Pressefreiheit Kraftprobe mit Peking

Wo sich Journalisten mit Diplomaten zum Lunch verabreden: der altehrwürdige Foreign Correspondents’ Club mitten in Hongkong.

(Foto: mauritius images)

Der geplante Auftritt eines China-kritischen Politikers im altehrwürdigen Foreign Correspondents' Club versetzt Hongkong in Aufregung. Wie man dort versucht, dem Druck aus der Hauptstadt zu trotzen.

Von Christoph Giesen

Wird er wirklich kommen? Oder blasen sie den Termin doch noch in letzter Sekunde ab? Wird die Pressefreiheit triumphieren oder die Angst obsiegen? Das sind die großen Fragen, die sich die Hongkonger seit Tagen stellen. Der Mann, um den sich alles dreht, heißt Andy Chan. Er ist 27 Jahre und war bis vor Kurzem noch Student. Während der Regenschirmrevolution vor knapp vier Jahren ist er auf die Straße gegangen, wie viele aus seiner Generation, seitdem ist er in der Politik. Er hat die Hong Kong National Party mitgegründet und ist inzwischen Parteivorsitzender. Das Ziel der Nationalisten ist die Unabhängigkeit der ehemaligen britischen Kronkolonie, die seit 1997 wieder formal zu China gehört, jedoch einige Sonderrechte genießt.

In Hongkong wird mit dem Hongkong-Dollar bezahlt und nicht mit Yuan. Die Autos fahren immer noch links, es gibt unabhängige Gerichte, und die Presse in Hongkong unterliegt keiner Zensur. Bislang. Doch genau um diese Freiheit der Medien wird jetzt gerungen. Am kommenden Dienstag, mittags um 12.30 Uhr, soll Chan für genau 45 Minuten vor Journalisten auftreten. Darf er oder darf er nicht, daran hat sich eine Debatte entzündet, die bis in die allerhöchsten Etagen der Politik reicht.

Was bei Veranstaltungen im Klub gesagt wird, steht meist später in den Zeitungen

Eingeladen hat der altehrwürdige Foreign Correspondents' Club (FCC). Der Klub ist eine Institution der Stadt, beschrieben in etlichen Romanen, wie etwa in John le Carrés Eine Art Held. Korrespondenten treffen hier auf Unternehmer, einheimische Journalisten verabreden sich mit Diplomaten in einem der beiden vorzüglichen Restaurants zum Lunch. Seit 1982 sind die Klubräume in einem repräsentativen Kolonialbau untergebracht, dem Old Dairy Farm Depot, in Central, im Herzen Hongkongs. Vermieter ist die Stadt. Regelmäßig veranstaltet der Klub auch Diskussionsrunden. Oft kommen die wichtigsten Journalisten zu diesen Terminen. Was bei FCC-Veranstaltungen gesagt wird, steht meist später in den Zeitungen.

Ende Juli gab der Klub bekannt, Andy Chan am 14. August zum "Lunch Talk" einzuladen. Sein Thema: Die nationale Identität Hongkongs. Kaum war die Einladung ausgesprochen, klopfte auch schon das chinesische Außenministerium an. Eine verrückte Idee sei das, diesen Andy Chan auftreten zu lassen. Bitte absagen, beschieden Pekings Emissäre. Das wurde öffentlich.

Victor Mellet, Präsident des Klubs und im Hauptberuf Nachrichtenredakteur der Financial Times, sagte daraufhin: "Manchmal verabscheut die chinesische Regierung die Ansichten unserer Redner, manchmal wiederum finden die Gegner der chinesischen Regierung die Vorträge verabscheuungswürdig. Wir wollen von Rednern aller Art hören, ob sie nun rechts oder links oder extremistisch sind oder nicht. Das werden wir auch weiterhin tun."

Dann aber griff Carrie Lam ein, die amtierende Regierungschefin, in Hongkong Chief Executive genannt: "Bedauerlich" und "unangebracht", waren ihre Worte. Doch damit meinte sie nicht etwa Pekings Vorpreschen, sondern den Klub. Noch eine Umdrehung schärfer fiel die Kritik von Lams Amtsvorgänger Leung Chun-ying aus. "Diese Frage, Andy Chan Ho-Tin einzuladen, im Klub zu sprechen, hat nichts mit Pressefreiheit zu tu", schrieb Leung in einem offenen Brief, adressiert an den FCC-Präsidenten Mallet. Der FCC gewähre Terroristen einen Plattform, warnte Leung und behauptete, der Klub zahle seit Jahrzehnten ohnehin nur eine "symbolische Miete" für die Vereinsimmobilie. Die unterschwellige Kritik: Die Stadt zahlt für die Show, also bitte keine Kritik. Ein gemeiner Irrtum. Der Klub bezahlt Marktpreise an die Stadt. Ein vormaliges Vorstandsmitglied sprach in einem Interview davon, dass die Miete vor einigen Jahren schon bei 550 000 Hongkong-Dollar (umgerechnet gut 60 000 Euro) gelegen habe - pro Monat. Heute dürfte es noch deutlich mehr sein. Laut aktuellem Finanzbericht des Klubs gab der FCC zuletzt 10,4 Millionen Hongkong-Dollar für die Miete von Gebäuden und Grundstücken aus. Sehr viel Geld, mit dem der gesellschaftliche Austausch und die freie Presse in der Stadt hoffentlich weiter unterstützt werden können.