Presseschau zu Charlottesville:Ein Präsident, der jeden moralischen Führungsanspruch verspielt

Viele US-Medien verurteilen Trumps lediglich vage Äußerungen zu Charlottesville scharf. Allerdings gibt es auch andere Meinungen. Ein Blick in die Presse.

Donald Trump spaltet einmal mehr sein Land. Alle, die sich nach dem Chaos von Charlottesville am Samstag klare Worte des US-Präsidenten wünschten, in denen er die Verantwortlichen klar benennt und verurteilt, wurden enttäuscht. Trump sah die Ursache von "Hass, Fanatismus und Gewalt" und deren tödlichen Folgen auf "vielen Seiten". Eindeutiger wurde er in seinem Statement nicht. Und die meisten US-Medien kreiden ihm das schwer an.

Kurz und knapp resümiert die New York Post das Versäumnis des US-Präsidenten. Immer dann, wenn Trump sich weigere, die richtigen Worte zu finden, übernehme das sein Team. Aber selbst wenn Trumps Nationaler Sicherheitsberater H. R. McMaster den Präsidenten zitiert, ist das dem Kommentator zu wenig: "Wenn es so klar ist, dass der Präsident das denkt, dann sollte er das auch selbst so sagen."

In der New York Times etwa beschwert sich der Radiomoderator und Chef der Website The Resurgent, Erick-Woods Erickson: "Dieser Präsident ist unser Präsident. Er ist der Präsident der Vereinigten Staaten. Aber während wir immer weniger einig sind als Nation, scheint er nicht bereit oder unfähig, mit Überzeugung und moralischer Klarheit zu sprechen. Wir werden dadurch alle schlechter dastehen." Nicht ohne darauf zu verweisen, dass Trump einst Barack Obama und Hillary Clinton harsch aufforderte, islamistischen Radikalismus klar als solchen zu benennen. In Abwesenheit eines fähigen Präsidenten habe sich Erickson zufolge die Kirche am Wochenende als moralisches Zentrum erwiesen. "Solange die Verantwortlichen der Kirche diese Position innehaben, wird es Hoffnung geben."

Ähnlich kommentiert die Washington Post: "Es hätte nicht den Tod und die Verletzungen von Unschuldigen gebraucht, um unsere Nation zu moralischer Klarheit zu bewegen." Auch Präsident Trumps Weigerung, weiße Vorherrschaft, Bigotterie und Naziverhalten zu verurteilen, sei nicht nötig gewesen, um allen klarzumachen, wer er ist und welch dunkle Triebe er bereit sei auszubeuten, um an der Macht zu bleiben. "Ein Präsident, der das nicht unmittelbar danach eindeutig sagen kann, verspielt jeden moralischen Führungsanspruch." Alle anderen sollten sich ihrem Land nun stärker verpflichtet fühlen und Rassismus verurteilen.

Auch die Los Angeles Times vermisst die Führungsrolle von Trump. Er habe einen rassistischen Aufschwung hingegen ermutigt. "Wir sind eine Nation, die zunehmend politisch, wirtschaftlich und ethnisch gespalten ist und diese Teilungen hat er sich zunutze gemacht und verschlimmert." Die Ereignisse von Charlottesville erinnerten vage an das Berlin von 1930 oder die Rassentrennungskämpfe im Süden der USA in den Fünfzigern. "Sie markieren das Verfehlen eines politischen Diskurses und des politischen Systems, das vermitteln sollte, anstatt die politischen Differenzen zu verstärken." Die US-Bevölkerung sollte sich anderswo nach einer Führungsfigur umsehen, die das Land durch diese unruhigen Zeiten steuern könne.

Trumps Versäumnis klarer Worte, ob absichtlich oder aus Versehen, sei verletzend, findet die Chicago Tribune. Auch wenn der US-Präsident nicht verantwortlich gemacht werden könne für die Ausschreitungen, so würden die weißen Nationalisten doch etwas in ihm sehen, das ihnen die Erlaubnis für ihr Verhalten gebe. Aber die Zeitung findet auch etwas Positives in Trumps Äußerungen: Seine Worte, die Tragödie von Samstag als Ausgangspunkt zum Nachdenken zu nehmen, seien richtig. "Diese Worte sollte sich der Präsident zu Herzen nehmen. Er sollte über die Auswirkungen von Sprache nachdenken, und darüber, wie man als Anführer spricht, der ein ganzes Land vereinen will."

Und was sagt Breitbart zu den Vorfällen von Charlottesville? Trumps Haus- und Hofberichterstattungsorgan kanzelt die Presse ab, die den Demokraten helfen würde. Breitbart schreibt: "So abstoßend die Anhänger einer weißen Vorherrschaft und ihre Aussagen gewesen sein mögen, sie haben dieselben Rechte des First Amendments (1. Zusatzartikel zur US-Verfassung, der die Meinungsfreiheit schützt; Anm. d. Red.) wie alle anderen Amerikaner. Die "antifaschistischen" Demonstranten kamen mit der Absicht, die Redefreiheit zu unterbinden - mit Gewalt." Trump habe einen Eid auf die Verfassung geschworen. Seine erste Pflicht sei es daher gewesen, die Redefreiheit aufrechtzuerhalten - und nicht die "Antifaschisten" zu verhätscheln oder die Medien. Diese versäumten, ihre gewalttätigen und totalitären Vorstellungen aufzudecken. Die Aufregung um Trumps Äußerungen sei ein weiterer Beweis dafür, dass die Medien ihre Prinzipien zugunsten ihrer politischen Agenda aufgegeben hätten. "Sie wollen Präsident Trump zu Fall bringen und die Wahl von 2016 verleugnen, verdammt sei das First Amendment."

© SZ.de/cag/ees
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