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Presseschau zu Merkels Rückzug:"Sie hat etwas geschafft, das den wenigsten Politikern gelingt"

Selbstbestimmter Abgang oder längst überfällige Entscheidung? Die deutschen Medien sind sich uneinig über die Entscheidung Merkels, den CDU-Parteivorsitz abzugeben.

(Foto: AFP)

Die einen halten Merkels Schritt, den CDU-Parteivorsitz abzugeben, für überfällig, die anderen loben sie für einen würdevollen Auftritt - ein Blick in die deutschen Medien.

Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte Angela Merkel gar keine andere Wahl als sich vom CDU-Parteivorsitz zurückzuziehen:

"Angela Merkel hat die einzig richtige Konsequenz aus dem neuerlichen Wahldebakel gezogen. Ein "Weiter so" mit ihr hätte den fortgesetzten Niedergang bedeutet, für ihre Partei und ihre Kanzlerschaft. Mit dem Verzicht auf eine nochmalige Kandidatur als Parteivorsitzende, die in jedem Fall die letztmalige gewesen wäre, nimmt Merkel den Druck aus dem Kessel, der sich zunehmend auch in der CDU selbst aufgebaut hatte. Die Folgen von Dampfexplosionen aber sind unberechenbar."

Die Welt übt harsche Kritik an der Noch-Parteivorsitzenden Angela Merkel:

"Die unhaltbaren Zustände in der Union wurden nach dem erneuten Wahldebakel in Hessen unerträglich. Jetzt steht eine Richtungswahl an für eine Partei, die in den vergangenen Jahren konsequent vergessen hat, was sie will. Angela Merkel hat die CDU in einen kontraromantischen Pragmatismus manövriert, der die Partei von ihrem Erbe und ihrer Tradition isolierte. Mit den Werten verlor die CDU ihre Lust an sich selbst. Die Partei wusste immer weniger, wer sie war und, wenn ja, wie viele. Merkels Konsequenz, die derlei Pragmatismus als Verantwortung missverstand, nahm die kulturelle Entkernung der Partei mit in Kauf."

Auch die Mittelbayrische Zeitung hält Merkels Entscheidung für überfällig:

"Lang, viel zu lange schon haben die Uhren stillgestanden in Deutschland. Das mag seltsam klingen angesichts der Veränderungen der letzten Jahre: der Flüchtlingssituation, des damit zusammenhängenden Aufstiegs der AfD und ihres Einzugs in die Parlamente, des Zerfalls der Volksparteien, des innerpolitischen Streits. Aber, bei all diesen Umwälzungen herrschte doch ein seltsamer Stillstand in diesem Land, dominiert von einem immer leiser werdenden Mantra des "Wir schaffen das" und des "Weiter so". (...) Merkel hat das Richtige getan: Sie hat angekündigt zu gehen. Sie macht den Weg frei. Sie lässt die Uhren weiterlaufen. Endlich."

Die Bild hofft, dass die Veränderungen in der CDU zu einer Schwächung der AfD führen könnten:

"Nach 18 Jahren als CDU-Vorsitzende und 13 Jahren im Kanzleramt macht sie den Weg für ihre Nachfolge frei und signalisiert damit den Wählern: Ihr müsst nicht mehr gegen mich und die Volksparteien an der Wahlurne protestieren. Das ist richtig, das war dringend notwendig - und das verdient Respekt. Die Botschaft an all die Menschen, die frustriert bei der AfD ihr Kreuz gemacht haben, muss nun lauten: Kehrt den Extremisten den Rücken, kommt zurück in die Mitte!"

Für die Taz war Merkels gestrige Rede ganz Merkel-untypisch:

"Ich wurde nicht als Kanzlerin geboren": Ihr Entschluss kommt nicht wie Taktik im Alltagsgeschäft herüber. Dieser Moment ist stark, weil Merkel nicht wie Merkel wirkt. Es ist erst recht keine dieser Affekthandlungen der Trump-Jahre. Es ist fast die Hausnummer eines Roosevelts: Entscheidungen so treffen, dass sie Maxime sein können."

Die Berliner Zeitung lobt Merkels Schritt, als CDU-Parteichefin abzutreten:

"Sie hat etwas geschafft, das den wenigstens Politikern gelingt: in Würde zu gehen. Man kann sagen, das war auch höchste Zeit. Die Kritik an ihr war ja nicht mehr zu überhören, und die Zukunft der CDU als Volkspartei ist gefährdet. Man weiß auch noch nicht, ob ihr Plan mit der Weiterführung des Kanzleramts wirklich aufgehen wird. Aber den ersten Schritt des Ausstiegs hat sie nun selbstbestimmt und erhobenen Hauptes vollzogen, das ist schon viel."

Auch die Mitteldeutsche Zeitung sieht in der Entscheidung der Kanzlerin ein Stück Selbstermächtigung :

"Wenn nicht noch etwas dazwischen kommt, beendet Merkel ihre Amtszeit als historische Figur: Nicht nur als erste Frau im Kanzleramt, nicht nur als Ewigkeitskanzlerin, sondern auch als erste und einzige deutsche Regierungschefin, die sich selbstbestimmt aus dem Amt zurückzieht, nicht durch Abwahl oder einen Skandal."

Zeit Online ist ebenfalls der Meinung, dass Merkel richtig daran getan hat, nun den Platz an der Parteispitze frei zu machen:

"Merkel, der man nachsagt, alles vom Ende her zu denken, hat die Größe bewiesen, endlich auch ihr eigenes Ende mitzudenken. Sie ist uneitel genug, sich selbst für ersetzlich zu halten. (...) Mehr noch: Merkel hat erkannt, dass mit ihr an der Spitze der Abstieg der Union zu einer 20+x-Partei unaufhaltsam und unumkehrbar gewesen wäre. Eine sicherlich schmerzhafte Einsicht - die im Umkehrschluss aber nicht bedeutet, dass all jene recht haben, die seit Jahren brüllen: "Merkel muss weg!""

Das Straubinger Tagblatt ist der Meinung, dass Merkel sich auch als Kanzlerin nicht mehr lange halten wird:

"Mit ihrer Rückzugsankündigung hat Merkel jedenfalls für eine riesige Überraschung gesorgt. Doch sollte sie vorsichtig sein. Ihre Macht wird nun, nach ihrem selbst gesteckten Ausstiegsweg, schneller schwinden, als es ihr lieb sein kann. Wenn sie wirklich möglichst autonom über ihr Schicksal entscheiden will (...), sollte sie zumindest für sich bald weitere Entscheidungen treffen. Vielleicht vermag Merkel bald noch einmal zu überraschen."

Die Neue Osnabrücker Zeitung rät der CDU, nun auf ihre Basis zu hören:

"Die CDU, ihre Noch-Chefin und alle einflussreichen Führungskräfte sind gut beraten, die Merkel-Nachfolge nach ausreichendem parteiinternen Diskurs von der Basis entscheiden zu lassen. Erst einmal sollte es egal sein, ob der eine Kandidat als Wiedereinsteiger zu alt sein könnte, ein anderer noch zu ungestüm und jung oder eine Dritte zu viel Merkel-Nähe mitbringt. Eine wichtige Lektion haben die Wähler den Politikern in den letzten Monaten erteilt: Sie verabscheuen nichts mehr als Personaldiskussionen um der Personen Willen zu Lasten ordentlicher Regierungsarbeit."

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