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Radiotipps:Tödlicher Verrat

Die besten Sendungen an Ostern: Neue Hörspiele von Maxim Biller und Jane Austen sowie Recherchen zu Verschwörungsmythen und zur Zukunft der Kunst.

Von Stefan Fischer

Überredung

Hörspiel, HR 2, Ostersonntag, 14.04 Uhr

Überredung

Mala Emde spricht im Jane-Austen-Hörspiel "Überredung" die Hauptfigur Anne Elliot - eine Frau, die sich von den Männern nichts vormachen lässt.

(Foto: Ben Knabe/HR)

Das Kino war mal ganz heiß darauf, die Romane von Jane Austen zu verfilmen, in den 1990ern und den 2000ern. Die Produktionen waren Feste für Kostümbildner, sie wurden oft zu Ausstattungsorgien. Inhaltlich setzte man meist auf Nostalgie und Herzschmerz. Das Interesse des Hörfunks an Austens Romanen ist jünger - und spannender. Weil in den Hörspieladaptionen der vergangenen Jahre viel stärker eine Rolle spielt, was an diesen Geschichten so modern ist, dass es sich lohnt, sie heute neu zu erzählen. Vorbildlich ist in der Hinsicht Christine Nagels Regiearbeit, da sie die dramatische Liebesgeschichte von Anne Elliot (Mala Emde) von Austen selbst (Sascha Icks) kommentieren lässt, so als würde die Autorin aus unserer weitaus emanzipierteren Gegenwart auf die Geschehnisse blicken (Teil 2 am Ostermontag, 14.05 Uhr).

Spielen mit dem Virus

Feature, WDR 3, Karsamstag, 12.04 Uhr

Seit einem Jahr ist in der Kulturbranche nichts mehr, wie es zuvor war: Theater spielen nicht, Musiker können nicht auftreten, Kinos und Museen haben geschlossen - von eingeschränkten Ausnahmen im vergangenen Sommer abgesehen. Am Beispiel von Nordrhein-Westfalen schildert Jörg Biesler in dem Feature, was das für die einzelnen Künstler wie auch für die Institutionen bedeutet. Es ist eine gründliche Recherche über Nöte und Befindlichkeiten mit klugen Gesprächspartnern. Bieslers Feature ist am stärksten aber vor allem da, wo es sich mit Kreativität und neuen Impulsen befasst. Die Akademie für Digitalität und Theater in Dortmund etwa befasst sich damit, wie man die Digitalisierung auf die Bühne kriegt - und nicht, wie man Theater während der Pandemie am besten digital präsentiert.

Sechs Koffer

Hörspiel, SWR 2, Ostersonntag, 18.20 Uhr

Eine fulminante Familiengeschichte schildert Maxim Biller in seinem 2018 erschienenen Roman - sie ist angelehnt an die eigene; die Figuren heißen Biller, und der Erzähler ist das Alter Ego des Autors, ein Junge, dessen russisch-jüdische Familie etappenweise in den Westen gelangt, teilweise über eine Zwischenstation in Prag. Der weise Walter Adler hat den Stoff in ein unaufgeregtes und gerade deshalb außerordentlich wirkmächtiges Hörspiel transformiert. Besetzt ist die Produktion herausragend, mit Sylvester Groth, Ulrich Noethen, Corinna Kirchhoff, Judith Engel, Suzanne von Borsody, Christian Redl, Tom Schilling ... Das Scharnier, das Sechs Koffer zusammenhält, ist der tödliche Verrat am Großvater und die Frage, wer diesen Verrat begangen hat. Ein Familiengeheimnis, das sämtliche Beziehungen definiert (Teil 2 am Ostermontag, 18.20 Uhr).

Wenn Fakten nicht zählen

Feature, Bayern 2, Ostermontag, 11.05 Uhr

Verschwörungsmythen milde zu belächeln, schafft sie nicht aus der Welt. Aber soll man sie deshalb ernst nehmen? Und dadurch aufwerten? Das ist eine sehr akademische Frage, wie Hardy Funk in seinem Feature belegt. Die Sendung beginnt mit Geschrei und Faustschlägen gegen Türen - akustische Dokumente von der Erstürmung des Kapitols in Trumps letzten Amtstagen. Bald hat auch Attila Hildmann einen kleinen Auftritt, dessen Absurdität sich jedem klar Denkenden sofort erschließt. Und doch bringen die antisemitischen Tiraden etwas ins Rutschen in der deutschen Gesellschaft. Funk benennt die Gründe, weshalb Verschwörungstheorien verfangen, und er lotet die Möglichkeiten aus, wie man ihren Anhängern am effektivsten entgegentritt. Eine der drängendsten Aufgaben einer jeden Demokratie.

© SZ
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