Probleme der Jugendradios Wenn Nachrichten anders klingen

Radio Fritz rühmte sich lange damit, Bands wie Kraftklub und Seeed zum ersten Mal gespielt zu haben, heute präsentieren sie Konzerte von Katy Perry. Puls war mal ein reiner Indiesender, inzwischen spielen sie auch, was in den Charts läuft. Einslive, N-JOY und YOU FM verbreiten, oft in Doppelmoderation, Partystimmung mit wummernder Tanzmusik. Die jungen Wellen spielen immer mehr Musik für die Massen, die Hörermassen für die Werbekunden anziehen soll. Doch in dem Bereich können sie sich nicht gegen die vielen privaten Popwellen (da wird noch weniger zwischen den Nachrichten gesprochen) oder den Internetmusikdienst Spotify (da kann man Cool Kids gleich zehnmal hintereinander hören) behaupten.

Wenn Journalismus, dann ideenbefreit

Natürlich gibt es Ausnahmen, aber man muss sie schon suchen. In der Fritz-Sendung Unsigned wird etwa Musik von lokalen Bands ohne Plattenvertrag vorgestellt. Puls bringt die Sendung Plattenbau, in der viel allgemein über Musik oder mit Bands über Musik gesprochen wird.

Redaktionelle Beiträge, die das öffentlich-rechtliche Radio, auch das junge, eigentlich ausmachen sollten, sind selten und wirken wie ein Alibi. Mal laufen vier kurze Beiträge pro Stunde, oft nur einer. Die wenigsten trauen sich außerhalb der Nachrichten an den Journalismus ran, und wenn, dann meist ideenbefreit. Oft geht es um Kinostarts, oft um Boulevard. Wenn der Redaktion gar nichts einfällt, rufen Hörer an und erzählen Banalitäten zu einem banalen Thema, und ein Experte sagt kurz, wie ein Lehrling die verschüttete Gulaschsuppe am besten beim Chef beichtet.

Bayerischer Rundfunk "Kein Dudelfunk"
jetzt.de
Neues BR-Jugendradio

"Kein Dudelfunk"

Der Bayerische Rundfunk baut sein Jugendprogramm um: Aus on3 wird Puls. Eine UKW-Frequenz gibt es aber wieder nicht. Im Interview spricht BR-Jugendbeauftragter Thomas Müller über das neue Radio aus München und warum er kein Problem damit hat, sich mit dem Sender künftig dem Mainstream anzunähern.

Nur manchmal erkennt man, was Jugendradio eigentlich leisten könnte. So läuft auf Fritz ein Mal pro Woche die Netz-Sendung Trackback ("Die Show mit Internet und so") und auf Puls regelmäßig die Sendung Netzfilter, die beide mit klugen Beiträgen Phänomene aus dem Internet und Netzpolitik auseinandernehmen. Einslive sendet auch längere, ausgeruht recherchierte Features und Dossiers, verbannt die aber ins Spätprogramm. Auf Puls sind sie stolz auf den hohen Wortanteil, 30 Prozent ist das Ziel. Tagsüber ist es oft mehr.

Im Format Die Frage werden Fragen wie "Woher kommt der Hass der Islamisten?", "Warum haten wir so viel im Netz?" und "Wie porno bist du?" mit mehreren so fundierten wie unterhaltsamen Beiträgen behandelt, für die Reporter wochenlang recherchieren. Puls ist übrigens die einzige ARD-Jugendwelle, die nicht auf UKW gesendet wird, abgesehen von einem kleinen Sendefenster auf Bayern 3. Erst ab 2018 soll das vielleicht anders werden.

Dabei schafft es vor allem Puls, selbst Nachrichten anders klingen zu lassen. Weil den Machern das seltene Kunststück gelingt, zwischen aufgesetzter und authentischer Jugendsprache zu unterscheiden. Wie das geht?

Die Texte sind so geschrieben, wie man eine Nachricht abends in der Bar einem Freund erzählen würde. Auf einem "erwachsenen" Radiosender würde kein Nachrichtensprecher etwa "krasse Nachricht" sagen. Oder etwa "Deppen". Oder wie ein Moderator auf YOU FM über den Tod einer 19-Jährigen: "Ich muss bei solchen Meldungen immer fast heulen." Diesen Kommentar kann man als Nachrichtenpurist natürlich unnötig finden. Ebenso die "extralange Penis-Stunde", die kürzlich frühmorgens auf Radio Fritz lief, mit Umfragen und einem Interview über Penisverlängerungen. Aber genau in diesen Momenten ist öffentlich-rechtliches Jugendradio anders als Erwachsenenradio und anders als die vielen privaten Dudelsender. Das ist gut so. Und ziemlich selten.