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Promi-Big-Brother bei Sat 1:Überwachung ist das neue Entzugsprogramm

Stunden später, nachdem gänzlich unbekannte Promis, bejubelt vom Straßenpublikum in Berlin, den Einzug ins Haus gefeiert haben (darunter eine stark blondierte Catch-the-Millionaire-Kandidatin namens Natalia Osada, eine DSDS-Kandidatin namens Sarah Joelle Jahnel, Klitschko-Verlierer Manuel Charr, One-Hit-Wonder Fancy und - immerhin mal ein ernstzunehmender Schauspieler gewesen - Martin Semmelrogge), kommt als Höhepunkt Jenny Elvers. Sie ziehe auf Anraten ihres Therapeuten nach einem Jahr Alkoholabstinenz in die Promibude ein, war schon vorab zu erfahren. Doch man muss nach ihrem Auftritt attestieren: Sie scheint noch eine der aufgeräumteren Persönlichkeiten in dieser Konstellation zu sein.

Weitere Nicht-Promis folgen, wie ein YouTube-Komiker, der mehr Facebook-Fans als Oliver Pocher, aber weniger als Cindy aus Marzahn hat, und ein Berlin-Tag-und-Nacht-Bewohner, den abseits des RTL-2-Publikums auch keiner kennt. Der Zuschauer muss also bis ganz zum Schluss der Auftaktshow warten, fast dreieinhalb Stunden, bis dann doch mal ein Promi einzieht bei Promi-Big-Brother, wenn auch ein abgehalfterter: David Hasselhoff. Er trage dieselbe Jacke wie 1989, damals zu seinem großen Wende-Auftritt in Berlin, außerdem trinke er nur noch Energizer, verkündet Hasselhoff stolz, als Pocher ihn warnt, im Kühlschrank sei Alkohol vorrätig. "Ich bin ein Berliner!" spricht's - und verschwindet im Haus, das der Star ist. Immerhin 22,3 Prozent der Zuschauer in der werberelevanten Zielgruppe sahen ihm dabei zu, Sat 1 wird das als Erfolg werten.

Wie sich Ex-No-Angels-Frontfrau Lucy, die mit einem Sender im Ohr in das "TV-Puff" (O-Ton eines Teilnehmers) geschickt wurde, mit den anderen auf Befehl anlegen wird, welche Kaffeestärke die Zuschauer den Bewohnern zum Frühstück per Abstimmung gönnen und wie viele Nichtalkoholiker anwesend sind, das wird sich in den folgenden zwei Wochen herausstellen, begleitet von bis zu 100 Kameras.

Wichtig wie Fußball?

Am Ende eines sehr langen Freitagabend gibt es als vorläufiges Endergebnis zu verkünden: 85 Prozent der im Internet darüber abstimmenden Zuschauer wünschen, dass den Teilnehmern kein königliches Luxusfrühstück, sondern ein karges Kohlfrühstück serviert werden soll. Was für eine Überraschung. Dass das Publikum einschaltet, um vermeintliche Promis degradiert zu sehen. Kennt man ja so gar nicht von anderen Formaten. Da hat sich Sat 1 mal wieder selber übertroffen. Und feiert seine glorreiche Idee mit nur durch die Off-Stimme ironisierten Gigantomanie-Vokabeln wie "Die Show, auf die alle gewartet haben" und "Heute beginnt eine neue Ära". Promi-Big-Brother sei für den Sender so ernst zu nehmen wie eine Fußball-WM, hieß es vorab allen Ernstes von Seiten des Senders.

Zumindest Cindy aus Marzahn hat für zwei Wochen eine Anstellung gefunden, nachdem sie Markus Lanz doch nicht auf Dauer assistieren wollte - und auch Oliver Pocher ist zeitweise weg von der Straße. Die beiden als Duo sind vielleicht die beste Idee, die das neue Format hervorbringt. Auch wenn sie zu Beginn noch deutliche Einstiegs- und Einstimmungsschwierigkeiten hatten.

Und der Überwachungsskandal? Ist doch jetzt gar keiner mehr. Wenn zehn Jahre nach Zlatko nun sogar "I've Been Looking for Freedom" -Hasselhoff in die freiwillige Totalüberwachungs-Hemisphäre eintritt, wer wollte es ihm nicht gleichtun? Die Flucht in die Freiheit, das war einmal. Überwachung ist das neue Entzugsprogramm - für alle.

© Süddeutsche.de/rus/woja/ratz
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