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Ramy Youssef:"In Hollywood findet ein Umdenken statt"

77th Annual Golden Globes awards - ARRIVALS

Setzte sich bei den Golden Globes gegen Michael Douglas und Marvel-Star Paul Rudd durch: der ägyptisch-amerikanische Comedian Ramy Youssef.

(Foto: Valerie Macon/AFP)

Der Serien-Entwickler, Schauspieler und Comedian über die große Kunst, mit schmutzigen Witzen über Religion den Golden Globe zu gewinnen.

Interview von Patrick Heidmann

Eine echte Überraschung gab es in der Nacht zum Montag bei der Verleihung der Golden Globes: Als bester Hauptdarsteller einer Comedy-Serie wurde nicht Vorjahressieger Michael Douglas für "The Kominsky Method" ausgezeichnet, und auch nicht Marvel-Star Paul Rudd oder der zweifache Emmy-Gewinner Bill Hader. Sondern ein gewisser Ramy Youssef. Der 28-jährige Coedian scherzte in seiner Dankesrede: "Ich weiß, kaum einer von Euch hat meine Serie gesehen. Wahrscheinlich fragen sich gerade alle: ist das ein Cutter da auf der Bühne?" Selbst seine Mutter habe als großer Fan Michael Douglas die Daumen gedrückt.

In der von ihm selbst entwickelten Serie "Ramy" geht es um den Alltag eines wenig ambitionierten jungen Mannes, der noch bei den Eltern lebt und zugleich gläubiger Moslem und typisch amerikanischer Mittzwanziger ist. Die Serie ist auf der Streaming-Plattform StarzPlay (Amazon Prime) zu sehen. Wir sprachen mit dem New Yorker Sohn ägyptischer Eltern vor der Golden Globe-Gala, zum Start der ersten Staffel (eine zweite ist schon abgedreht), am Telefon.

SZ: Mr. Youssef, Ihr Serienheld trägt denselben Vornamen wie Sie, die Frage liegt also nahe: Wie autobiografisch ist "Ramy"?

Ramy Youssef: Sagen wir es mal so: die Serie ist eine Art Zerrbild meines Lebens. Eine Version, wie es vielleicht aussehen würde wenn einige Schlüsselelemente anders wären. Ich persönlich habe aber wohl ein besseres Gefühl dafür, was ich im Leben will. Darin ist der fiktive Ramy nicht so gut, und er ist überhaupt etwas langsamer damit als ich, den eigenen Gefühlen auf den Grund zu gehen. Manche Ereignisse, die in der Serie vorkommen, haben tatsächlich eine Entsprechung in der Realität, anderes fällt eher in die Kategorie: "Hätte so passieren können". Aber die anderen Figuren, Ramys Familie zum Beispiel, haben nichts mit meinem Leben zu tun.

Eine Comedy-Serie mit einem muslimischen Protagonisten ist auch im Jahr 2020 eine echte Rarität. Ging es Ihnen darum, eine Lücke zu füllen?

Nicht in dem Sinn, dass ich eine exemplarische muslimische Sitcom auf die Beine stellen wollte. Ich kann ja nicht stellvertretend für alle sprechen. Aber ich wollte auf jeden Fall etwas erzählen, was ich sonst im Fernsehen nicht gefunden habe: nämlich die Geschichte eines jungen Mannes, der seine Religion wirklich ernst nimmt und sich mit seinem Glauben richtig auseinandersetzt. In anderen Serien sind mir, wenn überhaupt, nur Muslime begegnet, bei denen die Religion eher ausgeblendet wurde. Oder Terroristen. Als ich jung war, gab es bestenfalls "Aladdin", in dem ich mich wiedererkennen konnte. Was nun auch nicht wirklich eine akkurate Repräsentation gewesen ist.

Verspürten Sie bei "Ramy" eine besondere Verantwortung als Vorreiter?

Meine größte Verantwortung war, mich nicht selbst zu zensieren, sondern alles so zu machen, wie ich es wollte. Nur so haben Zuschauer die Möglichkeit, sich mit der Serie zu identifizieren, egal ob sie selbst muslimisch sind oder nicht. Außerdem hatte ich ja keinen anderen Maßstab als mich selbst. Woher soll ich wissen, was andere Menschen für relevant oder interessant halten?

Was fanden denn die Produzenten interessant? Oder der Streamingdienst Hulu, wo Ihre Serie in den USA zu sehen ist? Hatten Sie Ideen, gegen die es Vorbehalte gab?

Insgesamt war es ein langer Kampf, eine solche Serie überhaupt zu entwickeln. Die Frage, ob es für eine Show wie "Ramy" überhaupt ein Publikum gibt, wurde natürlich immer wieder gestellt. Allerdings findet in Hollywood zum Glück seit einiger Zeit ein Umdenken statt, gerade was Diversität betrifft. Von Hulu kam tatsächlich viel Unterstützung und kreative Freiheit.

Das heißt, Sie konnten alles so umsetzen, wie Sie es sich vorstellen?

Mit Ausnahme der allerersten Szene der ersten Folge. Die wollte ich mit einem Wudhu beginnen lassen, einer rituellen Waschung in der Moschee. Das Testpublikum dachte da vermutlich, dass es sich um eine Terrorismus-Serie handelt, auch weil nur Arabisch gesprochen wurde. Also haben wir das geändert. Aber sonst gibt es nichts, was ich gerne anders gemacht hätte. Zumindest aus künstlerischer Sicht konnte ich meine Vision komplett umsetzen. Manche Probleme mit dem Budget oder der Terminplanung stehen natürlich auf einem anderen Blatt.

Trotzdem begibt man sich oft auf vermintes Gebiet, wenn man mit Humor von Religion erzählt. Wo liegen heutzutage im Comedy-Bereich noch Tabus?

Die Frage danach, was man sagen darf und was nicht, wird derzeit heißer verhandelt denn je, gerade bei Themen wie sexueller Orientierung, Glaube oder Geschlecht. Darf ich einen Witz darüber machen, wenn ich selbst nicht zu der betreffenden Gruppe gehöre, um die es geht?

Und dürfen Sie? In Ihrer Serie zum Beispiel hat Ramys Onkel nicht nur ein reaktionäres Frauenbild, sondern reißt auch jede Menge antisemitischer Sprüche. . .

Stimmt. Aber für mich dreht sich dabei alles darum, was das eigentliche Ziel des Witzes ist, egal ob auf der Stand-Up-Bühne oder eben in der Serie. Hilft der Witz dabei, dass sich jemand womöglich weniger einsam fühlt? Oder dabei, etwas anzusprechen, was den Leuten in ihrem Alltag vielleicht schwerfällt? Dann nichts wie los. Wenn das Ergebnis zu einem ehrlichen, hilfreichen Austausch führen kann, dann ist auch noch der dreckigste, inkorrekteste Witz in Ordnung.

Welche Reaktionen auf "Ramy" haben Sie denn erlebt? Haben sich beispielsweise Muslime daran gestört, dass Ihr Protagonist aller Gläubigkeit zum Trotz reichlich Sex vor der Ehe hat?

Ich bekam überwiegend ausgesprochen positive Reaktionen, aus den unterschiedlichsten Ecken. In New York wurde ich kürzlich von einem alten Mann mit Gehstock angesprochen, der alles andere als muslimisch aussah. Dass jemand wie er sich meine Serie überhaupt anschaut, hätte ich nicht erwartet, weswegen ich natürlich von seinem Feedback besonders begeistert war. Aber auch aus der arabisch-muslimischen Community habe ich viel Nettes gehört. Wenn jemand unzufrieden war, dann weniger wegen bestimmter Inhalte als wegen eines Gefühls der Ausgeschlossenheit.

Was meinen Sie damit?

Muslime, deren Wurzeln nicht in der arabischen Welt liegen, waren zum Beispiel manchmal enttäuscht, dass sie ihren Alltag nicht unbedingt wiedererkannten. Was ich verstehe: da gibt es schon mal eine Serie über eine muslimische Familie - und sie sehen sich trotzdem nicht repräsentiert. Doch das konnte nie mein Ziel sein. Der Islam ist nun einmal nichts Einheitliches, das sich auf einen Nenner herunterbrechen ließe.

© SZ vom 07.01.2020
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