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Radiosender in Spanien:"Gooool!" aus zweiter Hand

Der spanische Ligaverband schließt Radioreporter aus Stadien aus, weil die Sender sich weigern, Übertragungsrechte zu zahlen. Aus Protest ziehen die Journalisten vor die Stadiontore. Auch prominente Rückendeckung findet sich - in Real Madrids Trainer José Mourinho.

Javier Càceres, Madrid

Die Spanier haben noch immer ein besonderes Verhältnis zum Radio. Am Wochenende, wenn Fußball ansteht, kommt kaum ein Sender beim Spiel mit weniger als einem halben Dutzend Redakteuren aus. Reporter und Experten sitzen auf der Pressetribüne und schildern und analysieren, Journalisten fangen am Spielfeldrand Stimmen ein.

Aus Protest ziehen die ausgeschlossenen Radioreporter mit ihren Anwälten vor die Stadiontore.

(Foto: AP)

An diesem Wochenende aber war alles anders: Ein Reporter musste gar die Sprecherkabine gegen das eigene Wohnzimmer eintauschen - und berichtete vom Sofa aus über das, was er am TV-Schirm sah. "Gooool!" aus zweiter Hand. Der Grund: Der Ligaverband LFP, in dem die Profiklubs zusammengeschlossen sind, hat eine lange im Raum stehende Drohung wahr gemacht - und von den Sendern Übertragungsgebühren gefordert.

Bislang hatten die Radiosender für jedes Spiel kostenfreie Akkreditierungen erhalten. Branchenführer Cadena SER, der mit Fußball-Kommentierungen auf 1,8 Millionen Zuhörer pro Spieltag kommt, soll für die gesamte Saison etwa vier Millionen Euro entrichten.

Der Sportrechtehändler Jaume Roures, der einen Großteil der Medienrechte an der spanischen Liga hält, beziffert die Werbeeinnahmen der Radiosender durch Fußball auf etwa 100 Millionen Euro. Da sei es nur recht und billig, dass die Vereine einen Anteil haben wollen. In der Champions League und bei der Fußball-Weltmeisterschaft seien derartige Gebühren längst üblich. Für die spanische Liga aber weigern sich die Sender. Ihr Argument: Die Reporter würden ein ureigenes Produkt erschaffen und - anders als etwa Fernsehsender - nicht bloß etwas übertragen. Die geforderten Gebühren würden nicht weniger als 20 Prozent der Werbeeinnahmen der Radiosender ausmachen.

Am Wochenende machten alle Stationen gemeinsam Front und berichteten nur vom TV-Schirm weg. Ihre Reporter zogen vor die Stadiontore - in Begleitung eines Notars, der die Abweisung der Berichterstatter beglaubigte. Dies soll in eine Klage wegen angeblicher Beschneidung der Pressefreiheit einfließen. Manche Sender kauften reguläre Eintrittskarten, andere bezogen Zuschauer in die Berichterstattung ein. Auf den Tribünen suchten Sicherheitsbedienstete nach heimlichen Radioreportern.

Die spanische Radioakademie forderte die Regierung zum Einschreiten auf. Die Radioberichterstattung sei Teil der Grundversorgung, die in Spanien immer gratis gewesen sei. Unterstützung erhielten die Radiosender ausgerechnet von Real Madrids Trainer José Mourinho, der die Presse von den Trainingseinheiten seiner Mannschaft fast komplett ausgeschlossen hat: "Fußball ohne Radio ist nicht dasselbe", sagte er.

© SZ vom 29.08.2011/cag
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