Radio Ganz neue Töne

Traf Hitler einen Alien? Akte 88 spielt mit Verschwörungstheorien.

(Foto: SWR - Südwestrundfunk)

Verschwörungstheorien, Mord und Paartherapie: Podcasts aus allen Bereichen krempeln gerade den Hörfunk um. Das hört man auch, wenn man zur Primetime das Radio anmacht.

Von Stefan Fischer

Auch im Hörfunk musste der Anstoß aus den USA kommen: Erst der immense Erfolg des True-Crime-Podcasts Serial, dessen dritte Staffel am Donnerstag startet, hat Radiomacher hierzulande vor drei Jahren auf die Idee gebracht, selbst dokumentarische und auch fiktionale Serien zu entwickeln und den neu entstehenden digitalen Markt für gut erzählte Geschichten nicht anderen Anbietern zu überlassen. Zumal diese Serien auch die Attraktivität linearer UKW-Programme erhöhen, wo sie ebenfalls zu hören sind. Vielleicht waren die Hörfunk-Redakteure gewarnt durch die Situation beim Fernsehen, wo man lange kaum darauf reagierte, dass die innovativen, linear erzählten Serien weitgehend ohne sein Zutun entstehen.

Das öffentlich-rechtliche Radio jedenfalls feuert den Serien-Boom selbst maßgeblich an. Zwar produziert auch Amazon über seine Tochter Audible fiktionale Serien wie etwa Ghostsitter. Und der Privatsender Antenne Bayern hat zwei investigative Podcast-Dokuserien veröffentlicht: Dunkle Heimat über einen historischen Mordfall und Geheimakte OEZ über den Terroranschlag im Münchner Olympiaeinkaufszentrum. Aber die große Mehrzahl solcher Hörserien kommt von den Öffentlich-Rechtlichen. Und diese Stoffe werden nicht nur als Podcasts angeboten, also zum Herunterladen auf den Webseiten der Sender, in der ARD-Audiothek und auf den einschlägigen Plattformen wie iTunes, Spotify und Google Podcasts, sondern sind auch im UKW-Programm zu hören. Dort verändern sie gerade den Sound des Radios - und verhindern, dass das klassische Hörfunkangebot abgekoppelt wird von den aktuellen Entwicklungen.

Produziert werden die Serien von den Hörspiel- und Feature-Redaktionen, die in vielen Sendern inzwischen fusioniert haben. Entsprechend werden sie auf den Hörspiel- und Feature-Sendeplätzen ausgestrahlt. Schon aus einer finanziellen Notwendigkeit heraus: Es gibt für die Serien keine Sonderetats, sie werden nicht zusätzlich zu, sondern anstelle von konventionelleren Sendungen inszeniert.

Doch die Sender experimentieren auch: So läuft die achtteilige RBB-Serie Christin und ihre Mörder über einen nicht restlos aufgeklärten Mordfall derzeit im Kulturradio auf dem regulären Feature-Platz am Samstagvormittag. Sie wird im November aber auch im Inforadio von RBB laufen, dann in viertelstündigen Episoden, immer werktags drei Wochen lang in Folge. Wobei jede Episode dreimal täglich ausgestrahlt werden soll. Bei Wer hat Burak erschossen?, auch das eine Recherche zu einem Mordfall, lief morgens jeweils eine fünfminütige Kurzfassung jeder Podcast-Folge in der Massenwelle Radio Eins, abends wurde dort die reguläre Folge ausgestrahlt.

Die Serien wandern also auf Sendeplätze und in Wellen, wo Hörspiel und Feature bislang keine Rolle gespielt haben. Das sind sehr oft prominente Plätze: Die Popwelle NDR 2 hat die True-Crime-Serie Das Versprechen zum Anlass genommen, eine Woche täglich jeweils in der Mittagsstunde zwei bis drei Auszüge aus einer Folge zu spielen und sich auch in Gesprächen und Moderationen mit dem Fall eines in den USA mutmaßlich zu Unrecht als Mörder Verurteilten Deutschen zu befassen. Bei SWR 2 läuft die Realsatire Akte 88 über Verschwörungen zu Hitlers angeblichem Überleben um 19 Uhr - nach dem Morgen und dem Mittag die dritte Primetime im Radio. Der Podcast Auf der Suche nach Schorsch über einen Fall von Medikamenten-Missbrauch an behinderten Jugendlichen in den Siebzigerjahren wird hingegen nur digital verfügbar sein. Im linearen Programm wird eine kürzere Featurefassung unter dem Titel Auf den Spuren von Schorsch laufen. Walter Filz, der beim SWR die Redaktion Hörspiel & Feature leitet, sieht es als einen großen Vorteil an, dass man durch solche Programmierungen selbst bestimmen kann, wie tief man in die Stoffe jeweils eintauchen möchte als Hörer - und auch eine größere Chance hat, auf sie aufmerksam zu werden und zudem nichts verpasst, selbst wenn man später einsteigt, Podcasts sind ja langfristig verfügbar.

Inzwischen beleben auch fiktionale Serien das Programm. Die junge WDR-Welle 1Live macht sich einen Namen mit Originalstoffen: Caiman Club ist eine spannende Geschichte über Berliner Politintrigen, am Donnerstag startet NeuNuernberg, die Fiktion eines deutschen Bürgerkriegs. Jeweils vier der zwölf Podcast-Folgen sind an den kommenden drei Donnerstagen auf 1Live zu hören. Auch Radio Bremen bündelt den Podcast Paartherapeut Klaus Kranitz, wovon gerade die zweite Staffel bei Bremen Zwei läuft: Immer drei Folgen mit den drei Therapiesitzungen eines Paares bilden eine Hörspielfolge. Was da noch konventionelle Programmierung ist, wird im Kulturradio RBB aufgebrochen: Der zwölfteilige Podcast Unterleuten nach Juli Zehs Roman wird am 3. Oktober von 12 bis 18 Uhr am Stück ausgestrahlt - Binge-Listening im linearen Programm also. Und WDR 3 hat einen täglichen 19 Uhr-Hörspielplatz auch deshalb geschaffen, um eine Serie wie Brüder, die in 26 Teilen von den wichtigsten Figuren der Französischen Revolution erzählt, adäquat programmieren zu können.