Hörspiele:Das Recht auf Selbstbestimmung

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(Foto: Illustration: Stefan Dimitrov)

Glaube oder Gene, Herkunft oder Habitus: Was macht den Menschen aus? Vier sehr unterschiedliche Hörspiele von weiblichen Autoren haben dazu pointierte Haltungen.

Von Stefan Fischer

A, B und C. So heißen die drei Figuren in Ruth Johanna Benraths Hörspiel PSALM / aus der tieffen. Wobei: Figuren ist schon zu viel gesagt. Drei Stimmen sind es, das ist treffender. Die von Inga Busch, Birte Schnöink und Ulrich Noethen. Zusammen sind die drei Schauspieler in diesem Stück das Kollektiv ABC. Aber auch wenn das ein Synonym ist: Diese drei Buchstaben machen noch kein Alphabet.

Benrath erzählt in ihrem Hörspiel, welches Stefan Kanis für den MDR inszeniert hat, von einem verzweifelten Ringen - nach Sinn, nach Spuren des Göttlichen. Aber nicht nur das Fassungs-, auch das menschliche Ausdrucksvermögen ist zu gering, als dass es zu einer tieferen Erkenntnis käme, die sich auch noch mitteilen ließe. A, B und C stehen insofern für die Vergeblichkeit, das Ganze zu fassen. Schon gar nicht in Worte.

Alte Texte zu überschreiben, Gedanken weiterzudenken und neu zu sortieren, sich dabei immer tiefer in deren Poesie hineinzugraben: Das ist die Spezialität von Ruth Johann Benrath. Diesmal ist es der Luther'sche Kosmos, seine Bibelübersetzung speziell der Psalmen sowie seine Glaubenszweifel, die sie mit ihrem eigenen literarischen Ausdruck verdichtet zu einer Art, ja: elegischem Psalm, einer Mischung aus Gedicht, Lied und Gebet. Randvoll mit Zweifeln.

Wie viel Gott braucht der Mensch, um ganz bei sich zu sein?

Die Suche nach einem lebendigen Gott findet hier nicht vor der Kulisse einer aufgeklärten, säkularen, rationalistischen Gegenwart statt. Sondern ist archaischer Natur, dem Menschen immanent. Und doch ist etwas passiert seit Luther: Die Skepsis hat sich vergrößert. Auch die Enttäuschung und die Wut darüber, nach wie vor im Dunkeln zu tappen. "Ich habe mich müde geschrien auf der Suche nach einer Sprache, die funktioniert", sagt eine der Stimmen gegen Ende. Dabei schreit hier niemand. A, B und C türmen nur unablässig Fragen aufeinander. Auf die es jedoch keine verlässlichen Antworten gibt. Dann lieber Schluss mit der Transzendenz und der dringende Wunsch: "Kannst du mich bitte loslassen!" Er verhallt wie alle Fragen auch.

PSALM / aus der tieffen weist deutlich über die religiöse oder gar nur christliche Ebene der Thematik hinaus. Verhandelt wird grundsätzlich und auf sehr elegante Weise das Selbstverständnis des Menschen, das Fundament seiner geistigen Existenz. Oder, mit einem anderen Wort: seine Identität. Womit man mitten in einer ebenfalls extrem weitverzweigten Debatte steckt, die Mithu Sanyal in Identitti genüsslich ausbreitet. Und in der es ebenfalls sehr viel um Glaubensfragen geht und - eine Ebene tiefer - um das, was zwar nicht die Welt, aber den Menschen im Innersten zusammenhält.

Die Professorin argumentiert schneller, als ihre Zuhörer reflektieren können

Nun ist die Adaption eines aktuellen Romanbestsellers durch das Radio - Identitti ist vor einem guten Jahr erschienen - erst einmal nicht viel mehr als eine kulturelle Trittbrettfahrt und im Grunde nicht weiter der Rede wert. In diesem Fall liegen die Dinge jedoch anders. Zum einen, weil Sanyal in ihrem Roman die zahlreichen Aspekte von Identitätsdebatten so reflektiert, pointiert und auch in all ihren unauflöslichen Widersprüchen darstellt, dass er derzeit recht konkurrenzlos erscheint. Zum anderen ist die Geschichte durch ihre Mehrstimmigkeit und die Einbeziehung von medialem Widerhall viel besser als andere Prosa geeignet für das Genre Hörspiel.

Es geht, so viel zur Erinnerung, in Identitti um eine Professorin, die Intercultural Studies unterrichtet und deren eigene Identität als Person of Color sich als Fake erweist - in der Wahrnehmung einer breiten öffentlichen Mehrheit jedenfalls. Die Regisseurin Eva Solloch hat die Debatte - und eine solche ist der Roman letztlich, nicht zuletzt durch die von Mithu Sanyal gewählte Form - für 1Live, die junge Welle des WDR, noch einmal kondensiert auf einen 110-minütigen Zweiteiler. Die Schlagfertigkeit der Professorin ist dabei eine Hilfe. Mitunter kommt man mit dem Mitdenken kaum hinterher. Das ist kein Manko des Hörspiels, darauf fußt der öffentliche Erfolg dieser Figur im Kosmos dieser Geschichte: Sie argumentiert schneller, als die meisten reflektieren können.

Wesentlich weniger komplex, dabei nicht weniger gelungen sind die beiden neuen Hörspiele Der Gestank der Welt oder Paarungstanz ist eine tote Sprache von Caroline Bélisle (Regie: Anouschka Trocker) sowie K.I.T.A. - Das Menschenmögliche von Antje Vauh und Carina Pesch. In beiden Stücken suchen Menschen nach ihrem Platz in der Welt, ohne dass es dabei ums Grundsätzliche ginge. Wobei: Bei der Kindererziehung auf eine KI zu vertrauen, berührt ebenfalls menschliches Selbstverständnis.

PSALM / aus der tieffen, MDR Kultur, 23. Mai 2022, 22 Uhr.

Identitti, 1Live, 23. Mai 2022, 23 Uhr. Teil 2: 30. Mai.

Der Gestank der Welt oder Paarungstanz ist eine tote Sprache, SR 2, 22. Mai 2022, 17.04 Uhr.

K.I.T.A. - Das Menschenmögliche, WDR 3, 22. Mai 2022, 19.04 Uhr.

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