Presseschau zur Bayern-Wahl "Danke, lieber Herrgott, dass es vorbei ist"

Das desaströse Wahlergebnis der CSU kommentieren deutsche Medien als "Jüngstes Gericht" oder "bayerisches Bundesbeben". Ein Rücktritt Horst Seehofers ist für viele unausweichlich. Das Ausland schickt sogar ein Stoßgebet.

Ginge es nach dem Münchner Merkur, verlangt die Landtagswahl Horst Seehofers Rücktritt:

"Klar ist: Ein CSU-Chef, der seit einem Jahrzehnt die Geschicke der Partei lenkt, kann nach einer solchen Katastrophe nicht im Amt bleiben. Auch wenn es stimmt, dass die Kanzlerin mit ihrem Asylkurs und der Linksverschiebung der CDU die kleine Schwester CSU in eine unhaltbare Lage gegenüber der AfD gebracht hat, so gab doch erst Horst Seehofer seiner Partei den Rest, indem er sie danach auch noch in eine verrückte Konfrontation mit dem liberalen Bürgertum trieb."

Der Stuttgarter Zeitung zufolge geht es für die CSU nunmehr abwärts:

"In Bayern ist nicht, wie vorher von einigen befürchtet, die politische Mitte implodiert. Es hat keinen simplen Rechtsruck gegeben. Zu besichtigen allerdings ist eine dramatisch starke Erosion an der wohl letzten Partei in Deutschland, die sich mit vollem Recht als 'Volkspartei' bezeichnen durfte. Die CSU beschreitet einen Weg abwärts, auf dem CDU und SPD bereits mit einigem Vorsprung unterwegs sind."

Als "bayerisches Bundesbeben" bezeichnet Spiegel Online das desaströse Wahlergebnis der CSU in Bayern:

"Die CSU wird sich ändern müssen, in ihrer politischen Positionierung hinkt sie der gesellschaftlichen Entwicklung in ihrem Stammland mittlerweile weit hinterher. Die Menschen in Bayern denken in nahezu allen Politikfeldern progressiver als die Parteiprogrammatik es wahrhaben will. Niemand verkörpert diese Diskrepanz stärker als der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer. (...) Das Epizentrum dieses politischen Bebens namens Landtagswahl liegt in Bayern. Es kann eine Flutwelle auslösen, die diese Bundesregierung hinwegspült."

Zeit Online zufolge gleicht die Landtagswahl gar einem Jüngsten Gericht für die Partei von Ministerpräsident Söder:

"Das Ergebnis bedeutet: das Ende der Alleinherrschaft, den Verlust der Einzigartigkeit. Die CSU ist jetzt ein Regionalmächtlein mit schwindendem bundespolitischen Einfluss. Nicht ganz so groß und stark wie die SPD in Rheinland-Pfalz - und deutlich kleiner und schwächer als die CDU im Saarland. Das ist weder ein Desaster noch eine Zeitenwende für die Christlich-Soziale Union. Es ist ihr Jüngstes Gericht. Der 14. Oktober 2018 hat allerbeste Chancen, als der Tag in die CSU-Geschichte einzugehen, der ihrem Dasein als letzte echte Volkspartei ein Ende setzt."

Vergleichsweise gelassen kommentiert die Frankfurter Allgemeine - es sähe alles nach "business as usual" aus:

"Bayern aus den Fugen? Es sieht selbst nach diesem Erdbeben eher nach business as usual aus. Nichts anderes bedeuten die kommenden Verhandlungen, die in einer veränderten politischen Landschaft stattfinden mögen. Ist der Staub dieser Landtagswahl aber erst einmal verflogen, wird sich vielleicht auch die Einsicht durchsetzen, dass Koalitionen der Normalfall der Bundesrepublik waren und sind. Die Ironie der Geschichte ist der Erfolg einer Protestpartei, der AfD, die im Namen der Systemkritik das alles in Frage stellt, nun aber doch langfristig genau das anstrebt: Koalitionen."

"Wahnsinn", schreibt die taz über das CSU-Wahlergebnis:

"Es hat in Bayern einen Schlag gegeben, eine Staubwolke - und erst wenn diese sich senkt, wird man so langsam sehen, was von der CSU noch übrig geblieben ist. Die Partei von Franz Josef Strauß holte in den vergangenen sechs Jahrzehnten nie weniger als 43 Prozent. Unter Edmund Stoiber, als sie sich besonders aufgemandelt hatte, war ihr Ziel 50 plus x. Und jetzt bringen Horst Seehofer und Markus Söder ein kümmerliches Dreierle nach Haus. Wahnsinn."

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Wen es nach der Wahl erwischen könnte, zählt die Sächsische Zeitung auf:

"Zweifellos wird das Wahlergebnis zu Verwerfungen und Erschütterungen in Bayern und Berlin führen - wahrscheinlich aber erst in zwei Wochen nach der Hessen-Wahl. Sicher ist das aber nicht. Mitunter sucht sich die Eigendynamik unkalkulierbar rasch ein Ventil - oder es explodiert auch mal was. Seehofer, Nahles, auch Merkel könnte es erwischen. Aber die haben auch alle schon ordentlich politisches Sitzfleisch bewiesen."

Als "Sieg der Demokratie" sieht der Kölner Stadtanzeiger das Wahldebakel der CSU:

"Was die Sozialdemokraten betrifft, hat das Duo infernale Seehofer/Söder sogar recht: Die Bundespolitik hat geschadet. Aber die SPD ist Opfer, nicht Täterin. Sie zahlt den Preis für fortgesetztes Provozieren und Torpedieren der großen Koalition durch die CSU. Es wäre der SPD nicht mehr zu verdenken, wenn sie den Ausstieg aus einem Bündnis suchte, dem längst gemeinsame Idee und innerer Halt fehlen. Auch in Bayern muss vielen Wählern aufgegangen sein, dass eine auf Eigennutz fixierte Regionalpartei in Berlin nicht das ganze Land in Haftung nehmen und zugleich so tun kann, als hätte sie mit Sachproblemen und Krisen der Regierung nichts zu tun. Deshalb ist die Niederlage der CSU in Bayern ein Sieg der Demokratie in Deutschland."

Vom Ende einer Monarchie schreibt der österreichische Standard und der erste Satz des Kommentars wird eingeläutet mit einem Stoßgebet: "Danke, lieber Herrgott, dass es vorbei ist." Außerdem:

"Die Bayern wollten der CSU den Freistaat nicht mehr alleine anvertrauen, sie wünschten sich ein Korrektiv an ihrer Seite. Zwar bedeutet das Ergebnis für die CSU das Ende der Quasimonarchie, aber für Bayern ist ein Stück Normalität wahr geworden. Auch dort wird man künftig um Kompromisse ringen und als CSU ein paar kleinere Brezel (!) backen müssen."

Die Neue Zürcher Zeitung rechnet fest mit einem Rücktritt Seehofers:

"Ohne personelle Konsequenzen kann eine solche Niederlage nicht bleiben. Ministerpräsident Markus Söder gilt zwar als unpopulär, doch Bundesinnenminister Horst Seehofer, der Chef der CSU, stand bei sämtlichen Streitereien, welche die grosse Koalition in den vergangenen Monaten erschütterten, im Zentrum des Geschehens. Seine Zeit als Minister könnte bald schon zu Ende sein. Dass die Wahl darüber hinaus unmittelbare Auswirkungen auf die deutsche Regierung haben wird, ist eher unwahrscheinlich: Merkel konnte in Bayern ohnehin nur verlieren, denn hätte die CSU besser abgeschnitten als erwartet, wäre auch dies als Niederlage der Kanzlerin gewertet worden. Interesse an einem Bruch der Koalition und darauffolgenden Neuwahlen können derzeit weder die Unionsparteien noch die SPD haben."

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