Presseschau zum Anschlag in Berlin "Deutschland und Europa sind zu fettleibig, um den Weckruf zu hören"

Der umgestürzte Weihnachtsbaum vom Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz - ein bleibendes Bild des Anschlags

(Foto: AFP)

Die ungarische Presse wittert ein Versagen des Westens, auf der Insel beglückwünscht man sich selbst zum Brexit. So kommentiert die internationale Presse den Anschlag in Berlin.

Terroranschläge sind zur erschreckenden Normalität in Europa geworden. So hält sich die internationale Presse auch nicht lange mit den Details des Attentats auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz auf - sie richtet den Blick nach vorne.

Neue Zürcher Zeitung (Schweiz)

"Das Thema innere Sicherheit in allen seinen Facetten wird die Debatte bis zur Bundestagswahl im Herbst nächsten Jahres bestimmen. (...) Man kann nur hoffen, dass in der Mitte der Gesellschaft Augenmass die Oberhand behält. Die AfD allerdings spricht bereits von 'Merkels Toten', und dies ist wohl nur der Anfang. Dass extreme Kräfte den Anschlag für sich auszuschlachten versuchen, kann jedoch kein Grund dafür sein, keine Konsequenzen aus den politischen Fehlern der jüngsten Vergangenheit zu ziehen."

De Tijd (Belgien)

"Dieser Anschlag ist für Deutschland ein Wendepunkt, so wie es die Anschläge vom 22. März für Belgien waren. Die politischen Folgen sind noch nicht vollständig absehbar, doch ganz sicher wird dieses Unheil politisch benutzt und auch missbraucht werden."

Le Monde (Frankreich)

"Was auch immer die Rechtspopulisten in Deutschland und Frankreich sagen, die die islamistische Gewalt ausnutzen und die EU zerstören wollen: Selbst die Zögerlichsten der 28 Mitgliedstaaten sehen ein, dass ein nationaler Rückzug illusorisch und eine gefährliche Wahnvorstellung ist. Der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus läuft über eine verstärkte Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten und nicht über eine Zerstückelung Europas."

Corriere della Sera (Italien)

"Zur Diskussion steht die Stabilität Deutschlands. Vielleicht noch mehr die von Europa. Der Terrorangriff von Montagabend auf dem Weihnachtsmarkt im Zentrum von West-Berlin zielt darauf ab, den Sieg Angela Merkels bei den Wahlen kommenden Herbst weniger sicher zu machen, die deutsche Politik in gewisser Hinsicht ins Wanken zu bringen. In Wirklichkeit ist das Land stabil und für den Moment scheint es auch geeint zu sein."

El País (Spanien)

"Die fremdenfeindliche extreme Rechte, die sich feige die Ängste der guten Bürger zunutze macht, hat mit ekelhaftem Opportunismus (Bundeskanzlerin) Angela Merkel und deren Flüchtlingspolitik für den Anschlag verantwortlich gemacht (...) Seit dem 11. September 2001, als er sich uns brutal in den Weg stellte, leben wir mit dem Terror zusammen. Und unglücklicherweise werden wir noch lange mit ihm zusammenleben müssen. Wir sind aber davon überzeugt, dass Deutschland - eine demokratisch reife Gesellschaft, die sich ihrer Werte und ihrer Verantwortung bewusst ist - vor den Terroristen nicht in die Knie gehen wird."

Telegraph (Großbritannien)

"Wenn irgendeine Erinnerung nötig ist, warum es richtig für Großbritannien war, die Kontrolle über seine Grenzen wiederzugewinnen, muss man nur nach Deutschland blicken. Ob nun der Horror in dieser Woche in Berlin von jemandem verursacht wurde, der durch Angela Merkels Politik der offenen Tür ins Land gekommen ist - Deutschland hat bereits tödlichen Terror erlitten, der erleichtert wurde durch das Scheitern der EU, seine externen und internen Grenzen zu kontrollieren. Die erste Pflicht eines Staates ist die Sicherheit seiner Bürger; das bedeutet ordentliche Einwanderungskontrollen. Zum Glück wird Großbritannien das bald wieder haben."

Financial Times (Großbritannien)

"Es wäre unklug, wenn die deutsche Regierung nun auf jeden Anschlag mit der Ausrufung des Kriegs- oder Ausnahmezustands reagieren würde, wie das in Frankreich geschah. Damit wäre das Risiko verbunden, die Erwartung eines definitiven Sieges (über den Terrorismus) zu wecken, den es niemals geben wird. Ebenso unklug sind symbolische Beschränkungen der Freiheit - etwa ein Burkaverbot -, die das Image eines scheinheiligen illiberalen Westens verfestigen, der den Islam attackiert statt den islamischen Terrorismus zu bekämpfen. Deutschland muss seine Bemühungen um Integration fortsetzen. Die Ausweisung der Flüchtlinge, die bereits im Lande sind, oder ihre Isolierung ist weder praktisch machbar noch würde sie den deutschen Wertvorstellungen entsprechen. Der Druck auf Angela Merkel wird in den kommenden Monaten zunehmen. Sie sollte standhaft bleiben, was immer der Preis dafür bei Wahlen sein wird."

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De Volkskrant (Niederlande):

"Neben den Deutschen, die Flüchtlingen helfen, gibt es noch eine viel größere Gruppe, die sich Sorgen um ihre Sicherheit macht. Und die sich fragt, ob die nicht durch Merkels 'Wir schaffen das' vermindert wurde. Merkel steht nun vor der schwierigen Aufgabe, die Deutschen davon zu überzeugen, dass die Sicherheit aller bei ihr in guten Händen ist. Und dies im Wissen, dass es keine Garantien beim Schutz vor neuen Terroranschlägen gibt."

Magyar Idők (Ungarn)

"Seit Jahren läutet in Europa der Wecker ohne Unterlass. Aufwachen, alter Kontinent, alte Bevölkerung! Der grüne und reiche Traumstaat der (ideell) Ausgebrannten, der an nichts Glaubenden, der Kinderlosen wird nicht ewig so bleiben können. Da draußen ist eine ganz andere Welt und gewiss, sie wird hierherkommen! Du musst was tun, wenn du das nicht haben willst. (...) In bestimmten westeuropäischen Ländern sind die Werte allzu sehr in die Schieflage geraten. Die politische Korrektheit überschreibt das menschliche Leben. Auf die nüchterne Vernunft hören, gilt schon als Populismus. (...) Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass nun Deutschland oder Europa aufwachen würde. Beide sind fatalerweise zu behäbig und fettleibig geworden, um den Weckruf zu hören."

Wedomosti (Russland)

"Bundeskanzlerin Angela Merkel hat eilig erklärt, dass das Geschehene weder die Flüchtlingspolitik in Deutschland beeinflussen soll noch den Umgang mit denen, die schutzsuchend in dieses Land gekommen sind. Tatsächlich wird es natürlich sowohl die Politik als auch den Umgang (mit den Flüchtlingen) beeinflussen. Die in Deutschland und in ganz Europa erstarkenden populistischen Bewegungen erhalten neue Argumente zugunsten einer Verschärfung des aktuellen 'unnötig menschenfreundlichen' Kurses der Machthabenden."

Pravda (Slowakei)

"Die ersten Opfer der islamistischen Gewalt sind tatsächlich die Bewohner von Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung. Was am Montag die Weihnachtsmarkt-Besucher in Berlin erlebten, erleben die Besucher ganz gewöhnlicher Märkte in Bagdad und anderen Städten vieler Länder alltäglich. Weil es dort meist leichter als in Europa ist, tödliche Sprengsätze zu bekommen und zu verstecken, laufen die Anschläge logistisch anders, vor allem geradliniger ab. Gleich ist aber in allen Fällen das Grundsätzliche: Es sterben ahnungslose Unschuldige."

Sme (Slowakei)

"Dass jeder Terroranschlag in Europa eine böswillige Litanei über Immigration und die Anwesenheit von über einer Million Ankommender aus islamischen Ländern in der EU hervorruft, sind wir zwar schon gewohnt, es bleibt aber außerordentlich unappetitlich. So war es auch in Berlin. Kaum 15 Minuten nachdem ein Terrorist im Lastwagen zwölf Menschen tötete, twitterte Marcus Pretzell von der migrationsfeindlichen AfD schon 'Das sind Merkels Tote' - als die Opfer noch niedergefahren auf dem Boden lagen und auf die Ankunft der Rettungsautos warteten. Auch die Geier, die am Himmel kreisen, warten länger, bevor sie sich auf die Toten stürzen."

Evenimentul Zilei (Rumänien)

"Die terroristischen Angriffe in Ankara und Berlin fassen das Jahr 2016 perfekt zusammen: ein blutiger Stempel auf einem weiteren, für die westliche Zivilisation, so wie wir sie kennen, katastrophalen Jahr. (...) Ist der Westen unübertroffen in der Produktion von ideologischem Unsinn, so ist er geradezu kaputt, wenn es um Verteidigung geht. Die Terroristen, die Spitzbuben aus dem Orient, haben die arrogante Dummheit der (westlichen) Behörden schnell begriffen und machen sich diese ungestört zunutze."

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