Protestblatt Nur Bahnhof?

"Kontext" wurde als Stimme gegen das Bauprojekt Stuttgart 21 gegründet. Jetzt wird es fünf Jahre alt. Braucht es die Zeitung noch? Der Gründer im Gespräch.

Interview von Max Hägler

Er habe selbst nicht daran geglaubt, sagt Josef-Otto Freudenreich (65), dass sein mittlerweile in ganz Deutschland als Beilage der taz erscheinendes Stuttgarter Wochenblatt Kontext so lange durchhält: 2011 hat der Theodor-Wolff-Preisträger das Medium gegründet, das mit linker Haltung schwäbische Aufregerthemen bearbeitet. Jetzt begeht man das Fünfjährige, samt großer Jubiläumsfeier und einem Buch mit den besten Geschichten.

SZ: Herr Freudenreich, Kontext war eigentlich gar nicht auf Dauer angelegt?

Josef Freudenreich: Ich wollte das einfach mal ausprobieren: Ganz eigenverantwortlicher Journalismus! Großartig! Wir hatten dann etwa 200 000 Euro Spenden . . .

. . . teils von Mächtigen aus der Wirtschaft etwa der Wiedeking-Stiftung oder der Leibinger-Stiftung . . .

. . . das meiste von einem Enkel eines Herausgebers der Stuttgarter Zeitung. Aber das reichte nur für ein Jahr. Doch mithilfe von 1500 Soli-Abonnenten, unseren Vereinsmitgliedern und der taz haben wir es geschafft, online und gedruckt.

Und das obwohl aus dem Kernthema, der neue Bahnhof Stuttgart 21 und die Gegenproteste, die Luft raus ist.

Da war ja nicht nur der Bahnhof. Die Schwaben haben sich auch verändert: Die Bürgerbeteiligung, das war eine Grundströmung, auf der wir aufbauten; viele unserer Leser sehen, dass wir mitunter verdummbeutelt werden von oben. Und dank der neuen grün-schwarzen Regierung braucht es uns mehr denn je: Denn Ministerpräsident Kretschmann ist ja beileibe kein Linker.

Kretschmann ist etabliert - und Kontext deswegen auch?

Ein wenig. Es waren sogar Teile meiner Familie aus dem reaktionären Oberschwaben beim Jubiläum. Die mussten daheim einiges erleiden, weil ich in Stuttgart über Kirche und CDU herziehe - Journalismus hat ja auch mit Meinungsäußerung zu tun. Aber sie stehen jetzt zu mir. Selbst CDU-Mann Günther Oettinger spricht von einer "robusten Freundschaft" mit mir.

Immer öfter wird über spendenfinanzierten Journalismus geredet. Ein zukunftsweisendes Modell?

Das wird eine Nische bleiben, die Geldbeutel sind doch sehr verschlossen. Die Leute spenden lieber für Tiere oder Menschenrechte. Wer ein Medienprojekt aufbauen will, dem empfehle ich: Rechnen lernen und eine vernünftige Verwaltung aufbauen. Und Glück muss man haben.

Das klingt nach Müdigkeit.

Ich habe den Aufwand unterschätzt, wir sind ja nur sechs Feste in der Redaktion und suchen gerade noch Verstärkung. Aber es macht Freude! Wenn wir die Solidaritäts-Abos verdoppeln, sind wir absolut stabil.