn niemand sie einem vorstellt.

Musik vorstellen ist auch der Grund, warum Davoudvandi an diesem Abend in München ist. Sie legt dort später in einem Hip-Hop-Club auf. Mit der Musik, die sie spielt, wolle sie einen Raum schaffen, in dem Menschen sich wohlfühlen. "Die meisten Menschen fühlen sich halt nicht wohl, wenn man homophobe und sexistische Scheiße spielt." Das mache sie als Journalistin genauso. Manche Rapper, die gar nicht gingen, bekämen bei ihr einfach keine Interviewanfragen, keine Plattform. Dann gebe es einige, die sich in einem Graubereich befänden - denen stelle sie im Interview kritische Fragen. Bleiben noch die vielen, vielen Künstlerinnen und Künstler, die sie feiert. Die legt sie heute Abend auf, damit auch andere sie feiern. Volle Verstärkung. Sisterhood.

Übrigens, das wolle sie noch loswerden: Sie sei ja keineswegs die einzige weibliche Stimme im feministischen Rap-Journalismus. Zu nennen seien auch noch Vanessa Seifert, Lina Burghausen, Lupa Bader, Naima Limdighri, Daniela Ammermann, natürlich Salwa Houmsi, Helen Fares und Visa Vie. "Die Macker unterstützen sich gegenseitig ja schon genug."

Ihren verbliebenen Rote-Bete-Knödel hat sie ein bisschen verwüstet, er sieht bedrohlich rosa auf dem Teller aus, als würde er unter der gräulichen Bratschicht von innen glühen. Ob man den aufessen wolle, fragt sie. "Bedien dich ruhig. Ist ja ziemlich viel da."

© SZ vom 14.12.2019
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