Porträt:Jedes Thema ist ein Thema

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Vice ist im Netz, im Fernsehen, im gedruckten Magazin irre erfolgreich mit einem Journalismus, der anderswo so nicht denkbar wäre: radikal subjektiv, oft aus der Ich-Perspektive erzählt, vollkommen frei von Berührungsängsten mit Menschen und Themen. Geschichten auf Vice.com heißen: "Mein Vater hat meine Schwestern sexuell missbraucht, und ich habe ihn dafür ins Gefängnis gebracht." Bei Vice ist grundsätzlich jedes Thema ein Thema, Hauptsache, es interessiert.

Porträt: Vice - zu Deutsch "Laster" - wurde 1994 als Stadtmagazin in Montréal gegründet. Inzwischen gehören weltweit Webseiten, TV-Sender und eine Werbeagentur zur Firma. Hier die Berliner Redaktion.

Vice - zu Deutsch "Laster" - wurde 1994 als Stadtmagazin in Montréal gegründet. Inzwischen gehören weltweit Webseiten, TV-Sender und eine Werbeagentur zur Firma. Hier die Berliner Redaktion.

(Foto: Grey Hutton, VICE Media)

Für die wohl berühmtesten Geschichten - den Besuch des Basketballers Dennis Rodman in Nordkorea, bei dem er Kim Jong-un kennenlernte, oder die Reportage aus dem Inneren des IS - ist Vice wegen seiner Respektlosigkeit immer bewundert und oft heftig für sein naives Herangehen kritisiert worden. Bewundert auch, weil Vice eine Zielgruppe erreicht, mit der sich die meisten etablierten Medien sehr schwertun: die Millennials, die 18- bis 34-Jährigen.

Man möchte natürlich wissen an diesem sonnigen Tag in Berlin, wie viel Vice denn nun steckt in der Journalistin Laura Himmelreich - und wie viel ihr neuer Chefposten mit dieser einen, für den Stern ungewöhnlich subjektiven Geschichte zu tun hat, mit der das Magazin vor drei Jahren einen fast schon Vice-mäßigen Rummel verursacht hat. Laura Himmelreich, die vermutlich gelernt hat, sich nicht auf den einen Text reduzieren zu lassen, sagt: "Das Brüderle-Porträt war nicht die Geschichte von mir, die am besten zu Vice passt. Das war vermutlich mein einwöchiger Selbstversuch bei Scientology. Aber weil das nur eine Übungsreportage auf der Journalistenschule war, ist sie nie irgendwo erschienen."

Ist sie gewappnet, so etwas noch mal zu machen? Sie lacht, möglicherweise etwas gequält

Ganz falsch ist die Vermutung, dass der Brüderle-Ruhm Laura Himmelreich beim Weg zu Vice eher genutzt als geschadet haben könnte, wohl trotzdem nicht. Irgendwann während des Gesprächs setzt sich Tom Littlewood mit an den Biertisch auf der Wiese, er ist Chefredakteur von Vice Deutschland, er hat Laura Himmelreich den Job angeboten. Weil sie ein bisschen prominent ist? Nein, sagt er, "aber ich finde, dass dieser qualitativ sehr gute Artikel gezeigt hat, dass Laura eine Person ist, die klare Haltung zeigen kann, wenn es angebracht ist." Diesen Mut zu haben, gehöre zur DNA von Vice. "Dass Laura die Erfahrung hat, wie wahnsinnig viel so ein Artikel bewegen kann, dass sie diesen ganzen Prozess durchlaufen hat, damit ist sie jetzt noch viel besser gewappnet, so etwas noch mal zu machen."

Laura Himmelreich lacht an dieser Stelle, möglicherweise ein kleines bisschen gequält. Sie sagt: "Abgehärtet hat mich die Debatte auf jeden Fall. Ich habe definitiv keine Angst davor, bei Vice Geschichten zu machen, die kontrovers sind. Ich kann allerdings gut darauf verzichten, dass mein eigenes Gesicht noch mal auf der Titelseite der Bild landet." Sie wechselt nun zu einem Unternehmen, das vom professionell gemachten Krawall sehr gut lebt. Und weiß so gut wie wenige andere deutsche Journalisten, wie anstrengend journalistischer Krawall das Leben machen kann.

Laura Himmelreich und Rainer Brüderle haben nach jener berühmten Geschichte übrigens nie wieder ein persönliches Wort miteinander gewechselt und werden sich doch nicht los. Wer den FDP-Politiker googelt, erhält als dritten Vorschlag der Suchmaschine das Wort Dirndl.

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