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Privatfernsehen:Die große Traurigkeit

RTL 2 überrascht zur besten Sendezeit mit einer 90-minütigen Doku über Missbrauch durch katholische Würdenträger: Fünf Opfer werden begleitet, wie sie versuchen, das als Kind erfahrene Leid zu verarbeiten und sich davon zu befreien.

Von Annette Zoch

Es ist Ende Februar 2019, noch vor Corona. Missbrauchsgipfel in Rom. Hinter den Mauern des Vatikan beschäftigen sich Bischöfe, Priester und Ordensleute mit den Abertausenden sexuellen Übergriffen katholischer Kleriker auf Minderjährige und Schutzbefohlene. Draußen, auf dem Petersplatz, stehen - mit Plakaten und Bannern - die Betroffenen selbst, Menschen aus aller Welt. Einer 16-Jährigen, die ihren selbst betroffenen Vater nach Rom begleitet hat, kommen angesichts der Menschenmenge die Tränen: "Es gibt viel zu viele", sagt sie. Es ist eine der stärksten Szenen des Dokumentarfilms "Der heilige Schein - Tatort katholische Kirche", der am 7. November auf RTL 2 ausgestrahlt wird.

Der Film von Annette Heinrich und Christian Hestermann, produziert von Spiegel TV, begleitet fünf Betroffene in ihrem Alltag und in ihrem Kampf um Anerkennung ihres Leids. Da ist der Vater des 16-jährigen Mädchens, ein Informatiker, der im Internat Johanneum in Homburg von Geistlichen des Herz Jesu Ordens sexuell missbraucht wurde. Die 60-jährige Leiterin eines Altenpflegedienstes, die im Kinderheim der evangelischen Brüdergemeinde Korntal geprügelt, misshandelt und Nacht für Nacht von einer Diakonisse aus dem Bett geholt wurde. Der 48-jährige Musiklehrer aus dem Schwarzwald, der gemeinsam mit anderen Ministranten nackt Tischtennis-Rundlauf spielen musste, vor den Augen des Herrn Pfarrer. Was sie erleben mussten, wird in der Dokumentation nur angedeutet, durch gezeichnete Szenen im Stile von Graphic Novels. In diesen Sequenzen ähneln sich die kleinen Kinder von einst. Es sind schmale Figuren mit hochgezogenen Schultern, schreckgeweiteten Augen. Die Täter sind nicht mehr als dunkle Schatten. Bis heute macht es die Kirche ihren Opfern schwer, diesen Menschen ins Gesicht zu leuchten.

Es kommt kein kirchlicher Verantwortungsträger zu Wort, der Film bleibt alleine bei den Betroffenen. Es ist eine Anklage, keine Konfrontation. Die Betroffenen berichten berührend und eindrucksvoll. Dem Film hätte es allerdings gutgetan, die Aussagen der Protagonisten stärker alleine stehen zu lassen. Der Sprechertext wirkt an manchen Stellen überfrachtet, da wird über einem fast durchgehenden Musikteppich viel zugeschrieben oder zusammengefasst, was man gerade schon gesehen hat. Es ist vielleicht auch dem ungewöhnlichen Sendeplatz geschuldet - im Abendprogramm von RTL 2 vermutet man eine solche Doku eher nicht. 90 Minuten habe man dem wichtigen Thema freigeräumt, teilt der Sender stolz mit, ganz ohne Werbung.

Der Film zeigt auch die große Tragik vieler, die Opfer sexueller Gewalt durch die Kirche wurden: Durch ihr Schweigen und ihre Passivität zwingt die Institution die Betroffenen auch noch Jahrzehnte nach der Tat in das alte Machtgefälle zurück. Bernd, der Informatiker, wird in Rom im zweiten Anlauf zum Ordensoberen vorgelassen, die Kamera wartet vor verschlossenen Türen. Nach dem Gespräch ist er euphorisiert, glücklich, die Tränen stehen ihm in den Augen. Der Zuschauer sieht das mit einem Gefühl der Bedrückung, wünscht ihm so sehr endlich Heilung, doch so einfach ist das wohl nicht. Nach einigen Wochen ist sie wieder da, die tiefe Traurigkeit. "Ich glaube nicht, dass man das Trauma überhaupt überwinden kann", sagt am Ende Angelika, die Altenpflegerin. "Aber ich könnte mir vorstellen, dass die Wunden vernarben und die Narben am Ende nicht mehr ganz so spürbar sind."

Der heilige Schein - Tatort katholische Kirche, RTL 2, Samstag, 20.15 Uhr

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