Süddeutsche Zeitung

Medien für Frauen:Rosa Séparée

Zwei neue Radiosender und ein Internetmagazin konzentrieren sich ganz auf Frauen. Zurecht?

Von Susan Vahabzadeh

Mit der Diversität ist es so eine Sache. War die Idee nicht eher, dass Gruppen - vorzugsweise die privilegierten Gruppen - divers werden, und nicht die Neugründung diverser Gruppen? Aber Frauen sind die Hälfte der Menschheit, somit eher keine Randgruppe, aber auf alle Fälle ein Marksegment. Im Radio zumindest sind zwei Neugründungen zu verzeichnen, zwei Sender nur für Frauen. "Mädels! Endlich unter uns" steht groß über der Website von Anna.fm, bei Femotion Radio springt einen auf der Webseite Femotion.de erst einmal ein Kussmund an.

Beide Sender sind als Streaming oder über DAB+ zu hören und bieten ein Programm, von dem sie selbst behaupten, alle Frauen hätten darauf gewartet. "Endlich die Musik, die dir gefällt. Endlich die Themen, über die du dich tagtäglich unterhalten möchtest. Wir sind bei dir und begleiten dich durch den Tag", heißt es neben dem rosafarbenen Logo auf der Webseite von Anna.fm. Was genau ist da zu hören? Radio an.

Vielleicht kommt Michael Bublé ein wenig öfter vor als sonst, aber ansonsten läuft im Programm der Frauensender Sender Anna.fm und Femotion Radio die übliche Privatsendermusik rauf und runter. Ob Cher und Adele begeistert wären, wenn sie wüssten, dass sie jetzt für spezifisch weibliche Ohren zuständig sind?

Femotion Radio bringt Sinnsprüche wie: "Jeden Morgen entscheide ich mich neu für mich."

Die Nachrichten bei Femotion Radio sind kurz, Bahnstreik, Corona, und dann - wird endlich ein Beitrag angekündigt, über eine Frau, die es in eine Eliteeinheit der Marine geschafft hat. Mehr Musik. Und dann erzählt eine Frauenstimme, es gebe jetzt die erste Kampfbootmatrosin in den USA, die irre Sachen lernen musste, so stünde es in der New York Times. Während dann wieder Musik läuft, ist Zeit nachzuschauen, wo die Geschichte stand - unter den gewöhnlichen Inlandsnachrichten, denn die New York Times hat gar keine Frauenecke (obwohl das Ressort "Love", in das die Geschichte über die Elitesoldatin nun wirklich nicht gepasst hätte, verdächtig viel Rosa aufweist, wenn man es online aufruft). Bei Femotion Radio gibt es erst mal Sinnsprüche zu hören: "Jeden Morgen entscheide ich mich neu für mich." Dann wieder Musik. Und die Ankündigung, dass es irgendwann wieder einen weiteren Beitrag geben wird, nämlich: wie bereitet man erfrischendes Zitronenwasser zu. Außerdem wird man informiert, dies sei ein Sender für alle Frauen, auch solche, "die nicht feministisch unterwegs sind". Prost.

Auch auf der dazugehörigen Website geht es eher rosa zu, und oben steht zwar einiges darüber, dass es bei Femotion Radio um Gleichstellung und Karrierechancen als Frau geht, aber untendrunter werden dann genau dieselben Rubriken geboten, die Frauenzeitschriften seit eh und je beackern: Gesundheit, Familie, Ernährung. Heißt hier "Fem Health", "Fem Family" und "Fem Food". Ändert aber nichts. In "Kinder Küche Kirche" wurde das dritte K durch Karriere ersetzt. Bei Anna.fm ist das ähnlich.

"Palais Fluxx": Expertinnen geben Finanztipps - Frauen arbeiten ja mit knappen Ressourcen

Schon vor ein paar Monaten hat die Journalistin Silke Burmester ein Online-Magazin gestartet, Palais Fluxx (palais-fluxx.de), für Frauen ab 47 - und das ist zwar auch sehr zielgruppenorientiert, aber die Beiträge und der Podcast des Magazins (in der letzten Folge war die Medienwissenschaftlerin Elizabeth Prommer zu Gast) haben ein anderes Kaliber. Vieles besteht aus Beiträgen von Leserinnen. Aber Burmester versucht, auch harte Themen unter die Beiträge über den Corona-Blues, sehr persönliche Kolumnen und Buchkritiken zu mischen. Bei Palais Fluxx gibt es einen "Bankschalter", bei dem man sich von drei Expertinnen Finanztipps holen kann - dass Frauen mit knappen Ressourcen arbeiten, ist ein reales, messbares, knallhartes geschlechtsspezifisches Problem. Silke Burmester kennt sich da aus, sie hat das Magazin (gemeinsam mit "Tech Crack" Simone Glöckler), so gut wie ohne Geld gestartet, ist der Webseite zu entnehmen. Man kann also sagen: in Selbstausbeutung.

Aber ist das überhaupt nötig, ein eigenes Frauenradioprogramm? Muss das alles in eine eigene, bisweilen möglichst rosa markierte Ecke?

Der Gleichstellung ist vielleicht mehr gedient, wenn über eine Kampfbootmatrosin in Kontexten berichtet wird, in denen auch mal ein Mann davon etwas mitbekommt, das Militär schützt ja schließlich alle. Falls "unter sich bleiben" tatsächlich ein Ziel ist, haben es bei beiden Radiosendern jedenfalls die Männer in der Geschäftsführung geschafft, das zu erreichen. Im Impressum auf den Webseiten zu Anna.fm und Femotion Radio werden insgesamt fünf Männer als jeweilige Geschäftsführer ausgewiesen und keine Frau. Jetzt brauchen wir nur noch zwei Spezialsender für Frauen, die doch lieber AC/DC hören, und Männer, die Adele gut finden und trotzdem Fußball gucken.

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