bedeckt München 29°

Medien in Ägypten:Propaganda zum Dessert

Die ägyptische Serie "El-Ekhteyar 2" wurde von einer militärnahen Produktionsfirma geschaffen - und folgt einem dementsprechendem Narrativ.

(Foto: ON TV)

Wie eine pünktlich zum Ramadan ausgestrahlte ägyptische Serie recht eigenwillig mit historischen Fakten umgeht.

Von Moritz Baumstieger

Anscheinend blieben dann doch Fragen offen: Nach der Ausstrahlung der fünften Folge von El-Ekhteyar 2 (Die Entscheidung) vergangene Woche setzte sich der Name der Serie an die Spitze der ägyptischen Google-Trends. Zur allerbesten Sendezeit an einem Ramadan-Abend, der wichtigsten Fernsehsaison des Jahres, war eine filmische Rekonstruktion der Geschehnisse vom August 2013 über die Bildschirme gelaufen. Damals stand das Land am Nil am Rande eines Bürgerkriegs und konnte gerade noch von den Sicherheitskräften gerettet werden.

Zumindest beschreibt das Regime in Kairo die Ereignisse von vor acht Jahren so, unabhängige Beobachter sprechen von der blutigsten Niederschlagung von Protesten der vergangenen Jahrzehnte weltweit: Als Ägyptens Polizei und Militär ein Protestcamp am Rabaa-Platz in Kairo auflösten, starben fast 1000 Anhänger der Muslimbrüder an einem Tag. Sie wollten nicht akzeptieren, dass der gewählte Präsident Mohammed Mursi durch einen Coup aus dem Amt gedrängt wurde - und wurden teils erschossen, teils zu Tode getrampelt, teils in Zelten verbrannt.

Demonstranten werden nun als bewaffnete Terroristen geschildert

Seither versucht das Regime in Kairo, die Deutungshoheit über den Massenmord zu gewinnen. Dass die mit Stars besetzte Serie die Demonstranten nun ganz im Sinne des damaligen Verteidigungsministers und späteren Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi als bewaffnete Terroristen beschreibt, ist kein Zufall: Hergestellt wurde El-Ekhteyar 2 von der Produktionsfirma Synergy, die wie der ausstrahlende Sender OnTV zu einem Konglomerat gehört, das vom in Ägypten allmächtigen Militär kontrolliert wird. Patriotische Erbauung findet dort sich in vielen TV-Produktionen - die jüngsten Folgen von El-Ekhteyar 2 überschritten nach dem Geschmack vieler Twitter-Nutzer jedoch die Grenze zur Geschichtsklitterung bei Weitem.

Vor einigen Jahren noch waren die für den Fastenmonat Ramadan produzierten Musalsalat - so heißen die Serien auf Arabisch - teils sogar kritisch: Das oft schwierige Verhältnis zwischen Religionsgruppen in arabischen Ländern wurde thematisiert, Korruption und Armut, die falschen Versprechungen von Extremisten - gerne verpackt in Liebesgeschichten, in denen Paare verschiedenste Widerstände überwinden müssen. Neben Telenovela-artigen Schnulzen entstanden auch Action-, Sozialdramen, Komödien und Thriller, denn der Markt ist lukrativ.

Die werberelevante Zielgruppe in den arabischen Staaten umfasst mehr als 220 Millionen Menschen, von denen es sich fast alle nach dem Fastenbrechen auf dem Sofa gemütlich machen. Und die dann, mit vollem Magen, sehr ausdauernd glotzen: Erhebungen aus den Golfstaaten zählten bis zu sieben Stunden Bildschirmzeit im Ramadan - täglich. In Zeiten der Corona-Pandemie, in der die sonst üblichen Besuche bei Verwandten und Freunden nur eingeschränkt möglich sind, dürfte der TV-Konsum noch höher liegen.

"Das ist Indoktrination" - sagt der Chef einer privaten Produktionsfirma

Der kritische Blick, der nach dem sogenannten Arabischen Frühling vorübergehend möglich war, ist in Ägypten, einem der größten Produzenten für den arabischen TV-Markt, nicht mehr erwünscht. Im Gegenteil: Nur drei Jahre nachdem eine Investmentfirma des Militärs die Produktionsfirma Synergy übernommen hatte, zeichnete die bereits für zwei Drittel der Serienproduktionen für den Ramadan verantwortlich. Die neuen Besitzer sorgten zunächst dafür, dass die Musalsalat apolitischer wurden - bis sie zum Gegenangriff übergingen. Serien hätten nun "eine fast schon didaktische Richtung, befördern etwa das Image von Polizeioffizieren", klagte bereits 2019 Aly Mourad, Chef einer privaten Produktionsfirma. "Das ist Indoktrination", sagt er - gleichzeitig habe das Level der Zensur Ausmaße erreicht, wie man sie seit den Zeiten von Präsident Nasser vor 60 Jahren nicht mehr kannte.

El-Ekhteyar 2 ist nun ein Beispiel, wie sich das Regime die Unterhaltung zu eigen macht: Polizeibeamte versichern Festgenommenen, die sich um ihre Familien sorgen, dass sie niemals Verwandte von Verdächtigen verhaften würden, um den Druck zu erhöhen. Während diese Behauptung angesichts der vielen Meldungen genau diesen Inhalts aus den vergangenen Jahren einfach nur surreal ist, verarbeitet die Serie aber auch einige wahre Begebenheiten, wie etwa das Schicksal der Hauptfigur Ahmed el-Mansi, eines Offiziers, der vor vier Jahren von IS-Terroristen getötet wurde.

Dessen Geschichte emotionalisiert die Serie, um in Bezug auf das Massaker am Rabaa-Platz Propaganda zu stricken: Wo in der Realität Scharfschützen von Dächern auf Demonstranten zielten, wird in der Serie Polizei- und Armeeoffizieren befohlen, die Proteste friedlich und humanitär zu beenden - dann aber fallen Monster über sie her. Um den Effekt dieser Erzählung zu verstärken, montieren die Macher reale Videos von Übergriffen auf Polizisten in die Szenen, die es 2013 zweifelsohne auch gab. So jubelt die gleichgeschaltete Presse, El-Ekhteyar 2 habe das "das Narrativ der Muslimbrüder zerschlagen, die sich seit Jahren immer wieder als Opfer inszenieren". Sisi-Fans im Netz äußern sich drastischer. Nicht wenige Ägypter jedoch googelten lieber noch einmal, wie viel an dieser Version der Geschichte dran sein könnte.

© SZ/hy
Zur SZ-Startseite

Tipps im März
:Das sind die Serien des Monats

In "Katakomben" geht es in Münchens Abgründe, "Die Toten von Marnow" zeigt einen Campingplatz als Einsatzzentrale und "We Are Who We Are" spielt mit Geschlechtsidentitäten. Die Empfehlungen im März.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB