Hörspiele:Reise zu sich selbst

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(Foto: Illustration: Stefan Dimitrov)

Wer bin ich? Wer will ich sein? Drei spannende neue Hörspiel zu brennenden Fragen von Identität - der europäischen und der höchst privaten.

Von Stefan Fischer

Lyrik im Radio, zwei Stunden lang - das ist durchaus eine Selbstverständlichkeit. Jedenfalls beim Deutschlandradio, und jedenfalls hin und wieder. Im April ist die neue Reihe Das Lyrische Kabinett gestartet, eine Literatursendung, die sich ausschließlich mit Gedichten befasst. Nun läuft Book of Songs, ein spannendes Hörspielexperiment, das in der Audiothek des Senders eine lohnende Weiterung zum Podcast erfährt.

Der Lyriker Jan Wagner, der das Book of Songs kuratiert hat, möchte seine Kunst denn auch gar nicht in eine Nische geschoben wissen. Selbstbewusst reklamiert er für Gedichte, dass sie unmittelbar mit unserem Leben zu tun hätten und sich keineswegs abwenden würden von der Realität, um in irgendwelche Sphären einzutauchen.

Wagner bleibt den Beweis nicht schuldig. Book of Songs ist ein Gemeinschaftswerk, ein Ensemble-Hörspiel, wenn man sich denn bei der Terminologie des Films bedienen mag. Wagner hat dafür zehn Gedichte zeitgenössischer europäischer Autorinnen und Autoren ausgewählt, und zehn Regisseure oder Regieteams haben je eines davon inszeniert. Es ist eine teilweise sehr konkrete Poesie, die sich mit dem Lärm der Zeit, mit Kriegen auf dem Kontinent, mit der Kritik an totalitären Systemen befasst, oder mit der Trauer um den Vater.

Die Gedichte sind jeweils in einer Mischung aus Original und deutscher Übersetzung zu hören, und sie sind vor allem musikalisch vertont von renommierten Hörspielmacherinnen und -machern: Andreas Ammer & Driftmachine haben Lied an den Lärm der Waliserin Deryn Rees Jones interpretiert, Ulrike Haage Maulbeerenhain der türkischen Autorin Gonca Özmen, Klaus Buhlert Die Puppe der Belarussin Vera Burlak. Weitere Interpreten sind Hermann Kretzschmar, Grace Yoon, Merzouga, Björn SC Deigner, unter den weiteren Autoren sind der Slowene Aleš Šteger, der Pole Tadeusz Dąbrowski, die Französin Valérie Rouzeau.

Eine sehr dynamische, sehr zugängliche Auseinandersetzung ist das, die Schlaglichter wirft auf europäische Befindlichkeiten, auf Gemeinsamkeiten - und auf die Verschiedenheit des Gleichzeitigen. In der Podcast-Fassung ist noch mehr Raum für die Hinführung zu den einzelnen Gedichten, die Hörspiel-Fassung funktioniert selbst wie eine Art akustisches Langgedicht.

Diese interessante Diskrepanz zwischen Selbst- und Außenwahrnehmung

Wenn es in Book of Songs bei allen Unterschieden um so etwas wie eine gemeinsame Identität geht, sucht die Hauptfigur in Sarah Kilters Hörspiel White Passing, inszeniert von Nick-Julian Lehmann, nach ihrem ureigenen Weg. Kilter spielt dabei mit der eigenen Biografie, mit der Diskrepanz zwischen realem Vorbild und einer Rolle, die an einigen Stellen unaufgelöst bleibt. Damit ist sie mittendrin in ihrem Sujet: White Passing handelt von dem Zwiespalt zwischen der Selbstwahrnehmung eines Menschen und der Weise, wie er von anderen gelesen wird. Und davon, dass es eine Rolle spielt, wer etwas sagt oder macht - und dass dieselben Dinge dann jeweils etwas anderes bedeuten. Sowie, und das ist womöglich das Bedeutsamste, dass ein Mensch nicht konsistent sein muss. Vor allem die sogenannte Mehrheitsgesellschaft kriegt in White Passing immer wieder ordentlich einen vor den Latz geknallt dafür, dass sie zu oft eine Deutungshoheit für sich beansprucht über Dinge, von denen sie keine Ahnung hat.

Hörspiele: Läufer Frankie Fredericks - ein Held für "Pisten"-Autorin Penda Diouf.

Läufer Frankie Fredericks - ein Held für "Pisten"-Autorin Penda Diouf.

(Foto: Lennart Mansson/imago images/Bildbyran)

Noch heftiger entgleist als die Hauptfigur in White Passing ist diejenige in Penda Dioufs Hörspiel Pisten. Pisten handelt von einer Reise Dioufs nach Namibia im Jahr 2010. Eine Reise nach Afrika, aber nicht in die Heimat ihrer Vorfahren - Diouf hat senegalesisch-ivorische Wurzeln und lebt in Frankreich. Für Namibia begeistert sie sich, weil sie Frankie Fredericks verehrt, den 100-Meter-Läufer, der die Phalanx der dominanten US-Sprinter aufgebrochen hat.

Penda Diouf sucht nach Helden und stößt neben Fredericks auf die Anführer der Herero und der Nama, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die deutschen Kolonialherren aufgelehnt hatten - die Deutschen verübten daraufhin einen Genozid an den beiden Volksgruppen. Diouf verwebt diesen historischen Rassismus mit ihren eigenen Erfahrungen der Ausgrenzung und Herabwürdigung. Und zeigt die dadurch verursachte Schwierigkeit auf, eine positive Haltung zur eigenen Identität zu entwickeln.

Book of Songs, DLF, 11. Juni 2022, 20 Uhr.

White Passing, RBB Kultur, 10. Juni 2022, 19 Uhr.

Pisten, NDR Kultur, 15. Juni 2022, 20 Uhr.

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