Tausende Menschen haben am Wochenende in Budapest für die Pressefreiheit und gegen die überfallartige Einstellung der größten regierungskritischen Tageszeitung vor mehr als einer Woche protestiert. Viele Demonstranten hielten ein Exemplar des Blattes in die Höhe, das am 8. Oktober das letzte Mal erschienen war und auf dem in großen Lettern das Logo Népszabadság stand. Aber: Der Titel ist mutmaßlich Geschichte. Die suspendierten Redakteure zumindest hatten vor wenigen Tagen, als sie in Wien ihren Arbeitgeber, den Eigner der Vienna Capital Partners (VCP) Heinrich Pecina, zu sprechen versuchten, schon ganz neue, selbst gefertigte Visitenkarten dabei. Darauf war nur noch das "Nép" (Volk) zu lesen, "Szabadság" (Freiheit) war durchgestrichen - eine durchaus anschauliche Botschaft, die sie auch persönlich vorbringen wollten.
Eine Delegation aus Budapest, angeführt vom stellvertretenden Chefredakteur Marton Gergely, klingelte an der Tür von Pecinas Firm a in einem eleganten Bürogebäude gegenüber der Albertina und bat um ein Gespräch; man wollte selbst von ihm hören, warum die VCP -Tochter Mediaworks AG, Eigentümerin von Népszabadság, das Blatt eingestellt hatte. Das Argument, die Zeitung habe einfach zu hohe Verluste gemacht, wollten die frustrierten Mitarbeiter nicht gelten lassen, zumal noch unlängst neue Redakteure eingestellt und der Umzug in ein modernisiertes Gebäude geplant gewesen sei. Es habe keine Vorwarnungen, keine Gespräche gegeben. Vielmehr sei das ökonomische Fundament schon seit längerem systematisch und absichtlich ausgehöhlt worden, so Gergely.
"Hallo? Ich bin ein beurlaubter Mitarbeiter von Herrn Pecina." Und tatsächlich: Die Tür ging auf
"Hallo? Ich bin ein beurlaubter Mitarbeiter von Herrn Pecina", rief der stellvertretende Chefredakteur durch die Gegensprechanlage, und tatsächlich: Die Tür tat sich auf. Eine persönliche Assistentin des Mehrheitseigentümers von VCP bot freundlich Kaffee an - und ließ ausrichten, ihr Vorgesetzter sei leider nicht da, sie habe auch keinerlei Informationen, wann er ins Büro zurückkehre. Der kleinen, verzweifelten Abordnung aus Budapest blieb nichts anderes übrig, als ihre Forderungen und Fragen in die Kamera eines mitgereisten Fernsehteams aus Ungarn zu sprechen - ohne große Hoffnung, dass dies ein breiteres Publikum in der Heimat zu sehen bekommen würde. Dann zog das Grüppchen ab, um in zwei Autos nach Budapest zurückzufahren. Die Aufstand in Wien war zu Ende, bevor er so recht begonnen hatte.

Die machtlose Redaktion, die in mehr als einer Hinsicht auf der Straße steht, vermutet, Pecina habe sich hinter den Kulissen auf einen wie auch immer gearteten Deal mit der Regierung unter Ministerpräsident Viktor Orbán eingelassen, unter dessen Ägide immer mehr kritische Medien verstummen. Zuletzt hatte das Blatt eine Reihe von investigativen Berichten über Orbáns Kabinettschef Antal Rogan gebracht. Allerdings hätten regierungsnahe Medien und Onlineportale wie Origo, VS.hu oder TV2 keine Zeile und keine Sekunde darüber berichtet.
"Jetzt wollen wir uns die Bestrafung, die wir mit unserer Schließung durch die Politik erhalten haben, auch ordentlich verdienen", so Gergely sarkastisch. Man werde also weiter recherchieren. Die elektronischen Medien in Ungarn sind tatsächlich entweder staatlich kontrolliert oder weitgehend apolitisch. Wie der Ungarn-Kenner Paul Lendvai ausgerechnet hat, machen "Auftritte von Regierungsmitgliedern und Fidesz-Politikern 70 Prozent der Fernsehnachrichten der staatlichen Sender und mehr als 80 Prozent der Journale des staatsnahen Radiosenders Kossuth aus, zwei von drei Berichten vermelden Regierungserfolge". Gleichzeitig befassten sich zwei Drittel der Nachrichten über die Opposition mit deren Misserfolgen.

Nach der Stippvisite war Investor Heinrich Pecina allerdings durchaus zu sprechen - allerdings nicht für seine beurlaubten Angestellten, die in eine ungewisse Zukunft schauen, sondern für das österreichische Magazin Profil. Die Auflage von Népszabadság sei drastisch gesunken, weil das Produkt die Menschen zunehmend nicht mehr interessiert habe, so Pecina. Er habe das Blatt der sozialdemokratischen MSZP, einst Miteigentümerin, schenken wollen, aber die habe abgewunken, und auch die Redaktion habe kein Interesse gehabt. Die Wahrheit sei: "Keiner der Quaker, die jetzt laut herumschreien, will diese Zeitung. Niemand will diese Zeitung."
Die ungarische VCP-Tochter Mediaworks gibt derweil an, man sei gesprächsbereit und wolle gemeinsam ein neues Geschäftsmodell erarbeiten. Die Journalisten halten das für eine Lüge. Mittlerweile gab auch die Regierungspartei Fidesz eine Pressekonferenz zum Ende von Népszabadság. Die Pressefreiheit sei in Ungarn garantiert, sagte Parteivize Gergely Gulyas.