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Radio:Am Hörer

Das Deutschlandradio lädt sein Publikum ein, Artikel des Grundgesetzes im Programm zu kommentieren. Die minutenkurzen Meinungen bleiben vom Hörfunksender unkommentiert. Über die Chancen und Risiken der neuen Reihe.

Das Grundgesetz ist ein politischer Glücksfall für Deutschland, darüber besteht weithin Konsens. Es gibt keinen Anlass, es in Rente zu schicken, jetzt, da es 70 Jahre alt wird. Dennoch soll die Frage erlaubt sein, inwiefern es der heutigen Lebensrealität noch in all seinen Artikeln gerecht wird. Das ist der Ansatz einer spannenden Reihe im Deutschlandfunk: Mein Grundgesetz versammelt minutenkurze Kommentare von 70 Hörerinnen und Hörern über einzelne Artikel und Aspekte der deutschen Verfassung. Sie sind fortan unkommentiert auf verschiedenen Sendeplätzen im Programm des Deutschlandfunks zu hören und werden auf der Sender-Website zum Abrufen gebündelt.

Alle Kommentatorinnen und Kommentatoren, so der Eindruck nach dem Hören der ersten Beiträge, haben in unterschiedlicher Form etwas zu bemängeln am Grundgesetz. "Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft", heißt es in Artikel 6, Absatz 4. Mutterschaft, so eine Hörerin, ende jedoch nicht nach dem Säuglingsalter der Kinder. Und leitet aus dem Grundgesetz den Anspruch ab, dass Mütter auch an ihrem Lebensende Anspruch auf Schutz und Fürsorge der Gemeinschaft haben, wenn sie aufgrund geringer Beiträge in die Rentenkasse von Altersarmut betroffen sind.

Geht es in diesem Fall um eine mangelhafte Umsetzung des Grundgesetzes, was man diesem selbst nicht anlasten kann, so wünschen andere Menschen Änderungen der Verfassung. Europa habe, so meint ein Hörer, kaum eine Rolle gespielt bei der Entwicklung der Verfassung. Entsprechend werde sie unseren europäischen Ambitionen nicht gerecht. Es ist ein Appell, Europa stärker im Grundgesetz zu verankern.

Reibung entsteht aber vor allem dort, wo seinem Geist widersprochen wird. "Wir sind nicht mehr verpflichtet, aller Welt zu helfen", behauptet eine Hörerin, die das Recht auf Asyl bestreitet. Auch das bleibt - natürlich - unkommentiert stehen. Der bundesweite Sender möchte eine Debatte anregen, wünscht keine Sonntagsreden auf das Grundgesetz, will nicht als Staatsfunk diskreditiert werden.

Mein Grundgesetz geht aus einer "Denkfabrik" hervor, einem Aufruf des Deutschlandradios an die Hörer nach Themenvorschlägen. Es ist der Versuch des Senders, wieder näher an seine Hörer heranzurücken und sich selbst weniger als Bestandteil des politischen Systems zu begreifen. Dazu gehört eben auch, jenen zuzuhören, die abweichende, unliebsame Meinungen vertreten.

deutschlandfunk.de/meingrundgesetz