Radiosender Bayern 1:Mit Classic Rock an die Spitze

Alling: 20 Jahre Allinger Blaskapelle

Einen Tusch bitte: Musikgruppen dürfen wieder gemeinsam proben, drinnen wie draußen.

(Foto: Johannes Simon)

Vor einem Jahr warf Bayern 1 die Volksmusik aus dem Programm, und die Empörung darüber war riesig. Jetzt ist der Sender mit viel Popmusik der Achtzigerjahre der meistgehörte im Freistaat. Eine rabiate Erfolgsgeschichte.

Von Franz Kotteder

Der Erfolg irrt niemals, und im Nachhinein war es vielleicht sogar Teil des Erfolgs, dass vor eineinhalb Jahren für viele Bayern der Untergang des Abendlandes, zumindest jedoch des Alpenlandes, unmittelbar bevorstand.

Damals wurden Pläne des Bayerischen Rundfunks bekannt, die traditionelle Volksmusik aus seinem Hörfunkprogramm Bayern 1 zu verbannen und in einen nur digital empfangbaren Spartensender abzuschieben. Wochen-, ja monatelang gab es wütende Proteste, aus der Hörerschaft, von Vereinen und Verbänden.

Vergeblich. An Pfingsten 2016 trat die Reform in Kraft, mit dem Schwerpunkt auf Popmusik aus den Achtzigerjahren und redaktionellen Beiträgen aus ganz Bayern. Mit Backrezepten, Verbrauchertipps, regionalen Nachrichten, aufgeteilt nach fünf Sendegebieten. Es gibt samstags immer noch die beliebte Konferenzschaltung der Bundesliga Heute im Stadion. Und über die Woche verteilt kurze Kabarettbeiträge unter dem wohl unfreiwillig zweideutigen Titel Lach matt.

Und vor Kurzem, ein gutes Jahr später, hat die Media-Analyse für den Freistaat ergeben: Der volksmusikfreie Pop-Sender Bayern 1 ist mit einem Marktanteil von 27,3 Prozent plötzlich das meistgehörte Programm im Lande.

War Walter Schmich überrascht, als er diese Zahl hörte? "Ja", sagt der Programmbereichsleiter trocken. "Hätte ich im Januar 2016, als Bayern 1 zusätzlich zu Bayern 3 in meinen Verantwortungsbereich kam, gesagt, ich wolle Marktführer werden, hätten mich alle ausgelacht."

Sender für alte Leute

Man darf annehmen, dass er es trotzdem werden wollte, denn damals war man im Freistaat auf Rang vier, Antenne Bayern führte mit weitem Vorsprung und war überhaupt bundesweit der erfolgreichste Privatsender.

Bayern 1 aber galt nicht nur wegen der Blasmusik als Sender für alte Leute. Wer ihn einschaltete, besaß mutmaßlich ein Hörgerät und las in der Zeitung am liebsten die Todesanzeigen. Diese Einschätzung hört man heute noch, das Image des Seniorensenders hält sich hartnäckig.

Im Programm des Senders gab es früher viele Merkwürdigkeiten, etwa läutende Kirchenglocken

Portraits

Verlässlich schwarz: Der Kommentar zur bayerischen Landespolitik von Bernhard Ücker auf Bayern 1.

(Foto: Sessner/BR)

Auch der vergleichsweise junge Morgenmoderator Marcus Fahn mit seinen 41 Jahren kennt solche Vorurteile, die Menschen seien "oft ganz erstaunt, wenn sie das Programm dann einschalten". Und Walter Schmich sagt: "Vielleicht hat uns die ganze Aufregung um die Verlegung der Volksmusikstunde zu BR Heimat ja auch geholfen. Weil die Leute wieder auf uns aufmerksam geworden sind und wissen wollten, was wir da tatsächlich machen."

Das jüngere Image hat man sich bei Bayern 1 auch auf Kosten der Volksmusikfreunde erkauft, obgleich man beim Sender findet, dass man der traditionellen Volksmusik eigentlich geholfen habe - auch wenn sich deren Fans für den Empfang ein Digitalradio zulegen mussten.

Denn der digitale Spartensender BR Heimat hat aktuell täglich um die 270 000 Hörer. Das sind deutlich mehr als jene, die früher die tägliche Volksmusikstunde um 19 Uhr einschalteten. Und wohl auch mehr als jene, die 2016 den Siegeszug des Kommerzfunks über die ehrliche, handgemachte Musik aufhalten wollten - nur eines der Argumente gegen die Programmreform.

Bayern 1 war immer sehr, sehr bayerisch. Wer sich heute in seinen Fünfzigern bewegt und im Freistaat aufgewachsen ist, kann sich an mancherlei Merkwürdigkeiten erinnern. Sonntagmittag gibt es bis heute das Zwölfuhrläuten, bei dem fünf Minuten lang eine bestimmte Kirche irgendwo in Bayern vorgestellt wird, untermalt von jeweils ganz spezifischen Glockengeläut.

Es gab Samstag für Samstag den "Kommentar zur bayerischen Landespolitik" von Bernhard Ücker. Der war verlässlich schwarz wie das Innenleben eines Landpfarrers, denn die CSU kam eigentlich nie, nie, nie schlecht weg. Außer es hatten sie gerade irgendwelche liberalen Anwandlungen gepackt, was selten geschah.

Viel traditionelle Volksmusik angereichert mit volkstümlichem Schlager

Es gab dann auch die Schweinsbratenmusik, die freilich anders hieß: Bayerische Blasmusik, sonntags eine Stunde lang zum Mittagessen. Überhaupt kam viel traditionelle Volksmusik, zum Beispiel in der täglichen Sendung Am Abend in der Stubn, dann war Zeit für Hackbrett, Zither und Dreigesang. Hinzu kam der schreckliche Bastard der echten Volksmusik, der volkstümliche Schlager. Über die Jahre hinweg nahm der leider immer noch mehr zu, aber das ist eine andere Geschichte.

Auf Bayern 1 lief früher auch das Wunschkonzert mit Fred Rauch, und es gab natürlich die volksnahen Moderatoren, allen voran Gustl Weishappel, der jeden Morgen "die Temperatur vom Fensterbankl" verkündete.

Die Popmusik der Achtzigerjahre ist ja eigentlich die letzte ehrliche, handgemachte Musik

Gottschalk wird wieder Radio-Moderator bei Bayern 1

Wieder on air bei Bayern 1: Thomas Gottschalk moderiert seit Anfang des Jahres immer am ersten Sonntagabend des Monats seine legendäre Radioshow.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Jene Hörer, die sich in München auskannten, rätselten, wie er es wohl geschafft hatte, sein Thermometer irgendwo in den oberen Stockwerken des Senderhochhauses an der Arnulfstraße aufs Fensterbankl zu legen. In Wirklichkeit lag das Thermometer zwischen einem doppelt verglasten Fenster im viel niedrigeren Studiogebäude hinter dem Hochhaus.

All das war das alte Bayern 1, und es widersprach irgendwann allen Erkenntnissen der Marktforschung, die regelmäßig Hörer befragt, und die längst auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk das Programm bestimmt. "Wir haben schon ein Auge drauf, was die Leute als Lieblingsnummern angeben", sagt Musikchef Martin Pohlers, "aber wir ergänzen das durch zusätzliche Stücke. Während andere Sender 50 bis 60 Songs aus den Achtzigern immer wieder abspielen, haben wir mindestens 400 bis 500 Songs aus dieser Zeit."

Die Volksmusikfreunde wird das kaum trösten, sie haben ihren Sender verloren, der jetzt eben die alten Rock-und-Pop-Klassiker spielt, die für den zweiten (auch sehr erfolgreichen) Quotensender Bayern 3 zu alt geworden ist, an diesem Montag etwa: Joe Cocker, Elvis, Status Quo, die Beach Boys. Beim Sender erklärt man es so: Man müsse so eine Welle "konsequenter, für den Hörer erwartbarer aufstellen", wenn man Erfolg haben wolle: "BMW baut ja auch nicht die ganze Woche über Autos und am Samstag plötzlich Segelboote."

Das kann man so sehen, und wenn Erfolg recht gibt, dann hat man bei Bayern 1 wohl recht gehabt. Andererseits ist der BR - anders als BMW - ein gebührenfinanziertes Unternehmen ohne gewinnfordernde Aktionäre und könnte es sich durchaus erlauben, Dinge zu tun, die nicht den Regeln der Marktforschung entsprechen.

Auch Fritz Egner und Thomas Gottschalk sind Teil der konsumorientierten Konsequenz

Zur konsumentenorientierten Konsequenz passt auch, dass viele alte Radiorecken aus der Großzeit des Classic Rocks jetzt wieder zu hören sind auf Bayern 1. Fritz Egner etwa, und seit Januar einmal im Monat auch Thomas Gottschalk. Der hat Schmich ein Handyfoto geschickt, vom Highway No. 1 in Kalifornien. Man sieht im Hintergrund Palmen und vorne das Autoradio, darauf: "Bayern 1". Gottschalk hört also auch daheim in Malibu den Heimatsender, bei dem seine Karriere begann.

Man muss aber auch sagen: Langsam hat Gottschalk den größten Teil seiner Fans in jener Altersklasse, die schon gar nicht mehr mitzählen kann, wie oft er eine neue Radio- oder Fernsehshow übernommen hat. Und wenn man es genau nimmt, ist die Popmusik der Achtzigerjahre ja eigentlich so etwas wie die letzte ehrliche, handgemachte Musik. Zumindest für jene, die damit aufgewachsen sind. Die Programmrevolution, sie ist so gesehen vielleicht gar keine gewesen.

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