Porträt Wir schaffen das

"Wir müssen persönlicher ankommen bei den Nutzern": Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue.

(Foto: Jens Jeske/imago)

Seit sechs Monaten ist Stefan Raue Deutschlandradio-Intendant, ein so komplexer wie komplizierter Job: Raue muss drei Sender an zwei Standorten managen - und das öffentlich-rechtliche System verteidigen.

Von Stefan Fischer

Manchmal zuckt es noch bei Stefan Raue. Ehe der 59-Jährige vor einem halben Jahr Intendant des Deutschlandradios geworden ist, war er Journalist. Der Abschied von seinem Beruf sei ihm nicht leichtgefallen, sagt er, und die Lust, vor dem Mikrofon den Menschen die Welt zu erklären, nach wie vor da. In seiner neuen Funktion muss Raue nun den Menschen seinen Sender erklären.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk erlebt gerade die turbulenteste Zeit seiner gesamten Existenz: Kosten, Strukturen, Inhalte werden kritisch gesehen wie nie - von der Politik, vom Publikum und von einer wachsenden Zahl Menschen, die nicht mehr einschalten und ihr Missfallen lautstark kundtun. Die Legitimation der Öffentlich-Rechtlichen steht in Frage.

Das Deutschlandradio könnte sich nicht gemeint fühlen: Der Sender mit Standorten in Berlin und Köln strahlt bundesweit drei sogenannte gehobene Programme aus, die zusammen täglich mehr als zwei Millionen Hörer erreichen - eine Informationswelle (Deutschlandfunk), eine Kulturwelle (Deutschlandfunk Kultur) und eine Welle für jüngere Hörer mit dem Fokus auf Wissensthemen (Deutschlandfunk Nova). Das Deutschlandradio macht kein Fernsehen, gibt sein Geld also weder für Sportrechte aus noch hat es den Serienboom verschlafen. Es betreibt im Hörfunk weder Popwellen im Stil der Privatradios noch digitale Spartenprogramme im Dutzend. Von den 17,50 Euro des Rundfunkbeitrags erhält die Anstalt 48 Cent. Sie ist also für wenig von dem verantwortlich, wofür die Öffentlich-Rechtlichen kritisiert werden.

Raue sieht das Deutschlandradio trotzdem in der Verantwortung. Es gelte, das eigene Tun kritisch zu hinterfragen. Gerade aufgrund der Reputation komme dem Sender eine wichtige Rolle zu in der Verteidigung des öffentlich-rechtlichen Systems. Seit seinem Amtsantritt im September äußert sich Raue deutlich vernehmbar - im Streit mit den Verlegern über die Konkurrenz im Digitalen, in der Debatte um die Strukturreform der Öffentlich-Rechtlichen oder zum Staatsfunk-Vorwurf. Er tut das nicht konfrontativ, sondern strebt Debatten an und Kompromisse. Printmedien und Privatsender betrachtet Raue nicht als Gegner, die ARD nicht als Konkurrenten: "Das öffentlich-rechtliche System überlebt entweder gemeinsam oder es fällt gemeinsam", sagt er beim Gespräch im Funkhaus am Berliner Hans-Rosenthal-Platz. Raue möchte die Zukunft des Rundfunks selbst gestalten und nicht darauf warten, dass Politik und Gerichte alles lösen.

"Vielleicht sind zu viele Debatten, die wir führen, Mittelstands-Diskussionen"

Von diesem Funkhaus in Schöneberg aus hat einst der Rias gesendet. Hervorgegangen aus mehreren Fusionen, unter anderem auch mit DDR-Wellen, hat das Deutschlandradio sowohl eine West- als auch eine Ostidentität. Der neue Intendant bringt auch ein Stück Osten mit: Eine Kaffeetasse mit dem Aufdruck "mdr um 4" kündet von seiner Zeit als trimedialer Chefredakteur beim MDR in Leipzig. Raue selbst stammt aus dem Westen, aus Wuppertal, und war nach Anfängen beim Rias 1990 bei der Deutschen Welle und dann beim ZDF, unter anderem als stellvertretender Leiter der Heute-Redaktion.

Nun ist Stefan Raue zurück, wenn auch bei einem ganz anderen Sender. Den er weiter verändern möchte. Der Legitimierungsdruck und die fortschreitende Digitalisierung sind zwei Herausforderungen, die man mit Maßnahmen zu meistern gedenkt, die demselben Grundgedanken entspringen: Das Programm muss näher an Hörer und Nutzer rücken. Hartgesottene Feinde der Öffentlich-Rechtlichen werde man von ihrer Haltung nicht wegbringen, meint Raue. Einen Teil der Skeptiker müsse man jedoch zurückgewinnen.

Wie das gelingen kann? Indem man Kritik stärker annehme, so Raue, und auf Marktplätzen, in Parlamenten und im Studio mit den Menschen diskutiere, unabhängig von ihrer Einstellung. "Und wir müssen transparenter machen, wie wir arbeiten." Raue sagt sehr oft: "Wir müssen ..." Getrieben wirkt er nicht, jedenfalls nicht von außen. Aber er weiß, dass sich etliches ändern muss, um das Wesentliche zu erhalten: dass das Deutschlandradio beim breiten Publikum meinungsbildend bleibt.

Das betrifft zum einen die klassische Radioarbeit. "Der Journalisten-Beruf ist merklich akademischer geworden", sagt Raue. Das wirke sich auf die Sprache, die Themen, die Art der Berichterstattung aus. "Vielleicht sind zu viele Debatten, die wir führen, Mittelstandsdiskussionen." Raue schlussfolgert: Das Deutschlandradio müsse verständlicher und relevanter werden für Menschen ohne Hochschulabschluss.

Zum anderen drängt auch die Digitalisierung zu einem Wandel, runter von der Kanzel. "Wir müssen persönlicher ankommen bei den Nutzern", sagt Raue. Die Ur-Idee der Online-Auftritte klassischer Medien habe sich als falsch erwiesen: "Es genügt nicht, dass sie der Spiegel dessen sind, was wir im linearen Programm machen." Anstatt im Netz Zeitungen zu kopieren oder das alte Radio dorthinzubringen, müsse man "neue Formen entwickeln, die dort besonders gut ankommen".

Der Erfolg der Podcasts weist den Weg. Sie sind tendenziell subjektiver, pointierter, direkter und mitunter anstößiger als Sendungen im UKW- oder DAB-Programm. Raue prophezeit Hörspielen, Features und auch Magazinsendungen eine große Zukunft im Podcast-Universum. Sie werden dort nur anders klingen.

Die Spielräume für die Öffentlich-Rechtlichen werden enger. Es müsse aber weiterhin Entwicklungsmöglichkeiten geben, fordert Raue. Angesichts der Volksabstimmung in der Schweiz und der AfD-Kritik müssen, so Raue, "alle, die Verantwortung tragen, zum Schwur kommen und klarmachen, was ihnen das öffentlich-rechtliche und das freiheitliche Mediensystem insgesamt wert ist". In Gesprächen mit Politikern erfahre er viel Anerkennung. "Ich würde mir manchmal aber mehr demonstrative Unterstützung wünschen."

Auch die Sender selbst sieht Raue in der Pflicht. Sie müssten sich klarmachen, worauf es ankommt: Müssen die Öffentlich-Rechtlichen alles, "was wir bisher im Digitalen versucht haben, in alle Himmelsrichtungen immer weiter treiben?" Das Deutschlandradio werde sich auf drei, vier zentrale digitale Projekte konzentrieren: die Weiterentwicklung von Podcasts und den Ausbau der Audiotheken, ein attraktives Angebot für jüngere Hörer sowie eine Intensivierung des Nutzer-Dialogs.

Intern fallen die Reaktionen auf den neuen Chef unterschiedlich aus. Veränderungen beim Deutschlandfunk in der Wissenschaftsberichterstattung haben Stefan Raue kürzlich einen Protestbrief freier Autoren eingebracht. Fachredakteure wiederum beobachten, dass Raue sich eingehender mit den Inhalten und ihrem Zustandekommen befasse als sein barocker Vorgänger Willi Steul, von dem der eher nüchterne Raue sich auch habituell unterscheidet.

Bequem wird die Zukunft des Deutschlandradios nicht. Stefan Raue wird den Sender in Bewegung halten. Nur so, sagt er, könne er in die Zukunft gelangen.