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Fernsehproduktion zur Corona-Zeit:"Wie ein Brandbeschleuniger"

RTL und Telekom bündeln Streaming-Kräfte

Ist der gute alte Fernsehfilm durch die Pandemie gefährdet?

(Foto: dpa)

Sinkende Budgets, steigende Kosten und die Konkurrenz durch Streamingdienste - ist der gute alte Fernsehfilm noch zu retten? Produzent Markus Schäfer im Gespräch über das Herzstück des deutschen Fernsehens.

Interview von Lisa Priller-Gebhardt

Prestigeprojekte wie "Babylon Berlin" schaffen es in die Schlagzeilen. Doch das wahre Herzstück der Fernsehunterhaltung ist der 90 Minuten lange TV-Film. Jährlich gibt es 200 bis 300 Premieren. Kaum ein Abend, an dem nicht ein bis zwei neue Filme laufen. Das entspricht laut Produzentenallianz einem Auftragsvolumen im deutlich dreistelligen Millionenbereich. Ohne dem TV-Film würden die Programmpläne aussehen wie löchriger Käse. Doch steigende Kosten bei sinkenden Budgets setzen dem Fernsehfilm zunehmend zu. Markus Schäfer ist stellvertretender Vorsitzender der Produzentenallianz, dem Verband, in dem sich rund 270 Unternehmen der Branche zusammengetan haben. Ein Gespräch über den unterfinanzierten Klassiker im deutschen TV.

SZ: Herr Schäfer, ist der deutsche Fernsehfilm in Gefahr?

Markus Schäfer: Er läuft zumindest Gefahr, immer weiter unterfinanziert zu sein. Die notwendig erzielbaren Deckungsbeiträge aus einem 90-Minüter werden ständig kleiner. Gemeint ist damit der Betrag, der einem Unternehmen zur Deckung der Fixkosten zur Verfügung steht. Es ist ein Punkt erreicht, an dem das wirtschaftliche Arbeiten kaum mehr möglich ist. Wenn der Fernsehfilm dauerhaft unterfinanziert bleibt, dann werden Produzenten, die sich auf dieses Genre fokussiert haben, vom Markt verschwinden. Das schränkt in der Konsequenz die kreative Vielfalt ein.

Das klingt danach, als ob die Gelder jetzt schon nicht ausreichen. Was passiert, wenn die Gebührenerhöhung für die Öffentlich-Rechtlichen nicht kommt?

Falls die eingeplante Gebührenerhöhung nicht kommt, steht zu befürchten, dass die Sparziele der Anstalten noch ambitionierter werden. Das wird nicht an den Programmbudgets vorbeigehen. Sie werden massiv betroffen sein.

Nicht nur die Sender ziehen die Budgetschrauben an. Viele Produzenten klagen, dass sich die letzten Arbeitsvereinbarungen kostenerhöhend auswirken.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Mit dem jüngsten Tarifvertrag wurden Produzenten die Grenzen noch enger gesteckt. Beispielsweise wurde die Arbeitszeit stärker limitiert. Das ist aus Sicht der Mitarbeitenden sehr zu begrüßen, denn früher durfte 13 Stunden - in Ausnahmefällen auch mehr - am Stück gearbeitet werden. Heute braucht man für lange Drehtage ein zweites Team für Maske, Kostüm oder Fahrdienste, um das hohe und eng getaktete Drehpensum bewältigen zu können. Das schlägt sich in den Kosten nieder, die beim Sender nicht oder nur teilweise geltend gemacht werden können. Gleichzeitig steigt der Anspruch der Sender und Zuschauer an Produktionen. Stichwort Netflix-Effekt.

Was ist damit gemeint?

Tatsächlich haben sich die Ansprüche der Zuschauer durch die Hochglanz-Serien der Streaming-Dienste stark gewandelt. Die Zuschauer schätzen Look & Feel internationaler Produktionen und erwarten auch bei deutschen Filmen ein Top-Level bei Büchern, Ausstattung und Besetzung. Die Wünsche zur inhaltlichen Ausgestaltung einer Produktion sowie die geforderte Komplexität der Geschichten spiegeln sich nur selten in den Budgets wider.

Auch Corona macht das Produzieren aufwändiger. Springen hier Versicherungen ein?

Nein. Wenn Produktionen durch Corona unterbrochen werden müssen oder ausfallen, beispielsweise weil Darsteller oder Crewmitglieder erkrankt sind, werden diese Schäden nicht von den Versicherern übernommen. Bei einem 90-Minüter entstehen so leicht Kosten im sechsstelligen Bereich.

Markus Schäfer von der Produzentenallianz

Markus Schäfer, Vizechef der Produzentenallianz, befürchtet, dass vor allem kleineren und mittleren Produktionsfirmen eine Pleitewelle droht.

(Foto: all3media)

Aber genau dafür wurden doch zwei staatliche Corona-Ausfallfonds geschaffen.

Richtig. Doch bisher sind nur Gelder für Kino- und High-End-Produktionen geflossen. Der sogenannte Ausfallfonds II für Auftragsproduktionen und damit auch den deutschen Fernsehfilm lässt noch immer auf sich warten. Die zeitliche Verzögerung ist in erster Linie dem Föderalismus geschuldet. Rundfunk- und damit auch die Fernsehproduktion ist Ländersache. 16 Bundesländer und auch die Fernsehsender unter einen Hut zu bekommen, ist zeitintensiv. So wie es aussieht, ist das nun aber gelungen, und der Ausfallfonds II tritt an die Stelle der seit Frühjahr senderseitig bestehenden Schutzschirme, mit denen 50 Prozent der Schadenskosten abgesichert worden sind.

Viele Film- und Fernsehproduzenten monieren, dass sie nicht optimal berücksichtigt wurden. Teilen Sie diese Einschätzung?

Lassen Sie es mich anhand von Zahlen veranschaulichen. Der Ausfallfonds I deckt ein Marktvolumen von geschätzt 500 Millionen Euro ab und ist mit 50 Millionen Euro dotiert. Der Ausfallfonds II deckt ein Marktvolumen von etwa 2 bis 2,4 Milliarden Euro ab und wird sich voraussichtlich in der Höhe nicht groß vom Ausfallfonds I unterscheiden. Die Diskrepanz ist augenscheinlich. Wir begrüßen die Gelder sehr, aber ein Blick nach Großbritannien zeigt, wie es auch gehen könnte. Dort fließen rund 560 Millionen Euro an Produzenten.

Droht hier bei kleinen und mittleren Produzenten eine Insolvenzwelle?

Das steht leider zu befürchten. Die Studie der Produzentenallianz von 2018 zeigt, dass viele Unternehmen jetzt schon an der Rentabilitätsgrenze wirtschaften, ihre Kapitaldecke ist dünn. Meist wird der Gewinn aus der aktuellen Produktion gleich in die Entwicklung der nächsten gesteckt. Wenn diese Produzenten an ihr Kapital gehen müssen, um Schadensfälle oder die sinkenden Margen abzudecken, dann drohen sie, in prekäre und existenzbedrohende Lagen zu rutschen. An der Stelle wirkt die Pandemie wie ein Brandbeschleuniger.

Wenn von Seiten der Sender keine Budgetsprünge zu erwarten sind, aber gleichzeitig die Kosten steigen - müssen sich die Zuschauer dann künftig mit weniger Erstausstrahlungen begnügen?

Eine Lösungsvariante wäre, weniger Filme mit der gleichen Menge Geld zu beauftragen. Doch das wäre gerade im Hinblick auf die veränderte Wettbewerbssituation durch Streaming-Anbieter für die Fernsehsender keine gute Lösung und auch für die Zuschauer unbefriedigend - darf aber dennoch nicht sakrosankt sein.

Bei der Menge sollten also besser keine Abstriche gemacht werden. Was schlagen Sie vor?

Ich würde dafür plädieren, über innovative Produktionsmodelle nachzudenken.

Wie könnten diese aussehen?

Die meisten Filme werden in sich abgeschlossen, sozusagen wie Maßanzüge, produziert. Viele Filme sind aber Bestandteile von Reihen...

...wie zum Beispiel "Sarah Kohr", "Kommissar Dupin", "Der Spreewald-" sowie der "Usedom-Krimi"?

Hier wäre es sinnvoll, mehr Back-to-Back-Produktionen zu realisieren, also zwei bis drei Filme einer Reihe am Stück zu drehen, bis hin zu einer Ausgestaltung der Reihen als sogenannte Mini-Serien. Regie, Kamera und Crew würden dann gleichbleiben. Das heißt natürlich, dass man die künstlerische Freiheit ein Stück weit einschränkt, denn üblicherweise wird für jeden Film ein anderes Team ausgesucht. Doch das wären vertretbare Einschränkungen.

Und wird es dann künftig auch weniger Verfolgungsjagden und keine Massenszenen mehr geben wie zuletzt bei "München Mord", bei dem mit Hunderten von Fußball-Fans gedreht wurde?

Man kann natürlich Rollen und Motive rausnehmen, also den Film insgesamt schlanker erzählen. Doch das lässt die Erzählung am Ende anders aussehen, und das merkt der Zuschauer. Diese Leistungsreduzierung wäre aus Sender- und Zuschauersicht keine gute Lösung.

Könnte man nicht stattdessen Teile der Fernsehfilmrechte, die bei Auftragsproduktionen automatisch den Sendern gehören, bei den Produzenten belassen?

In Großbritannien ist es üblich, dass alle Rechte - trotz Vollfinanzierung der Sender - bei dem Produzenten verbleiben. Im deutschen Markt gibt es mit den öffentlich-rechtlichen Sendern Vereinbarungen, mit der ARD das sogenannte Schichtenmodell. Es handelt sich dabei um einen Austausch für Budgetanteile. Das bedeutet, es können Finanzierungsanteile gegen Rechte eingetauscht werden. Das ist zwar eine tolle Errungenschaft, sie macht nur nicht überall Sinn, denn meist stehen nur die Auslandsrechte zur Verfügung. Doch nicht für alle Produktionen besteht ein internationaler Markt.

Und was heißt das für die Zukunft?

Ich bin zuversichtlich, dass wir die Krise meistern werden, denn die Produktionsbranche ist sehr leistungsfähig. Sie hat bereits in den vergangenen Jahren eine hohe Flexibilität gezeigt.

Kurzvita Markus Schäfer

Markus Schäfer ist stellvertretender Vorsitzender der Produzentenallianz und CEO von All3Media Deutschland, einem der größten unabhängigen TV-Produzenten in Deutschland. Zum Produktions- und Lizenz-Portfolio zählen Labels wie der "Polizeiruf 110" aus Rostock, der Münster-"Tatort" oder "Galileo" auf ProSieben.

© SZ/tyc/rff
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