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Pressefotografie:Wie viel royales Malheur darf man zeigen?

Royal Wedding in Windsor

Den Sturz von Louis de Givenchy (r.) findet man in den Agenturen noch - die Szene kurz darauf, in der Lady Louise (Mitte) mit dem Wind kämpft, nicht.

(Foto: Reuters)
  • Die britische Fotoagentur PA Images publizierte ein Foto, auf dem die 14-jährige Lady Louise Windsor ihren Rock festhält, nachdem der Wind ihn hochgeweht hatte.
  • Nach einer Beschwerde des Buckingham Palace zog die Agentur das Foto mit Hinweis auf die Persönlichkeitsrechte der Minderjährigen zurück.

Das Wort "Wind" in Windsor fand kürzlich besondere Beachtung. Bei der Hochzeit von Queen-Enkelin Eugenie und Jack Brooksbank kam es zu einer klassischen Verkettung unglücklicher Umstände. Zunächst verlor Blumenmädchen Charlotte die Balance, als sie die Treppen zu St. George's emporstieg, an ihrer Hand hielt sie den Pagenjungen Louis de Givenchy, der das Gleichgewicht verlor und hinfiel, woraufhin Lady Louise sich bückte, um ihm aufzuhelfen - und ein Windstoß den blauen Rock von Lady Louise um 11:48 Uhr gen Kirchturmspitze wehte, sodass ihre Unterhose und die Strumpfhose kurz zu sehen waren.

Während die Zeremonie lief, schickten die Fotografen ihre Aufnahmen an die Agenturen, die die Fotos weltweit verbreiten. Das Foto von dem eigentlichen Malheur wurde, verständlich, nicht veröffentlicht. Die britische Fotoagentur PA Images publizierte ein züchtiges Foto, das Sekunden danach entstanden ist und auf dem der Rock längst wieder dort ist, wo er hingehört, das Mädchen hält ihn fest. Ein Foto, das zwar andeutet, was passierte, aber nicht zeigt, was passierte. Eine clevere Lösung. Dachte man. Denn drei Stunden später wurde auch dieses harmlose Foto zurückgezogen. Alle sendeten den "Mandatory Photo Kill": "Wir haben Ihnen aus Versehen ein Foto gesendet, das nicht verwendet werden darf", schrieb zum Beispiel Getty. Das ist ein seltener, bemerkenswerter Vorgang.

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Aus Versehen? Wieso zog PA Images das harmlose Foto zurück? Ist das schon Zensur oder noch Nettigkeit? Und was ist zwischen der Veröffentlichung um 12 Uhr und der Zurückziehung um 15 Uhr passiert?

Der Buckingham Palace ist ein Ort der Verschwiegenheit. PA Images weniger. Die Pressestelle des Buckingham Palace, so erzählt es ein Mitarbeiter aus London, soll ihren Unmut zum Ausdruck gebracht haben, mit der Bitte, das Foto zu entfernen. "Buckingham Palace wasn't happy", so der Mitarbeiter. Die Agentur entschied, das Foto zurückzuziehen und informierte Partner wie Getty Images, dpa und Co. Es folgte eine interne Mail, in der daran erinnert wird, dass Minderjährige besonders durch das britische Gesetz geschützt seien.

Tatsächlich ist Lady Louise Windsor, die jüngste Enkelin der Queen, 14 Jahre alt. Rechtlich betrachtet ist es dennoch fraglich, ob das harmlose Foto ihre Persönlichkeitsrechte verletzt. Royals genießen keinen anderen Schutz als andere Briten. Wahrscheinlicher ist, dass das Foto aus anderen Gründen verschwand. Der britische Medienanwalt Dan Tench hält es für unwahrscheinlich, dass ein Gesetzesverstoß vorliegt. "Vermutlich dachte die Agentur, es sei richtig, das Foto aus dem Verkehr zu ziehen." Auch der renommierte britische Medienanwalt Roddy Chisholm Batten kann keinen Verstoß gegen geltendes britisches Recht erkennen. Er weist jedoch darauf hin, dass das Verbot des "Upskirting" gerade Gegenstand eines parlamentarischen Gesetzesentwurfes ist. Auch wenn das Foto nur ein Mädchen mit Rock von hinten zeigt, deren Haare wehen - es scheint eine Frage des Timings zu sein. Denn andere unvorteilhafte Fotos durften verbreitet werden: Sarah Ferguson mit Schweißflecken, der hochgewehte Rock von Herzogin Kate und der hingefallene Sechsjährige.

Und was meint der Fotograf Steve Parsons? "Man fotografiert einfach alles, was vor der Linse passiert", sagt er am Telefon, eben auch Peinliches. Die Fotoauswahl treffen Andere. Die Bedingungen seien schwierig, weil man nichts inszenieren kann und die Royals nicht ansprechen darf. Findet er es schade, dass dem Palast seine Arbeit nicht gefiel? "So ein Foto muss die Welt nicht sehen", sagt Parsons. Trotzdem bleibt ein fader Beigeschmack, wenn Kinder mit dem Einverständnis ihrer Eltern mit Aufgaben auf einer royalen Hochzeit betraut werden, Fotografen, Journalisten und Fernsehteams eingeladen werden, der Steuerzahler für die Sicherheitsvorkehrungen der Kutschfahrt aufkommt - und die Öffentlichkeit kurzerhand wieder ausgeladen wird, sobald auch nur ein kleines Malheur passiert.

Am Ende ist es wohl vor allem eine Frage der Kräfteverhältnisse. PA Images wirbt auf ihrer Website mit üppigen Dossiers mit Fotos der Royals. 2019 steht mindestens eine Taufe des Britischen Königshauses an, die des Babys von Harry und Meghan. Da möchte man natürlich zum Fototermin eingeladen werden.

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