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Pressefreiheit:"Den Spielen fernbleiben"

Politiker und Sportverbände reagieren auf den Ausschluss des Journalisten Hajo Seppelt von der Fußball-Welt­meister­schaft in Russland.

Von Jens Schneider

Hajo Seppelt zählt zu den profiliertesten Sportjournalisten in Deutschland.

(Foto: Jean-Christophe Bott/AP)

Im Sommer soll in Russland die Fußball-Weltmeisterschaft beginnen, gut einen Monat vor dem Eröffnungsspiel sendet Moskau nach Auffassung deutscher Politiker ein verheerendes Signal mit Blick auf die freie Berichterstattung von Journalisten. Es trifft den ARD-Mitarbeiter Hajo Seppelt, einen der renommiertesten deutschen Sportjournalisten. Seppelt legte mit seinen Recherchen die Basis dafür, dass das staatlich orchestrierte russische Dopingsystem ans Licht kam. Nun wird ihm zur WM die Einreise verweigert. Von einem denkbar schlechten Vorboten für eine objektive und unabhängige Berichterstattung spricht Stephan Mayer, der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesinnenministerium.

Auch russische Fußballspieler stehen unter Doping-Verdacht

Das Innenministerium ist in der Regierung für die Sportpolitik verantwortlich, der zuständige Staatssekretär Mayer (CSU) sagte: "Zu einem objektiven und unabhängigen Journalismus gehört es, dass man auch Sportjournalisten zur Berichterstattung über die Fußballweltmeisterschaft ins Land einreisen lässt, die sich kritisch mit dem Land und dem Dopingmissbrauch im Land beschäftigen." Aus der Opposition wurden bereits Konsequenzen gefordert. So sagte Grünen-Chefin Annalena Baerbock der Welt am Sonntag, die Bundesregierung müsse klarmachen, "dass die Verweigerung der Einreise für kritische Journalisten nicht akzeptabel ist". Der Vorfall sei "ein Grund mehr, dass deutsche Regierungsvertreter den Spielen fernbleiben sollten".

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) verlangte von Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD), er solle den russischen Botschafter einbestellen und auf die Möglichkeit zur freien Berichterstattung dringen. Denn die sei, so der FDP-Vize, für Deutschland unabdingbar und "dürfte auch im Interesse Russlands liegen". Von Außenminister Maas gab es zunächst keine Stellungnahme, man wollte erst weitere Hintergründe erfahren. "Wir haben, auch in Absprache mit der ARD, mit den zuständigen Stellen Kontakt aufgenommen und drängen auf unverzügliche Klärung", hieß es am Wochenende aus dem Auswärtigen Amt.

Die ARD hatte das Einreiseverbot gegen den 55 Jahre alten Sportjournalisten am Freitag öffentlich gemacht. Seppelt stehe demnach auf einer Liste der in Russland "unerwünschten Personen" und könne daher nicht in die Russische Föderation einreisen. Nähere Angaben zu den Hintergründen seien dem Sender zufolge nicht gemacht worden. Im Hinblick auf die Berichterstattung über Großereignisse wie die Fußball-WM sei das ein beispielloser Eingriff in die Pressefreiheit, so die ARD.

Auch wenn keine Begründung bekannt wurde, erscheint der Zusammenhang zu Seppelts Recherchen offenkundig. "Das liegt natürlich daran, dass wir kritisch über Russland berichtet haben, dass wir das russische Staatsdoping 2014 aufgedeckt haben", sagte er selbst am Freitag. "Es sieht ganz so aus, als ob das eine der Konsequenzen ist." Seit fast seit zwei Jahrzehnten zählt Seppelt zu den profiliertesten deutschen Sportjournalisten. Seine Recherchen zum Doping hatten Folgen. Ende 2014 zeigte die ARD unter dem Titel Geheimsache Doping: Wie Russland seine Sieger macht einen ersten Beitrag, später folgten weitere Filme. Aufgrund des veröffentlichten Materials traten verschiedene russische Funktionäre zurück. Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) setzte eine Kommission unter Leitung des kanadischen Anwaltes Richard McLaren ein, sie bestätigte die Recherchen.

Demnach gab es in Russland von 2011 bis 2015 ein Doping- und Vertuschungssystem, das die Spitze des Sportministeriums dirigierte und an dem Mitarbeiter des Geheimdienstes FSB, die nationale Anti-Doping-Agentur (Rusada) sowie das Moskauer Doping-Kontrolllabor beteiligt waren. Der Kommissionsvorsitzende McLaren bezeichnete dies in seinem Abschlussbericht aber nicht als "Staatsdopingsystem", sondern als "institutionelle Verschwörung". Eine wesentliche Quelle waren die Aussagen und Belege des früheren Moskauer Labor-Chefs Grigorij Rodtschenkow, der kurz nach Beginn der Affäre in die USA flüchtete und als Kronzeuge über das System auspackte. Bei den Winterspielen in Pyeongchang in Südkorea mussten in diesem Jahr russische Athleten ohne Hymne und Flagge antreten.

Aufgrund der Recherchen ergab sich unter anderem der Verdacht, dass auch russische Fußballer von dem System profitiert haben könnten. Sonderermittler McLaren kommt in einer anonymisierten Zusammenstellung auf 34 mögliche Fälle von Fußballspielern, die sich der Weltverband genauer anschauen müsste - darunter der komplette Kader der russischen Nationalelf, der 2014 an der WM in Brasilien teilnahm. Die russischen Verantwortlichen beteuerten stets, es habe kein Dopingsystem gegeben. Seppelt erhielt für seine Arbeit viele Auszeichnungen, so den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis.

DFB-Chef hat "volles Vertrauen" in den Einfluss der FIFA

Politiker wie die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag (SPD), erwarten eine klare Haltung vom Veranstalter der WM, dem Weltfußballverband Fifa. Freitag bezeichnete das Einreiseverbot als skandalös. Auch der Chef des Deutschen Fußballbundes, Reinhard Grindel, setzt auf den Verband. Die Fifa habe betont, welch hohen Stellenwert die Pressefreiheit für sie habe, sagte Grindel: "Ich habe volles Vertrauen, dass die Fifa jetzt ihren Einfluss geltend macht, damit Herr Seppelt ungehindert aus Russland berichten kann."

Aus Moskau gibt es zu alledem eine eigentümliche Wortmeldung, die wie eine indirekte Warnung klingt. Sie kommt vom Chef des russischen Journalistenverbands. Er hat einem Agenturbericht zufolge ein Visum für den ARD-Journalisten zur Fußball-WM gefordert. "Seppelt muss unbedingt ein russisches Visum bekommen, er sollte unsere Weltmeisterschaft besuchen", sagte Wladimir Solowjow der Agentur Ria Nowosti zufolge am Wochenende. Das Zitat geht mit den Worten weiter: "Allerdings sollte man ihn unbedingt unter Schutz stellen, damit er nicht zufällig von einem Kenner seines 'journalistischen Talents' verprügelt wird". Der Agenturmeldung zufolge sehe der russische Verbandschef Seppelt nicht als Journalist, da er gegen "alle Prinzipien des objektiven Journalismus" verstoßen habe.

Der Fußball-Weltverband Fifa hat erklärt, dass Seppelt bereits eine Akkreditierung bewilligt worden sei. Man wolle nun weitere Informationen aus Russland abwarten.

© SZ vom 14.05.2018
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