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Presse: Berliner Zeitung:Im Wendekreis der Heuschrecke

Erst war es der Nordire Montgomery, nun ist es der Kölner Neven DuMont: Die Redaktion der Berliner Zeitung im Aufstand gegen ihren Verleger.

Alles klang so schön. David Montgomery, die "Heuschrecke", weg. Und Alfred Neven DuMont, der Kölner Verleger, da. Mit dem neuen Eigentümer sollte die Zukunft der Berliner Zeitung gesichert werden.

Mont Gomery, Neven Du Mont, Fotos: dpa, ddp, Grafik: sueddeutsche.de

Neu-Verleger Neven DuMont, Alt-Verleger Montgomery: Krach am Alexanderplatz.

(Foto: Fotos: dpa, ddp, Grafik: sueddeutsche.de)

Nun aber verkündet die Redaktion des Hauptstadtblatts, das einst in der DDR der Prunk des SED-Pressewesens war, in einer Pressemeldung, dass der Kölner Verlag DuMontSchauberg "letztlich ähnlich wie die Heuschreckenfirma Mecom" des Nordiren Montgomery wirke. Ja, der Redaktionsausschuss kündigt sogar an, notfalls zu klagen - wegen Verstößen gegen das Redaktionsstatut.

Anlass der Anti-Eigentümer-Offensive ist DuMonts Plan, am Montag eine Redaktionsgemeinschaft ("ReGe") des Berliner Blatts und der ebenfalls zum Zeitungskonzern gehörenden Frankfurter Rundschau zu starten. Das in Berlin und Frankfurt/Main einsitzende Konstrukt soll Kosten sparen. Doch die Redaktion argumentiert mit dem Redaktionsstatut, das eine "Vollredaktion" vorsehe. Die Auslagerung wesentlicher Bereiche der Politik- und Wirtschaftsberichterstattung in die neu gegründete DuMont Redaktionsgemeinschaft "gefährdet die Identität der betroffenen Zeitungen", heißt es in der Erklärung.

Es gilt das Prinzip Stellungskrieg im Zeitungsverlagshaus am Berliner Alexanderplatz.

Zwar sei die Redaktion offen für Kooperationen, das Modell Redaktions-gemeinschaft werde "jedoch strikt abgelehnt". Die Bildung der Redaktions- gemeinschaft, die von der bisherigen Vize-Chefredakteurin der Berliner Zeitung, Brigitte Fehrle, geleitet wird, werde zu einer Aushöhlung der Marke und einer schädlichen Bürokratisierung der Redaktionsarbeit führen, so der Redaktionsausschuss.

Die umstrittene neue Gruppe beliefert mit 24 Redakteuren auch die Verlagstitel Kölner Stadt-Anzeiger und Mitteldeutsche Zeitung mit Texten aus Politik und Wirtschaft. Insgesamt greifen also vier Zeitungen zu.

Offener Brief der Redakteure

Statt kurzer Absprachen in einer Redaktion fürchten die Mitarbeiter bei "DuMontgomery" (taz) langwierige tägliche Proporzverhandlungen, "häufige Video-Schaltkonferenzen, lähmende Macht- und Kompetenzkämpfe zwischen den Redaktionen wie zwischen den Chefetagen". Als Indiz für die Bürokratisierung nennt der Redaktionsausschuss die von DuMont getroffene Regelung, dass exklusive Artikel nicht mehr der jeweils recherchierenden Redaktion, sondern aus Proporzgründen abwechselnd der FR und der Berliner Zeitung zugeordnet werden sollen.

Redakteurs-Sprecher Daniel Haufler spricht von "einer Operation am offenen Herzen der Berliner Zeitung - und ihr Ausgang ist völlig ungewiss." Die Auslagerung sei mittel- und langfristig vor allem darauf angelegt, durch die Mehrfachverwertung von Texten Arbeitsplätze in der Redaktion abzubauen. Schon vor Wochen hatten die Redakteure in einem Offenen Brief vor den Sanierungsmaßnahmen gewarnt. DuMont dementierte bereits, dass die "ReGe" auch bei Sport und Feuilleton aktiv werden solle.

"Autorenpool"

Bei einem Pressegespräch in Berlin am Freitag erläuterte der Betriebsrat des Berliner Verlages zudem, dass Tarifforderungen aufgestellt wurden, die letztlich auch mit Arbeitskampfmaßnahmen durchgeführt werden können.

Es kommt also einiges zu auf die Berliner Zeitung, die der zwischenzeitliche Eigentümer Bertelsmann einmal zur "deutschen Washington Post" umfunktionieren wollte. Chefredakteur Uwe Vorkötter dementiert jedoch Spekulationen, hier solle wie in den Großkonzernen Springer und Bauer Zentralredaktionen geschaffen werden. Er spricht vom "Autorenpool". Vorkötter hatte sich 2006 mit Macht gegen den Einzug des Neu-Eigentümers Montgomery gestemmt und war daraufhin zur Frankfurter Rundschau gewechselt. Das defizitäre Blatt vom Main ist tief in den roten Zahlen und soll von der Operation "ReGe", die dort offenbar "DRG" heißt, am meisten profitieren.

Dass Alfred Neven DuMont etwas mit David Montgomery zu tun haben könnte, wird von allen Verlagsverantwortlichen der Gruppe strikt bestritten.

© sueddeutsche.de/berr

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