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Radio:Trotz allem

"Ich werde nicht hassen": Wie geht man damit um, wenn die Familiengeschichte zur Tragödie wird? Ein Hörspiel widmet sich der Autobiografie des palästinensischen Arztes Izzeldin Abuelaish, der heute in Kanada lebt.

Von den ersten Minuten an ist da ein Misstrauen. Weil alles so glatt läuft für Izzeldin Abuelaish. Wie kann das sein, schließlich ist er ein Palästinenser? Er wächst in Gaza auf, als Schüler findet er einen Lehrer, der ihn engagiert fördert. Abuelaish kann in Kairo Medizin studieren und wird Arzt, in einem israelischen Krankenhaus sogar. Er wird wohlhabend und hat bald eine große Familie mit vielen Kindern.

Inzwischen lebt Abuelaish mit einigen seiner Kinder in Toronto, Kanada und hat dort seine Autobiografie veröffentlicht, I shall not hate. Der Titel, den auch die dreiteilige, von Claudia Johanna Leist inszenierte Hörspielfassung trägt, untermauert das Misstrauen: Ich werde nicht hassen, da schwingt ein "trotz allem" mit. Und tatsächlich, die drei Folgen sind klar gegliedert. Zeigt der Prolog noch eine trotz vieler alltäglicher Schwierigkeiten grundsätzlich hoffnungsvolle Szenerie, so geraten die Dinge im Mittelteil ziemlich schnell ins Rutschen, inner- wie außerhalb der Familie. Im Finale schließlich endet alles in gleich mehreren Katastrophen.

Das ist in dieser Wucht, auch wenn von Anbeginn eine Ahnung da ist, brutal und überraschend. Die Familie wird dezimiert, auf eine schockierende Art, und Abuelaish wird dabei auch noch massiv gedemütigt. Dass dieser Mann an seinem Schicksal nicht zerbricht, ist staunenswert. Beinahe schon starrsinnig hält er an seiner Friedfertigkeit fest, negiert Terror und Rache als Option. Mit der Nüchternheit eines Mediziners seziert er die Geschehnisse, in einer schonungslosen Deutlichkeit, die zu ertragen gegen Ende hin nicht immer einfach ist.

Die jedoch hilfreich ist, weil die Dinge somit klar vor einem liegen. Es geht jedoch nicht um banale Schuldzuweisungen. Nicht darum, Israelis gegen Palästinenser auszuspielen, dem einen ein größeres Recht auf was auch immer zuzugestehen als dem anderen. Ich werde nicht hassen ist der honorige Versuch, die Spirale von Gewalt und Vergeltung zu durchbrechen, wenigstens in den Köpfen. Indem man im jeweils anderen den Menschen sieht, der er ist. Und nicht ein diffuses Feindbild.

Dazu muss man hinsehen. Oder zumindest aufmerksam zuhören, wenn Abuelaish einem erzählt, was er erleben musste. Es sind Bilder, die man nicht sehen möchte, nicht einmal in der bloßen Vorstellung. Abuelaish sieht in Gaza keine Zukunft und hat das Privileg, ausreisen zu können. Ist das schon ein Glück?

Ich werde nicht hassen, WDR 3, Montag bis Mittwoch, jeweils 19.04 Uhr.