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Pressefreiheit:Die Türkei sucht sich aus, wer berichten darf - und wer nicht

Entrance gateway to Istanbul Ataturk International Airport, Turkey. (IST)

Immer mehr internationale Berichterstatter sitzen in der Türkei in diesen Tagen unfreiwillig im Taxi zum Flughafen.

(Foto: Alamy/Roy Conchie/mauritius images)

Nach einheimischen Journalisten werden in der Türkei zunehmend auch ausländische Berichterstatter behindert.

Von Mike Szymanski

Vielleicht trifft es als Nächstes die Korrespondenten der BBC. Der Sprecher des türkischen Staatspräsidenten, İbrahim Kalın, hat dem britischen Sender ausrichten lassen, was er von dessen Berichterstattung über den Kurdenkonflikt hält. "Nichts anderes als eine indirekte Unterstützung der Terrorpropaganda" sah Kalın darin vor Journalisten in Ankara.

Zuvor hatte die BBC ein Interview mit dem laut Ankündigung "meistgesuchten Mann" der Türkei veröffentlicht: PKK-Kommandeur Cemil Bayık. Es ging um die seit Sommer wieder aufgeflammten blutigen Kämpfe in der Türkei. Im Gespräch mit BBC-Korrespondent Ian Pannell erklärte der Rebellenführer, die Kämpfe gegen die Armee sogar auf die ganze Türkei ausweiten zu wollen. Im Präsidentenpalast war man sich offenkundig schnell einig: "Mit Journalismus hat das nichts zu tun."

David Lepeska hatte über die Zerstörungen im überwiegend kurdischen Diyarbakır berichtet

In der Türkei bleibt es nicht bei mündlichen Belehrungen darüber, was aus Sicht von Präsident Recep Tayyip Erdoğan guter Journalismus ist. In der Praxis sucht sich das Land gerade aus, wer aus der Türkei berichten darf und wer nicht. Am Montag wurde dem US-Reporter David Lepeska die Einreise verweigert. Am Istanbuler Flughafen Atatürk musste er eigenen Angaben zufolge eine Maschine nach Chicago besteigen. Im Internet hinterließ er einen Abschiedsgruß: Es werde nicht das letzte Mal sein, dass er Istanbul gesehen habe. Er postete ein Foto mit Blick aus dem Flugzeug. Wieder einer, der gehen muss.

Lange Zeit gerieten fast nur türkische Journalisten unter Druck. Der prominenteste Fall ist der des Cumhuriyet-Chefredakteurs Can Dündar und seines Bürochefs in Ankara, Erdem Gül, die sich wegen des Spionage-Vorwurfs und angeblicher Beihilfe zum Terror vor Gericht verantworten müssen. Sie hatten über angebliche Waffenlieferungen des Staates an Islamisten in Syrien berichtet. Doch mittlerweile werden auch zunehmend ausländische Journalisten von den Behörden bedrängt.

David Lepeska hatte unter anderem kritisch über die Zerstörungen in der Kurdenmetropole Diyarbakır im Guardian berichtet. Andere kommen gar nicht mehr dazu, sich noch selbst ein Bild zu machen. Kurz zuvor waren einem Bild-Fotografen und dem ARD-Korrespondenten Volker Schwenck, der im türkisch-syrischen Grenzgebiet mit Flüchtlingen sprechen wollte, die Einreise verweigert worden. Begründung: Er habe "keinen Antrag auf journalistische Tätigkeit" gestellt. In anderen Fällen schweigen sich die Behörden aus.

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