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Journalismus:Ans Licht geholt

Globale Recherchen gegen globalen Machtmissbrauch: Die Journalisten hinter den Panama Papers werden ausgezeichnet.

Von Claudia Tieschky

April 10 2017 Washington DC USA The team of McClatchy journalists involved in the Panama Pape

Freude in New York: das für die "Panama Papers" ausgezeichnete Team des Medienkonzerns McClatchy.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Fast genau ein Jahr ist es her, dass der Ausdruck Panama Papers zum Begriff wurde, und das weltweit. Am 3. April um 20 Uhr deutscher Zeit gingen die ersten Enthüllungen über die dunklen Geschäfte der Anwaltskanzlei Mossack Fonseca online. Das Material hinter dem Namen Panama Papers belegt, dass die Kanzlei mit Sitz in dem mittelamerikanischen Steuerparadies half, dass Politiker, Sportler, betrügerische Organisationen, ja ganze Regime ihre Vermögen verstecken konnten. Seitdem wurden aufgrund der Veröffentlichungen Ermittlungen gegen weltweit 10685 Personen oder Unternehmen aufgenommen, darunter sind viele prominente Fälle; die Gründer der Kanzlei sitzen in Untersuchungshaft. Was da ans Licht kam, ist der Blick auf ein gigantisches Schattensystem der Reichen, und es ist noch lange nicht aufgearbeitet.

Der Reporter der "Washington Post" sah Donald Trump mit einem Scheck - und recherchierte

Die gewaltige Wirkung der Panama Papers hat wesentlich mit einer internationalen Journalisten-Kooperation zu tun. Eine anonyme Quelle, die sich selbst "John Doe" nannte, hatte der Süddeutschen Zeitung (SZ) 2,6 Terabyte Daten über Interna der Kanzlei Mossack Fonseca zugespielt. Die SZ gab die Informationen an das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) in Washington, D. C., weiter; dieses koordinierte daraufhin mit der SZ die Recherchen von rund 400 Investigativ-Reportern in 80 Ländern. Das ist, wenn man so will, eine neue Qualität von investigativer Arbeit: globaler Journalismus als Antwort auf globale Strategien von Macht - und Machtmissbrauch.

Am Montagabend ist die Aufarbeitung der Panama Papers in New York mit einem Pulitzer-Preis für "erklärende Berichterstattung" gewürdigt worden. Die legendäre Auszeichnung, die seit 1917 von einer Jury aus amerikanischen Journalisten, Verlegern und Wissenschaftlern vergeben wird und für eine große Tradition demokratischer Machtkontrolle durch herausragenden Journalismus steht, geht konkret an das Consortium ICIJ, bei dem mehrere SZ-Reporter Mitglieder sind, an den Medienkonzern McClatchy und den Miami Herald. Um den Pulitzer-Preis können sich der Satzung zufolge nur amerikanische Medien bewerben. Mike Pride, der Vorsitzende des Pulitzer-Preis-Gremiums, machte allerdings klar: "Es ist keine Frage, dass dies ein viel größeres Projekt war." Dass sich die Jury für dieses internationale Teamwork entschied, das kann gesagt werden, bedeutet so etwas wie Pulitzer-Ehre für alle Journalisten und Medien, die an der Veröffentlichung mitwirkten. Einige davon waren wegen der Arbeit am Rechercheprojekt in ihren Ländern Repressalien und Drohungen ausgesetzt.

Der ICIJ-Vorsitzende Gerard Ryle sagte am Dienstag: "Ich war schon immer davon überzeugt, dass Journalismus genau das tun sollte: Dinge enthüllen, die für die Leser zählen. So geht echter Journalismus. Und das ist mehr als das, was die meisten Medien heute so tun."

Einen Pulitzer-Preis in der Kategorie "Nationale Berichterstattung" gewann ein Mann, der dem Klischee vom Journalisten als Einzelkämpfer dagegen recht nahe kommt. David Fahrenthold von der Washington Post sah während einer Veranstaltung in Iowa, wie der damalige Präsidentschaftsanwärter Donald Trump einen Scheck der Trump-Stiftung an eine Hilfsorganisation übergab. Fahrenthold ist, so beschreiben ihn diejenigen, die ihn kennen, ein schlaksiger Durchschnittstyp, höflich, akkurate Handschrift. Nichts bringt ihn aus der Ruhe. Aber nach diesem Erlebnis kam der hartnäckige Spürhund in ihm zum Vorschein. Er prüfte alle Spenden, die Trump jemals getätigt hatte - und enthüllte mithilfe der Twitter-Öffentlichkeit, dass über die Stiftung vieles finanziert wurde, das Trump höchstpersönlich hilft.

Weitere Preise gingen etwa an die New York Daily News und die Stiftung Pro Publica für die Aufdeckung von Missbrauch bei Räumungsbefehlen gegen sozial Schwache. Die Charleston Gazette-Mail erhielt einen Preis für die Recherche zu Medikamentenmissbrauch in West Virginia. The Salt Lake Tribune wurde für ihre Lokalberichte über sexuelle Übergriffe an einer Universität in Utah ausgezeichnet, die New York Times für Beiträge über Einflussstrategien von Wladimir Putin außerhalb Russlands und für ein Feature über einen Veteranen des Afghanistan-Krieges. In den literarischen Kategorien gewannen unter anderem der historische Roman The Underground Railroad von Colson Whitehead und das Drama Sweat von Lynn Nottage.

Preiswürdig waren für die Jury aber auch die Leitartikel von Art Cullen, 60, für die Storm Lake Times - eine kleine Zeitung aus Iowa, die von zehn Mitarbeitern gemacht wird, zweimal wöchentlich erscheint und sich mit Landwirtschaft befasst. Wenn es nötig ist, legt sich die Storm Lake Times auch mit den ganz großen Agrarkonzernen an.

© SZ vom 12.04.2017
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