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"Spiegel":Kein Beleg, keine Beförderung

Der Spiegel Admits Fabricated Reporting By Star Reporter

Der Spiegel wurde Ende vergangenen Jahres vom Betrugsfall Relotius erschüttert, seitdem wurden die Standards für Belege verschärft.

(Foto: Getty Images)
  • Eine fünf Jahre alte Geschichte verhindert, dass der Spiegel seinen Wunschkandidaten zum Chef des Investigativen macht.
  • Rafael Buschmann hat 2014 über Wettbetrug bei der Fußball-WM berichtet, konnte aber nicht ausreichend Belege für die Geschichte liefern.

Es wird wieder über Journalismus geredet beim Spiegel . Seit Mittwoch ist das Hamburger Verlagshaus einer der Tagungsorte für mehr als 1500 Investigativreporter aus aller Welt, die sich hier bis Sonntag über ihr Handwerk austauschen. Dieses Handwerk ist die Recherche. Investigativer Journalismus erlebt gerade in Zeiten schwindender Glaubwürdigkeit von Medien einen Bedeutungsboost. Weil er berichtet, was belegbar ist.

Dass eine Tatsachenbehauptung belegbar sein muss, weiß man auch beim Spiegel, das Investigative zählt zu dessen Kernsportarten. Und die Standards im Haus wurden noch einmal verschärft, seit der Textfälscher Claas Relotius seine Prosa an allen Sicherheitsschleusen vorbei ins Blatt hat fließen lassen. Erst im Nachhinein fand eine interne Untersuchungskommission all die unbelegten Behauptungen, Erlebnisse und Gespräche, mit denen Relotius seine "Reportagen" tunte. Keine Recherche. Kein Handwerk. Nur kunstvolle Lügen.

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Der Umgang des Hamburger Magazins mit der Wahrhaftigkeit steht deshalb unter besonderer Beobachtung. Umso erstaunlicher ist, wie lässig die Spiegel-Macher zunächst mit ihren nach Relotius selbstgesetzten Transparenz-Maßstäben in einer neuerlichen hausinternen Krise umgegangen sind: Sie feilten den spitzen Grundsatz, wonach zu belegen sein muss, was behauptet wird, so lange ab, bis eine Frage übrig blieb: Ist schon das wahr, was nicht als falsch bewiesen werden kann?

Nein, müsste die Antwort lauten - doch die Spiegel-Leute haben sich für diese Antwort sehr lange Zeit gelassen.

Rafael Buschmann, 37, einer der jungen Starreporter des Hauses, sollte eigentlich spätestens ab September das neu gemischte Investigativ-Team leiten. Am Mittwoch hat die Chefredaktion nach einer wochenlangen internen Untersuchung die zunächst nur zurückgestellte Beförderung abgeblasen. "Rafael hat mir angeboten, auf die Beförderung zum Teamleiter zu verzichten", schrieb Chefredakteur Steffen Klusmann in einer Mitteilung, die er am Mittwoch für die Redaktion ins Intranet stellte. Er habe "dieses Angebot angenommen". Das Schreiben liegt der SZ vor. Grund sei ein fehlender Beleg für eine Behauptung, die in einem mehr als fünf Jahre alten Artikel aufgestellt wurde. Buschmann bleibt Investigativreporter, das Team wird den Blattmachern unterstellt.

Der Text, um den es geht, stammt aus Ausgabe 27/2014, heißt "Faule Äpfel" und beginnt so: "Vor dem WM-Gruppenspiel zwischen Kamerun und Kroatien meldet sich Wilson Raj Perumal via Facebook. Er schreibt, die Partie werde 4:0 für Kroatien ausgehen, außerdem werde es in der ersten Halbzeit eine Rote Karte geben." Auf das Manuskript hatte der zuständige Faktenchecker neben der Passage "ist nicht vorhanden" notiert, bezogen auf irgendeinen zur aufgestellten Behauptung passenden Beweis. Veröffentlicht wurde der Text trotzdem, abgesegnet offenbar von Chefredaktion, Ressortleitung und Justiziar.

Rafael Buschmann bei der Aufzeichnung der ZDF Talkshow Markus Lanz im Studio Stahltwiete Hamburg 2

Hätte eigentlich Chef des Investigativressorts werden sollen: Rafael Buschmann.

(Foto: imago/Future Image)

Perumal, heute 54, ist ein international schlecht beleumundeter Wettbetrüger aus Singapur. Die Konversation zwischen ihm und dem deutschen Reporter Rafael Buschmann soll per Chat am Morgen des 18. Juni 2014 brasilianischer Zeit stattgefunden haben. Der Wettbetrüger sagt dem Journalisten also einen exakten Spielausgang voraus, inklusive einem besonderen Vorkommnis, dem Platzverweis. Und, Potzblitz, am Abend desselben Tages passiert genau das. Kamerun geht 0:4 unter, der Spieler Song sieht nach einem geradezu aberwitzig plumpen Foul die Rote Karte. Elf Tage später, am 30. Juni, erscheint der Artikel, in dem Buschmann der Frage nachgeht, ob Wettbetrug während einer WM möglich sei. Natürlich - der Spiegel hat ja den schlagenden Beweis einer echten Spielvorhersage. Oder nicht?

Schon einen Tag nach der Veröffentlichung wehrt sich der Wettbetrüger gegen das deutsche Magazin, verlangt eine Richtigstellung, streitet ab, je dieses Ergebnis vorhergesagt zu haben. Mit dem Journalisten Rafael Buschmann habe er erst nach dem Spiel gechattet, nicht vorher, und er habe auch niemals Bezug auf das Ergebnis genommen.

Der Spiegel führt einen Kollegen von Buschmann als Zeugen an, der ein Gedächtnisprotokoll erstellt hat

Verschiedene Medien greifen den Fall auf. Perumal, mehrfach vorbestrafter Matchfixer - so nennt man Leute, die für die Wettmafia Ergebnisse auf Bestellung liefern, indem sie Spieler oder Schiedsrichter bestechen - stellt ihnen Screenshots zur Verfügung, die auch die SZ kennt. Sie zeigen angeblich die Facebook-Kommunikation zwischen ihm und Buschmann - laut Zeitstempel tatsächlich Tage nach dem inkriminierten Spiel geführt. Darin ist von "fünf bis sieben faulen Äpfeln" im Team Kameruns die Rede, bestechlichen Spielern also. Eine Absprache für das Spiel gegen Kroatien wird nicht erwähnt.

Der Spiegel-Text und die Kontroverse darum schlagen Wellen, der Weltfußballverband Fifa gibt während des Turniers eine Pressekonferenz, es gibt Nachfragen. Buschmann wird um Aufklärung gebeten: Ob er nicht auch seinen Chatverlauf veröffentlichen könne, fragen Journalisten, fragt auch die Fifa, die den möglichen Wettbetrug nach eigenen Angaben untersuchen will. Buschmann aber teilt lediglich mit, der Spiegel bleibe bei seiner Darstellung. Auch als der Wettbetrüger Perumal im Herbst 2014 mittels einer deutschen Anwaltskanzlei eine Unterlassung begehrt, liefert er keinen Beleg. Keinen Screenshot der Chatpassage mit dem Zeitstempel. Ein Eiertanz beginnt.

Der Spiegel führt einen Kollegen von Buschmann als Zeugen an, der ein Gedächtnisprotokoll erstellt hat: Demnach habe ihm Buschmann am 19. Juni 2014, nach deutscher Zeit dem Tag nach dem Spiel, in einer Pizzeria jenen Chat auf seinem Handy gezeigt, den er am Tag vorher mit Perumal geführt habe. Dieses Protokoll konnte die SZ nicht einsehen. Der Spiegel lehnt eine Unterlassung ab, der Wettbetrüger Perumal geht nicht vor Gericht. Deutschland ist Weltmeister, das Thema versandet.

Buschmann schreibt zahlreiche Artikel und zwei Bücher

Und Rafael Buschmann startet durch. Er zieht 2016 die Football Leaks an Land, einen über die Jahre laut Spiegel auf 70 Millionen Dateien und Dokumente anschwellenden Datensatz, den eine internationale Journalisten-Gruppe auswertet. Buschmann schreibt zahlreiche Artikel und mit seinem Kollegen Michael Wulzinger zwei Bücher über die Abgründe des Kickergewerbes, die sich in den Daten finden.

Die Football Leaks sind für den Spiegel der große Scoop, und sein Reporter Buschmann ist laut Magazin der einzige Kontaktmann zu dem geheimnisvollen Informanten "John", der die Daten liefert.

Inzwischen ist klar, dass "John" Rui Pinto heißt, 30 Jahre alt ist und den Strafverfolgungsbehörden in Portugal als krimineller Hacker gilt. Seit dem Wochenende liegt die Anklage vor, 147 Straftaten werden Pinto vorgeworfen, er sitzt in Untersuchungshaft. In seiner aktuellen Mitteilung an die Belegschaft schreibt Steffen Klusmann, der Spiegel brauche "Rafael für die Begleitung des Prozesses gegen Rui Pinto, den Mann hinter den Football Leaks".

Der Umgang mit Whistleblowern kennt rote Linien

Enttarnt hatte Pinto das Magazin Sabado bereits im September 2018. Seitdem wird auch unter Journalisten diskutiert, ob und wie es den Wert der Football Leaks beeinflusst, wenn die Daten tatsächlich von einem Cyber-Einbrecher gestohlen sind, der so einen engen Draht zu einem einzigen Reporter hatte. Der Umgang mit Whistleblowern kennt rote Linien, etwa die, dass ein Journalist einen Informanten nicht zu Straftaten animieren darf. Ansonsten steht der Quellenschutz über allem, das gilt für alle Medien. Der Spiegel teilt mit, er habe sich stets offen mit der Frage auseinandergesetzt, ob Rui Pinto auch gegen Gesetze verstoßen haben könnte. Man halte ihn weiter für einen, der ein großes Risiko auf sich genommen hat, um Straftaten und Missstände aufzudecken.

Der Umgang mit Leuten wie Pinto ist jedoch eine Gratwanderung. Auch Buschmann und "John" stehen beim Spiegel im Wind. Als sich im Herbst 2018 abzeichnete, dass Buschmann Investigativ-Chef des Hauses werden soll, kündigten ihm drei Rechercheure die Gefolgschaft und wechselten in andere Ressorts. Lieber hätten sie gar keinen Chef gehabt, als diesen, heißt es beim Spiegel. Dann, Ende 2018, fliegt Claas Relotius auf - den moralischen Erben von Magazin-Gründer Rudolf Augstein ("Sagen, was ist") droht jener Rohstoff auszugehen, der für den Betrieb aller Medien unverzichtbar ist: Glaubwürdigkeit.

Die darauf eingesetzte Untersuchungskommission soll auch andere Autoren überprüfen - so wird auch Buschmanns Text von 2014 aus dem Archiv geholt. Buschmann erklärt erneut, warum es keinen Beleg für die Geschichte gibt. Er erklärt, was er laut Spiegel schon vor fünf Jahren erklärt hat: Der Chat mit dem Wettbetrüger habe sich vor seinen Augen aufgelöst. Dass er gehackt worden oder in eine Interpol-Operation gegen die Wettmafia geraten sei oder dass das Chatprogramm einen Bug gehabt habe? Alles sei möglich. Screenshots, die er in den sich selbst löschenden Chat hinein noch gemacht habe, seien verlorengegangen, als sein Handy in eine Pfütze gefallen sei. Auf einem Ersatzhandy habe er weiter kommuniziert, einige Screenshots zeigte Buschmann am Mittwoch der SZ. Sie sehen anders aus als die Perumal-Bildschirmfotos, Zeitstempel haben sie nicht.

Die Kommission beanstandete Buschmanns Text nicht. In ihrem Abschlussbericht bleibt Claas Relotius ein Einzelfall, ein Jahrhundertbetrüger. Dabei bleibt das Magazin auch, als der Medien-Blog Übermedien nachfragt: Die Kommission habe "in Kenntnis sämtlicher Darstellungen (...) bis heute keine Belege für Fälschungen gefunden". So antwortete der Spiegel noch am 23. Juli, ohne zu erklären, dass es für die im Text aufgestellte Behauptung einer Spielvorhersage keinen Beleg gibt und nie einen gab. Tags zuvor hatte jener Kollege von Buschmann, der den Chat gesehen haben soll, aus seinem Gedächtnisprotokoll von 2014 eine Eidesstattliche Versicherung gemacht. Auch die konnte die SZ einsehen, darin steht "Cameroon Croatia four goals and red card". Auch das wäre nicht die präzise Ergebnisvorhersage, die Buschmann im Text geschildert hat.

Erst am Mittwoch schreibt Chefredakteur Klusmann in seiner Mitteilung an die Redaktion: "Wir haben es im investigativen Journalismus nicht selten mit dubiosen Quellen zu tun, um so entscheidender ist eine belastbare Beleglage. Die aber fehlt uns in diesem Fall. Der vollständige und lückenlose Chat zwischen Wilson Raj Perumal und Rafael Buschmann liegt uns nicht vor." Aus heutiger Sicht würde der Spiegel den Artikel "so nicht mehr drucken". Es reiche nicht, dass "die Gegenseite ihrerseits keinen ultimativen Beleg für die Behauptung hat, wir hätten falsch berichtet. Die Beweislast fällt hier tatsächlich uns zu." Der Text "Faule Äpfel" soll aus dem Netz genommen werden.

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