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Pressefreiheit:Ungarns letzte kritische Zeitung ist Geschichte

Proteste in Ungarn gegen Schließung der Zeitung Népszapadság

Die Proteste gegen die Schließung der kritischen Zeitung Népszabadság (Volksfreiheit) kamen zu spät.

(Foto: AFP)

Die letzte große Enthüllungsgeschichte handelte von Orbáns Kabinettschef - dann wurde "Népszabadság" überfallartig geschlossen. Neuer Besitzer des Blatts könnte ein Geschäftsfreund des Premiers sein.

Von Cathrin Kahlweit

Eine der letzten großen Enthüllungsgeschichten der Traditionszeitung Népszabadság handelte von Viktor Orbáns Kabinettschef, Antal Rogán. Dieser war mit seiner Frau per Hubschrauber zur Hochzeit eines Freundes geflogen, hatte das aber anfangs dementiert und dann nur stückchenweise bestätigt: erst nur den Hinflug, dann, als die linke Zeitung Paparazzi-Fotos von Hin- und Rückflug sowie von einer Fahrt in einem teuren Mercedes zeigte, auch den Rückflug. Rogán hörte erst mit den Dementis auf, als ein Geschäftspartner seiner Frau den Trip bestätigte.

Nun ist der Helikopter-Flug eines Ministers keine sagenhafte News, aber Rogán gilt als einer jener Vertrauten von Viktor Orbán, deren Reichtum zunehmend unerklärlich wird und deren Lebenswandel als Beleg für notorische Staatskorruption gilt. Für die Redakteure von Népszabadság war es einer der letzten Scoops. Das Blatt wurde - ebenfalls in Form eines Scoops - am Samstagmorgen überfallartig geschlossen. Die Mitarbeiter kamen, kurz nachdem das Aus für die Zeitung und dazugehörige Webseite (nol.hu) vom Besitzer, der Mediaworks AG, bekannt gegeben worden war, schon nicht mehr an ihre Arbeitsplätze.

Der Schock sitzt tief, das Ende kam unerwartet. Mediaworks, eine Tochter der österreichischen Beteiligungsgesellschaft VCP (Vienna Capital Partners), argumentiert, dass die Auflage zuletzt rasant gesunken sei und das Blatt hohe Verluste eingefahren habe. Nun suche man nach einem neuen Geschäftsmodell. Die Redakteure erhielten am Samstag per Boten die Mitteilung, sie seien bis auf Weiteres suspendiert, nun erwarten sie ihre Kündigungen.

Tatsächlich hatte das Blatt, das 1956 gegründet worden war, erst der Kommunistischen Partei und später, nach der Wende, den Sozialdemokraten gehörte, zu seinen besten Zeiten eine Auflage von mehr als 100 000 Exemplaren. Zuletzt soll diese bei maximal 50 000 gelegen haben. Aber Angaben über die Auflage wie über die Bilanz sind eher unzuverlässig; in Ungarn kursierten am Sonntag Insider-Informationen, dass Népszabadság zuletzt sogar Gewinne gemacht habe. Die Mutter von Mediaworks, die Wiener VCP, war am Wochenende nicht erreichbar; hinter ihr steht der Investmentbanker Heinrich Pecina, gegen den im Rahmen des Skandals um die Hypo-Alpe-Adria-Bank wegen Untreue ermittelt worden war und der als Sympathisant der ungarischen Regierungspartei Fidesz gilt.

Das Blatt gehörte zu den letzten, die kritisch berichteten

Das Unternehmen, das die regierungskritische Zeitung vom Schweizer Medienkonzern Ringier gekauft hatte, hält in Ungarn eine Reihe von Regionalzeitungen und diverse Zeitschriften. Gerüchte, wonach das Blatt an einen Orbán-nahen Investor oder gar an seinen engen Geschäftsfreund Lörinc Mészáros, den Bürgermeister von Orbáns Heimatgemeinde Felscút, verkauft werden sollte - oder nun, zu guter Letzt, verkauft worden sei -, um eine oppositionelle Stimme zum Verstummen zu bringen, halten sich seit Monaten. Unwahrscheinlich ist das nicht, da mehrere linke oder liberale Medien von Strohmännern der Fidesz-Partei gekauft worden waren, aber bestätigt wurden diese Informationen am Wochenende vorerst auch nicht.

Das Ende von Népszabadság bedeutet für die ungarische Medienlandschaft einen tiefen Einschnitt. Das Blatt und die Webseite waren unter den letzten, die kritisch berichteten. Die öffentlich-rechtlichen Medien sind von der Regierung kontrolliert, andere Blätter und Sender finanziell ausgeblutet, weil ihnen jene Anzeigen fehlen, die vor allem in regierungsnahe Magazine fließen. Am Samstagabend versammelten sich etwa tausend Mitarbeiter und Sympathisanten vor dem Parlament. Zu spät.

© SZ vom 10.10.2016
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