bedeckt München 18°

Joachim Gauck im TV-Kreuzverhör:Der Pastor lässt seinen Charme spielen

Er weiß, dass er keine Chance hat - und tut alles, um sie zu nutzen: Zwei Tage nach Christian Wulff beweist Herausforderer Joachim Gauck im ARD-Talk, dass er der bessere Bundespräsident wäre.

Der Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten ist eine seltsame Sache. Für den Erfolg ist nicht erheblich, die knapp 82 Millionen Bundesbürger zu überzeugen - es genügt einem Kandidaten letztlich, die einfache Mehrheit der 1244 Mitglieder der Bundesversammlung auf seine Seite zu ziehen. Und dann ist da ja noch die viel zitierte Würde des Amtes, die Kandidaten stets zu der Behauptung veranlasst, überhaupt keinen Wahlkampf zu veranstalten.

SPD German presidential candidate Gauck arrives for SPD meeting in Berlin

Bei seinem TV-Auftritt besticht Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck mit Offenheit:  Auf die Frage, ob er eitel sei, antwortet er unumwunden mit "Ja". Und fügt hinzu: "Aber nicht mehr als andere, die im öffentlichen Raum rumspringen."

(Foto: Archivbild: rtr)

Nun haben sich die beiden Nicht-Wahlkämpfer trotzdem in ein Fernsehstudio der ARD begeben, um in eigener Sache zu werben. Allerdings nicht in einem direkten Duell, wie die Zuschauer das von Wahlkämpfen vor Bundestags- oder Landtagswahlen kennen, sondern zwei Tage versetzt in der ARD-Sendung Farbe bekennen.

Christian Wulff, der Kandidat der schwarz-gelben Koalition war bereits am Mittwoch auf Sendung, Joachim Gauck, von SPD und Grünen ins Rennen geschickt, nun am Freitag. Erstaunlicherweise ist dieses Fernduell aufschlussreicher als manch direkter Schlagabtausch der vergangenen Jahre.

Den beiden Fragestellern Ulrich Deppendorf und Thomas Baumann gelang es zwar nicht, einen der Kandidaten ernsthaft in Bedrängnis zu bringen. Doch wer die zwei Mal 15 Minuten verfolgt hat, kann doch erhebliche Unterschiede bei den beiden Kandidaten feststellen. Nicht nur bei inhaltlichen Punkten, sondern vor allem in der B-Note.

Während Polit-Profi Wulff sich mit der ganzen Erfahrung aus 35 Jahren Parteiarbeit und unzähligen TV-Auftritten geschickt, aber doch bieder und brav durch die Fragen laviert, zeigt der Pastor aus Rostock, dass er mit seinen 70 Jahren in einer Antwort mehr Verve, Charme und Charisma packen kann, als sein Herausforderer in der gesamten Sendung.

Auch bei provokanten Fragen ehrlich

Vor allem aber erweckte Gauck den Eindruck ehrlich zu antworten - gerade bei provokanten Fragen. Mit einem knappen "Ja" antwortet der 70-Jährige auf die Frage, ob er eitel sei und schiebt dann nach: "Aber nicht mehr als andere, die im öffentlichen Raum rumspringen."

Dem 20 Jahre jüngeren Schwiegermüttertraum ist die Frage nach der Eitelkeit erspart geblieben. Hätte er sie gestellt bekommen, sähe seine Antwort aber wohl in etwa so aus: "Wissen Sie, Eitelkeit ist keine Eigenschaft, die einem Bundespräsidenten gut zu Gesicht steht. Ich will mich als Bundespräsident für die Weltfinanzordnung, das Weltklima und den Weltfrieden einsetzen."

Dies zählte der CDU-Mann übrigens tatsächlich auf, als er in seinem Vorstellungsgespräch nach seinem Leitmotiv gefragt wurde. Bevor er sich zu dieser Gutmenschen-Trias hinreißen ließ, erklärte Wulff, das Thema seines Wahlkampfes sei die Zukunft.

Ein schönes Thema für den Teflon-Kandidaten, schließlich ist die Gefahr recht gering, dass Kritiker kontern: "Herr Wulff, Sie sollten sich mehr um die Vergangenheit kümmern."

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite