Süddeutsche Zeitung

Promi-"Wer wird Millionär?" auf RTL:Daddeln mit den Döddels

Wenn RTL seine Trash-Prominenz in die Primetime holt, hat das meist etwas Verzweifeltes. Beim Promi-Spezial von "Wer wird Millionär?" nahmen die Geissens auf den Ratesesseln Platz. Und retteten die Sendung mit prollig-charmanten Bonmots.

Wenn es bei Langzeit-Paaren nicht mehr so richtig läuft, suchen manche das Beziehungsheil im Swingerclub. Neue Leute, Spiele und mal wieder ein bisschen Sex - das ist die Kombination zur Eherettung. Was das mit Günther Jauch und "Wer wird Millionär?" (WWM) zu tun hat? Nun ja, auch der einstige RTL-Quotenmann sucht seit einiger Zeit nach Wegen aus dem Schwund. Die lange lodernde Leidenschaft des Moderators für seine Sendung ist weg, genauso wie viele Zuschauer.

Doch noch wollen die Formatverantwortlichen das langjährige Traumpaar aus Jauch und Quiz-Show nicht aufgeben. Vor kurzem gab es eine Überraschungssendung, in der ahnungslose Studiogäste erst im Laufe der Aufzeichnung erfuhren, dass sie als Kandidaten auserkoren waren. Und dann steht traditionell vor der Sommerpause ein "Prominentenspecial" an.

Das verspricht im Zweifelsfall ein bisschen Quote, siehe Jörg Pilawa und sein ebenfalls darbendes "Quizduell". Dort zündeten die vermeintlichen VIPs allerdings so wenig wie das innovative Interaktiv-Konzept. Dem wollte das Jauch-Team offenbar vorbeugen - und lud Gäste, die in der Mischung das Versprechen einer Swingerparty perfekt verkörperten: Es könnte peinlich werden, aber auch ganz geil.

Da war zum einen Sportmoderator Waldemar Hartmann, der wohl mehr zur eigenen Ehr- als zur Eherettung kam. Beim vorangegangenen Promi-Raten hatten Model Lena Gercke und Modedesigner Guido Maria Kretschmer "Waldi" als Telefonjoker eingesetzt, doch der versagte ausgerechnet bei einer Fußball-Frage. Nach dem 66-Jährigen begrüßte Moderator Jauch Wolfgang Bosbach - doch statt des CDU-Politikers stolperten unter tosendem Applaus "die Geissens" ins Studio.

Trash-Prominenz in der Primetime

Carmen und Robert Geiss, Selfmade-Millionärspaar aus Köln/Monaco, sind die Protagonisten einer leidlich erfolgreichen Reality-TV-Show (Die Geissens - Eine schrecklich glamouröse Familie) beim Schwestersender RTL 2. Wenn RTL seine Trash-Prominenz in die Primetime holt, hat das meist etwas Verzweifeltes. Und so erschien auch Jauchs Begrüßungssatz für das blondierte Kult-Paar durchaus passend: "Umso schöner, dass Sie jetzt schon da sind." Bei den Fragen war dann Bosbach, der dann doch noch kam, wieder vor den Geissens dran.

Komplettiert wurde die Runde von Ex-Fußballtrainer Christoph Daum, ungewohnt im grauen Dreireiher. Am Ende wurden jedoch alle etwaigen Bemühungen um Seriosität vom Fragen-Panel zunichte gemacht. Eine Auswahl mit Symbolwert.

1) Was hängt bei den meisten Männern etwas tiefer als sein Gegenstück auf der rechten Seite?

a) linkes Ohrläppchen, b) linkes Augenlid, c) linke Hand, d) linker Hoden

Vielleicht lag es am fehlenden Alkohol-Angebot, dass Waldemar Hartmann zunächst mit der Frage fremdelte. "Für ein Weißbier wär' auch Platz gewesen", mahnte er beim Moderator an. Handfeste Hilfe boten die Geissens dem ratlosen Ratenden. Robert: "Wann gehen wir in die Werbung? Dann ich geh' mal pinkeln." Carmen: "Mensch Robert, das kannste doch fühlen!" Am Ende versenkte Hartmann auch ohne Handspiel und entschied sich für die richtige Lösung (d).

2) In welcher Stadt wurde die deutsche Fußballnationalmannschaft sowohl Welt- als auch Europameister?

a) München, b) London, c) Rom, d) Bern

Eine Frage zwar ohne Swinger-, dafür aber mit umso mehr Schiebungspotenzial. Denn beantworten musste sie wiederum Fußball-Experte Hartmann. Der wusste nicht nur die richtige Antwort (c), sondern auch die jeweiligen Jahre und wichtige Torschützen. Wofür ihm Jauch später im Gespräch mit Telefonjoker Harald Schmidt ein "super Comeback" bescheinigte.

Anruf bei Angela

3) Wovon werden laut Umweltbundesamt in Deutschland im Schnitt jährlich 76 Stück pro Person verbraucht?

Der richtige Anwort - Einkaufstüten aus Plastik - kostete Hartmann seine verbliebenen Joker, sicherte ihm aber schlussendlich 125 000 Euro für einen guten Zweck. Um Zahlen ging es auch im Geplauder rund um die Frage. Im Schnitt verbrauche ein Mensch im Jahr 15 Kilogramm Klopapier, referierte Jauch - unglaublich, oder? Die lapidare Antwort gab sein Gegenüber Hartmann: "Ich hab 'ne zügige Verdauung!"

4) Die DDR-Kult-Waschmaschine "WM 66" ist unter anderem dafür legendär, dass viele Besitzer mit dem Gerät auch ...

a) Heizstrom erzeugten, b) Obst einkochten, b) Staub saugten, c) Westradio empfingen

Mittlerweile saß CDU-Mann Bosbach auf dem Kandidatenstuhl, dem dazu nur eines einfiel: "Wen soll ich anrufen außer der Kanzlerin?" Pech für den Politiker: Die Verbindung zum "Krypto-Handy" von Angela Merkel klappte zwar, doch dann sprang zweimal die Mailbox an. "Angela?", fragte der CDU-Politiker ganz vertraut ins Handy. Doch "Nee ...", Angela blieb bis zum Schluss eine virtuelle Präsenz (ob die am Ende eingeblendete SMS auf Bosbachs Handy tatsächlich von ihr stammte, sei dahingestellt). Dafür hatte der lancierte Kanzlerinnen-Call bereits vor der Sendung Schlagzeilen gemacht. Mission aus RTL-Sicht also geglückt. (Die richtige Lösung ist übrigens b), Bosbach räumte 125 000 Euro ab.)

5) In den öffentlichen Toiletten landet während der Halbzeitpause auch im Stadion von ...

a) Arsenal Ondon, b) Real Adrid, c) Borussia Ortmund, d) Juventus Urin

Die Frage konnte Ex-Fußballcoach Christoph Daum (Gewinnsumme: 125 000 Euro), der mittlerweile unter anderem als Gastdozent an der Sporthochschule in Köln arbeitet, natürlich beantworten. Er selbst wirkte vor dem Hintergrund solch bunter Fragen allerdings blass.

6) Was hat laut VDH ein Idealgewicht von 6,3 bis 8,1 Kilogramm?

a) Möpse, b) Hupen, c) Glocken, d) Melonen

Spätestens an dieser Stelle war man sicher: Ja, definitiv ein bisschen verzweifelt, was RTL da so treibt. (Richtig ist natürlich a) - der VDH ist der Verband für das Deutsche Hundewesen.) Aber da hatte man schon zu lange durchgehalten, um jetzt zu kapitulieren, als ausgerechnet die Geissens dran waren. Und die legten los, wie es von ihnen erwartet wird, konstatierte der als "Selfmade-Millionär" angekündigte Robert Geiss doch erst mal den offenkundigen Logik-Fehler bei der Kandidatenauswahl: "Eigentlich bin ich in der Sendung falsch."

7) Wer hat zu Hause nicht viel zu sagen?

Gesucht war der Pantoffelheld. Carmen Geiss befand: "Robert." Das Publikum johlte - und von da an ging das Konzept der Promi-Ausgabe auf, dank prollig-charmanter Bonmots der Wahl-Monegassen.

8) "Welchen Betrag kann man nicht mit genau zehn der gängigen Euromünzen passend bezahlen?

a) 0,11 €, b) 2,24 €, c) 6,99 €, d) 18,03 € (richtige Lösung)

O-Ton Robert Geiss: "Gibbet so Kleingeld? Gibbet auch drei Cent? Ich zahl' immer nur mit Kreditkarte."

9) Was ist standardmäßig 60 Zentimeter breit?

O-Ton Carmen Geiss: "Das is' aber 'ne versaute Frage!" Am Ende wusste das stilisierte "Glamour-Paar" aber auch diese lebenspraktische Frage richtig zu beantworten (nämlich: die Spülmaschine). Was Moderator Jauch zu der Vermutung veranlasste, hier verkaufe sich jemand absichtlich für dumm. Robert Geiss beruhigte den Moderator jedoch umgehend: "Wir sind ja Döddels, aber wir gucken mal, vielleicht haben wir ja Glück mit den Fragen."

Vielleicht hatten die Fragen aber auch Glück mit den Geissens.

Nachtrag: Eine Frage, gerichtet an Wolfgang Bosbach, lautete im Übrigen: "Zwei rechts, zwei links, eine fallen lassen" ist eine gängige Anleitung ...?" a) beim Stricken, b) im Tanzkurs, c) für Eltern von Fünflingen, d) im Swingerclub.

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