Axel Springer:Schuler wird's zu bunt

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Axel Springer: Will die Richtungsentscheidungen bei "Bild" nicht mehr mittragen: Ralf Schuler.

Will die Richtungsentscheidungen bei "Bild" nicht mehr mittragen: Ralf Schuler.

(Foto: imago images/Müller-Stauffenberg)

Wird die "Bild" zu "woke"? Der Leiter des Parlamentsbüros empfindet das so - und kündigt mit einem Brandbrief.

Von Moritz Baumstieger und Anna Ernst

Auf den Vorwurf, Deutschlands größte Boulevardzeitung sei "zu woke", würde nicht unbedingt jeder kommen. Die Worte "Gender-Gaga" und "Gender-Wahn" etwa sind in schöner Regelmäßigkeit und an prominenten Stellen im Blatt zu lesen, zuletzt durften sich von der Bild-Zeitung unter anderem der Bayerische Rundfunk, der rot-grüne Senat Hamburgs und auch der Allgemeine Deutsche Fahrradclub Deutschlands (ADFC) den Vorwurf machen lassen, sie wollten die Deutschen zu geschlechtersensibler Sprache und Denken umerziehen.

Und dennoch führt eben dieser Vorwurf zu Aufregung am Redaktionssitz in der Axel-Springer-Straße. Denn ein prominenter Mitarbeiter, der Chef der Bild-Parlamentsredaktion, hat aus diesem Grund gekündigt, wie zuerst das Branchenmagazin Medien Insider berichtete: In einem bereits Anfang Juli verfassten Brief an Springer-Chef Mathias Döpfner und Bild-Chefredakteur Johannes Boie, der Cicero zugespielt wurde, schreibt Schuler, dass er wegen Richtungsentscheidungen im Hause gehen werde, die er "nicht mittragen kann und möchte".

Schulers Schreiben beginnt freundlich: "Sehr geehrter Herr Döpfner, lieber Johannes". Dann zählt Schuler auf, was er bei Springer mittlerweile als besorgniserregend empfindet: Die vor dem Hause wehende Regenbogenfahne etwa: "Nicht nur ein Zeichen von Toleranz und Empathie, wie wir es gern hätten, sondern auch das Banner einer Bewegung, mit der man sich kritisch auseinandersetzen kann und muss." Vom Unternehmen produzierte Aufkleber "oh deer, I am queer": Machten Springer zum Bannerträger eben dieser "Bewegung, die einen festen Gesellschaftsentwurf mit Sprach- und Schreibvorschriften anstrebt und glaubt, berechtigt zu sein, der Mehrheitsgesellschaft einen politischen Kanon bis hin zum Wechsel des Geschlechtseintrags oder Quotierungen diktieren zu können." Und bevor das Schreiben grußlos endet, geht Schuler einen Stellvertreter Boies an, der in einer internen Mail geschrieben hatte, man stehe "fest an der Seite der LBGTQ-Community". Dort will Schuler nicht stehen - und führt indirekt seine Erfahrungen als junger Mann zu DDR-Zeiten ins Feld, die ihn "ideologischen Gesellschaftsentwürfen" gegenüber vorsichtig sein lässt.

Was Schuler in Zukunft macht? "Irgendwas mit Medien", schreibt er

Dass er den offen homosexuell lebenden Bild-Vize in seinem Schreiben auf diese Art angeht, dürfte im Hause Springer auch jene irritiert haben, die Schuler sonst in einigen Punkten vielleicht recht geben würden. Denn ausgerechnet im internationalen Pride-Monat Juni trat bei Springer ein interner Streit über die Themen Diversität und Toleranz zutage. Ausschlaggebend war ein langer Essay, der in der Welt gedruckt wurde. Fünf Gastautoren warfen darin den Öffentlich-Rechtlichen vor, Kinder würden beim "Trend-Thema 'trans'" "indoktriniert" und "aufdringlich sexualisiert". Die queere Community, auch die im eigenen Haus, zeigte sich entsetzt. Springer wurde von der LGBTIQ+ Job- und Karrieremesse "Sticks & Stones" ausgeladen. Verlagschef Döpfner versuchte daraufhin, die Wogen zu glätten und setzte ein Schreiben an die Mitarbeiter auf, das ebenfalls in der Welt veröffentlicht wurde. Er spricht sich darin gegen das "Canceln" anderer Meinungen aus, distanzierte sich aber auf das Schärfste von dem Gastbeitrag - der "oberflächlich, herablassend und ressentimentgeladen" gewesen sei. Nun wiederum waren andere Teile der Springer-Belegschaft verstört - jene, die sich den Kampf für die Meinungsfreiheit auf die Fahnen geschrieben haben. Und jene, die nicht unbedingt überall eine Regenbohnenfahne haben wollen, wie Ralf Schuler.

Axel Springer: Das Axel-Springer-Hochhaus, in dem sich die Redaktion der Boulevardzeitung "Bild" befindet.

Das Axel-Springer-Hochhaus, in dem sich die Redaktion der Boulevardzeitung "Bild" befindet.

(Foto: Christoph Soeder/picture alliance/dpa)

Dass dessen Schreiben nun den Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben, könnte auch damit zusammenhängen, dass Boie und Döpfner eher kühl reagiert haben. Wie Schuler auf Anfrage der SZ bestätigt, pocht der Verlag darauf, dass er bis zum Ablauf der Kündigungsfrist Ende März 2023 für das Blatt arbeitet - was er "als äußerst undankbaren Akt" empfindet. Ob Döpfner und Boie so verhindern wollten, dass der Leiter ihres Parlamentsbüros samt seinem Adressbuch direkt zum Start-up von Ex-Bild-Chef Julian Reichelt überläuft, der bereits Judith Sevinç Basad abgeworben hat, eine der Bild-Journalistinnen, die sich dem Kampf gegen "woke" Ideen verschrieben hat, wollte ein Unternehmenssprecher von Springer nicht kommentieren. Und auch Schuler hält sich bezüglich seiner Zukunft bedeckt, er habe mehrere Angebote, "Spoiler: "was mit Medien" ist nicht unwahrscheinlich". Bleibt also noch die Frage, ob Bild zu "woke" wird. Dazu, schreibt der Springer-Sprecher, "empfehlen wir gerne einen Blick in unsere Produkte".

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