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Pressefreiheit in Hongkong:Offener Bruch

Protest At Ming Pao Headquarters After Top Editor Sacked

Mit dem Schriftzug "unklar" protestieren Mitarbeiter der Hongkonger Zeitung Ming Pao gegen den Rauswurf ihres Vizechefredakteurs.

(Foto: Anthony Kwan/Getty Images)

Vor Kurzem galt "Ming Pao" noch als die beste chinesische Zeitung. Jetzt ist das Blatt ein Beispiel für den Niedergang der Presse in der Stadt - Peking herrscht jeden Tag mehr.

Offiziell herrscht in Hongkong noch Pressefreiheit. In Wirklichkeit herrscht Peking auch hier jeden Tag ein wenig mehr. "Und die Pressefreiheit stirbt jeden Tag ein Stückchen", sagt Claudia Mo, eine Abgeordnete der Civic-Party, selbst ehemalige Journalistin.

An diesem Montag werden Hongkongs Redakteure auf die Straße gehen. Alle wichtigen Journalistenorganisationen haben zur Demonstration aufgerufen. Es hat sich viel angestaut in den letzten Jahren. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war der Fall der Zeitung Ming Pao. Bis vor Kurzem noch eine der besten Zeitungen Hongkongs. Jetzt ein weiteres Beispiel für den traurigen Niedergang der Presse in der Stadt. Dabei begann das, was sich schnell zum Trauerspiel entwickelte, vor zwei Wochen eigentlich als Scoop: Ming Pao brachte die Panama Papers nach Hongkong.

"Ming Pao" berichtete über die Panama Papers - Stunden später musste der Vizechef gehen

Als erste Zeitung berichtete Ming Pao über die Offshore-Firmen von zwei Hongkonger Regierungsmitgliedern, die sich in den Panama Papers finden. Über Stars und Tycoons, die sich in den Papieren fanden. Doch die Freude währte nur kurz. Statt eine Debatte über Offshore-Konten loszutreten, diskutierten Ming Pao und Hongkongs Presse schnell vor allem über sich selbst.

Der Grund: Nur Stunden nach den Enthüllungen wurde bei Ming Pao der stellvertretende Chefredakteur Keung Kwok-yuen gefeuert, die Seele des Blattes und der Mentor der Investigativen dort. Noch am Abend hatte Keung die Zeitung für den nächsten Tag produziert und für den Druck freigeben. Warum er gefeuert wurde? Waren es die Panama Papers, die in China von der Zensur blockiert und totgeschwiegen werden? Nein, heißt es offiziell: Die Zeitung müsse sparen, nur deshalb sei es zur Trennung gekommen. Glauben mag das angesichts des Timings niemand.

Zwischen Redaktion und Chefredakteur ist es deswegen zum offenen Bruch gekommen. Vergangene Woche weigerten sich mehrere Kolumnisten, ihre Texte abzugeben. Die Redaktion wollte ihre Leser an Stelle der Kolumnen mit weißen Lücken empfangen, ein starkes Statement. Der Chefredakteur ließ daraufhin Teile der ersten Auflage einstampfen und ordnete an, in die Weißräume einen erklärenden Satz zu stellen, der die Sparmaßnahmen rechtfertigt. Täglich beraten die Redakteure nun, wie ihr Protest weitergeht. In den Streik werden sie aber wohl nicht treten. Zu groß ist die Angst, dass der Verlag die gesamte Redaktion feuern könnte.

Bis vor gut zwei Jahren noch galt Ming Pao als die beste chinesische Zeitung - bis Anfang 2014 der damalige Chefredakteur Kevin Lau entlassen wurde. Wenige Wochen später attackierten ihn Triaden-Mitglieder auf offener Straße, er bekam ein Messer in den Rücken und die Beine gerammt. Sein Nachfolger wurde der aus Malaysia stammende Chong Tien Siong. Seit er das Blatt übernommen hat, haben viele Ressortleiter entnervt das Blatt verlassen. Chong gilt als Peking-freundlich wie so viele andere Chefredakteure in Hongkong. Die Sache ist: Das Blatt gehört mittlerweile einem Konzern aus Malaysia, und der Boss macht gute Geschäfte mit China.

"Unser großes Problem ist die Selbstzensur", sagt die Abgeordnete Claudia Mo: "Sie wächst wie ein Geschwür. Fast alle Medien hier gehören mittlerweile Tycoonen, die beste Geschäftsbeziehungen in China haben. Eigentlich kannst du die Medien hier heute fast komplett vergessen. Sie sind alle handzahm." Die Unternehmer fürchten um ihre Geschäfte in China, ihre Verlage haben Angst vor dem Anzeigenboykott chinesischer und chinafreundlicher Unternehmen. Am eigenen Leibe erfahren darf das seit vielen Jahren Jimmy Lai, der bekannte Selfmade-Unternehmer und Verleger, der als einziger den Unbeugsamen gibt: Seine Apple Daily nimmt kein Blatt vor den Mund und glänzt durch manch mutigen Bericht oder Kommentar. Das Problem: Sie macht gleichzeitig wüsten Boulevard.

Eigentümer Jack Ma ließ bei der "South China Morning Post" Briefumschläge voll Geld verteilen

Die ehemalige Kronkolonie Hongkong war 1997 an China übergeben worden, unter der Auflage, dass Hongkong weiterhin Autonomie gewährt wird und dass Rechte wie etwa die Pressefreiheit gewahrt bleiben. Doch längst gilt: Wer zu kritisch über die Kommunistische Partei und ihre Politik berichtet, bekommt Probleme. Mal bleiben die Werbekunden aus, mal handeln sich mutige Medienleute auch handfeste Drohungen ein: Das chinesischsprachige Newsportal House News machte im Sommer 2014 gerade mal zwei Jahre nach seiner Gründung über Nacht dicht. In einem offenen Brief beklagte der Herausgeber hernach "weißen Terror", Insider berichteten, seine Familie sei bedroht worden. Auch häufen sich Berichte, dass Pekings Verbindungsbüro in der Stadt sich immer öfter direkt bei den Verlagen mit Forderungen meldet. Viele Leser und Zuschauer trauen den eigenen Medien nicht mehr.

Dabei hatte Hongkong großartige Zeitungen. Zum Beispiel die englischsprachige South China Morning Post, ein Blatt mit 113 Jahren Geschichte, einst Pflichtlektüre für China-Beobachter. Die Zeitung hatte unter dem vorherigen Besitzer Robert Kuok - auch er ein China-freundlicher Geschäftsmann aus Malaysia - schon schwierige Jahre hinter sich. Im April wurde das Blatt gleich an eine chinesische Firma verkauft, an den regierungstreuen Internetkonzern Alibaba. An dem Tag, an dem die anderen Hongkonger Medien die Panama Papers debattierten, erschien auf der Titelseite der SCMP ein liebedienerisches Interview mit dem eigenen Chef, mit Jack Ma, Gründer von Alibaba und reichster Chinese. Wegen des Einstiegs von Alibaba haben bei der SCMP etliche Redakteure gekündigt. "Jeden Monat findet derzeit eine Abschiedsparty statt", erzählt eine ehemalige Reporterin. Um den Mitarbeiterschwund zu stoppen, ließ Ma mit Geld gefüllte Briefumschläge in der Redaktion verteilen.

Viele gute Journalisten kehren der Branche den Rücken. Manche versuchen sich an Neugründungen im Internet: Zuletzt machten die Portale Hongkong Free Press oder Initium von sich reden. Andere verlassen die Stadt. Andrei Chang, der Gründer und Verleger des renommierten Magazins Kanwa Asian Defence verkündete erst letzte Woche, er wolle seinen Sitz nach Tokio verlegen, weil er mittlerweile um seine Sicherheit fürchte. "Ich zog mit meiner Familie 2004 nach Hongkong", sagte der in China geborene Chang. "Hongkong war wundervoll damals. Es gab Freiheit und Gerechtigkeit. Aber jetzt ist alles anders."

Der China-treue Regierungschef Leung Chung-ying hatte im letzten Jahr zum Jahr des Schafes eine denkwürdige Ansprache gehalten, in der er tatsächlich seiner Hoffnung Ausdruck gab, seine lieben Hongkonger würden sich "Inspiration beim Charakter der milden und sanften Schafe" suchen. Die Geschäftsleute und Verleger hat er schon. Die Journalisten haben noch nicht alle ihre Krallen verloren, sie gehen jetzt erst einmal auf die Straße.

© SZ vom 02.05.2016
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